Kuchentafel unter der Tremse in Borken, Westfalen, 1938. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: Mai 2005
Ein "Fest der Kinder" – die Maitremse in Borken
Maibaum, Maitour und „Tanz in den Mai“ sind weit verbreitet, einmalig ist hingegen ein städtischer Brauch in Borken: die Maitremse.
Die Maitremse wurde, soweit feststellbar, im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig gefeiert. Ausnahmen bilden das Jahr 1883, als das Fest wegen einer anhaltenden Dürre durch eine Forstpolizeiverordnung verboten wurde, sowie die Kriegsjahre 1915-1918.
In den 1920er und 1930er Jahren ist der Ablauf der Borkener Maitremse ausführlich beschrieben worden: Das Frühlingsfest wird innerhalb der verschiedenen Nachbarschaften organisiert und gefeiert. Seinen Namen hat es von der Tremse, einem glockenförmigen Gebilde aus Weidenkränzen oder Draht, das mit Girlanden, buntgefärbten Eiern und Schleifen geschmückt wird. In ihrer Mitte hängt ein aus Holz geschnitzter Vogel, der vermutlich den Heiligen Geist in Gestalt der Taube symbolisiert.
Am Morgen des 1. Mai wird zwischen zwei Häusern ein Seil quer über die Straße gespannt und die Tremse daran befestigt. Darunter bauen die Erwachsenen am Nachmittag eine lange Tafel auf, an der die Kinder von den älteren Mädchen und Müttern mit Kuchen, Kakao und Kaffee bewirtet werden. Die Maitremse heißt deswegen auch „Fest der Kinder“. Nach dem Essen wird anstelle der Kuchentafel ein mit Laternen geschmückter Maibaum – meist eine Kiefer – aufgestellt. Die Kinder ziehen nun aus, um Blumen zu sammeln, die sie auf den Boden unter der Tremse streuen. Zum Abschluss des Kinderfestes tanzen sie Ringelreihen rund um das Bäumchen und singen Lieder wie „O Buer, wat kost’ dien Heu“ oder „In Holland steht ein Haus“.
Nach der abendlichen Maiandacht ist die Reihe an den Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen, die sich den ganzen Mai hindurch immer wieder zum Tanzen unter der Tremse treffen.
In den 1950er Jahren drohte das Fest in Vergessenheit zu geraten: So feierte 1957 im inneren Stadtgebiet Borkens nur eine einzige Nachbarschaft die Maitremse. Heutzutage lässt die Stadtverwaltung am letzten Sonntag im April eine große Tremse über dem Marktplatz aufhängen. Außerdem haben einzelne Nachbarschaften wieder damit angefangen, das Fest für ihre Kinder auszurichten.
Sonja Temlitz
Literatur:
Thomas Heinisch: Die Borkener Maitremse. In: Dirk Klapsing/Franz Leuker (Hg.): Unser Borken. Momente einer Stadt. Borken 1995, S. 59-61.
Dietmar Sauermann: Vom alten Brauch in Stadt und Land. Ländliches Brauchtum im Jahreslauf in Bildern und Berichten aus dem Archiv für westfälische Volkskunde (Damals bei uns in Westfalen, 3). 4. Auflage, Münster 1996.