Schüler der Präparandenanstalt Schildesche, 1908 (privat)
Bild des Monats: November 2005
Die Volksschullehrer und die bürgerliche Kultur
Die jungen Männer, die sich hier so ernsthaft in Positur setzen oder stellen, würde man heute bestenfalls als Heranwachsende bezeichnen: Es sind Schüler einer Vorbereitungsschule („Präparandenanstalt“) für die Ausbildung am Volksschullehrer-Seminar und in der Mehrzahl wohl kaum älter als 16 Jahre.
Was diese Jungs so erwachsen aussehen lässt, ist vor allem ihre sorgfältig in Szene gesetzte äußere Erscheinung: der dunkle Anzug, die Weste, das weiße Hemd mit hohem, steifen Kragen („Vatermörder“), der „Binder“ oder die „Fliege“, die Taschenuhr mit Kette und nicht zuletzt die blitzblank geputzten Schuhen. Einer trägt sogar mit unverkennbarem Stolz einen „Kneifer“.
Die angehende Volksschullehrer legten großen Wert auf eine sorgfältige, modisch-gepflegte Erscheinung und das schloss auch ihre Kameraden ein: Fiel einer ihre Mitschüler als weniger gut gekleidet auf, so empfand man dies als ein peinliches Fehlverhalten, das die gesamte Gruppe herabsetzte, und daher stellte man den „Außenseiter“ zur Rede.
Vordergründig scheint dies nicht mehr zu sein als ein ausgeprägter Verhaltenskodex einer Jugendgruppe und dessen Sanktionierung – tatsächlich aber hatte es eine größere, ja eine gesellschaftspolitische Dimension: Es ging um die Übernahme und Verbreitung des bürgerlichen Lebensstils. Für den Staat war das Lehrpersonal der Volksschulen ein wichtiger Faktor bei der Verwirklichung sozialintegrativer Ideen: Volksschullehrer sollten Multiplikatoren für die Ausbreitung bürgerlicher Kultur sein und in diesem Sinne auf die unteren sozialen Schichten und die ländliche Bevölkerung veredelnd einwirken. Dieser Ansatz war jedoch problematisch, weil Volksschullehrer in der überwältigenden Mehrzahl weder aus einem bürgerlichen noch aus einem städtischen Umfeld stammten, sondern vielmehr aus den gleichen Schichten kamen wie ihre Schüler und deren Familien. Somit musste eine Verhaltenskonditionierung der angehenden Lehrer in Richtung Bürgerlichkeit zum unabdingbarer Teil ihrer Ausbildung gehören. Dazu zählten auch die heute manchmal als „Sekundärtugenden“ bespöttelten "bürgerliche" Werte wie zum Beispiel Pflichtbewusstsein, Gehorsam, Disziplin, Ordnung, Reinlichkeit. Und in diesem Zusammenhang wurde auch Wert auf einen städtisch-bürgerlichen Kleidungsstil gelegt.
Peter Höher
Literatur:
Lotte Adolphs: Kinderarbeit, Lehrerverhalten, Schulrevision im 19. Jahrhundert.Duisburg 1979.
Erwin Dillmann: Schule und Volkskultur im 18. und 19. Jahrhundert. Erkundungen zum Modernisierungsprozeß im saarländisch-trierischen Raum (Studien und Dokumentationen zur deutschen Bildungsgeschichte 57). Köln/Wien 1995.
Gerhard Petrat: Schulerziehung. Ihre Sozialgeschichte in Deutschland bis 1945. München 1987.
Michael Simon: Die „Veredelung“ der Volkskultur im 19. Jahrhundert, in: Ton Dekker u.a. (Hgg.), Ausbreitung bürgerlicher Kultur in den Niederlanden und in Nordwestdeutschland (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 74). Münster 1991, S. 96-107.
Hildegard Stratmann: Lehrer werden. Berufliche Sozialisation in der Volksschullehrer- Ausbildung in Westfalen (1870-1914). Waxmann-Verlag, Münster 2005 (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 107) (im Druck)