Karfreitagsprozession, Menden (o.J.) Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: März 2005
Von „erfundenen Traditionen“
„Szenische“ Karfreitagsprozessionen wurden in Westfalen zuerst im 17. Jahrhundert in Münster und Paderborn von Jesuiten ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt dieser Prozessionen standen verkleidete Akteure, die in einer Art lebender Bilder die Leidensgeschichte Jesu darstellten.
Es dauerte aber noch ungefähr zwei Generationen, bis diese für Westfalen neue Form der Prozession so populär wurde, dass sie auch in anderen Pfarrgemeinden Nachahmung fand.
Allerdings galten die „szenischen“ Prozessionen schon bald wieder als unmodern, ja als anstößig – zumindest bei der höheren Geistlichkeit, die häufig den Ideen der Aufklärung anhing. Für sie war diese „barocke“ Frömmigkeit mit all ihrem Pomp, den Verkleidungen, der Theatralik und dem Streben nach Affekten oberflächlich und abstoßend. Sie stehe dem „wahren Glauben“ im Wege und müsse mit Ermahnungen, Einschränkungen und Verboten bekämpft werden.
Wie in anderen Orten, so waren auch die Einwohner von Menden durchaus nicht bereit, „ihre“ Karfreitagsprozession einfach aufzugeben. Man berief sich auf das hohe Alter und die ehrwürdigen Motive: Die Karfreitagsprozession sei aufgrund eines Gelübdes in den Schreckensjahren des Dreißigjährigen Kriegs entstanden, und es sei daher nicht zu vertreten, diese uralte Prozession der Vorväter einfach abzuschaffen.
Inzwischen weiß man, dass diese Ursprungsgeschichte eine „konstruierte Tradition“ ist, denn die Karfreitagsprozession in Menden ist nicht vor 1790 entstanden. Eine solche „Erfindung“ angeblich altehrwürdiger Traditionen kommt durchaus nicht selten vor. Es geschieht meist dort, wo rapider gesellschaftlicher Wandel tiefe Verunsicherung auslöst und das Zusammengehörigkeitsgefühl von Gruppen und Gemeinschaften gestärkt oder Institutionen und Autoritäten legitimiert werden sollen. – Sei es, um eigenen Ansprüchen Geltung zu verschaffen, sei es, um sich vor Vereinnahmung durch andere zu verteidigen.
Der Begriff „Invention of Tradition“ wurde zuerst von dem englischen Sozialhistoriker Eric Hobsbawm geprägt und ist zu einem häufig verwendeten Begriff in der Kultur- und Sozialgeschichte geworden.
Die Karfreitagsprozession in Menden hat sich behaupten können. Sie ist heute die weitaus größte in Nordrhein-Westfalen und zieht Teilnehmer und Schaulustige von Nah und Fern an.
Peter Höher
Literatur:
Peter Höher: „Szenische“ Karfreitagsprozessionen in Westfalen. In: Jahrbuch für Volkskunde 2004, S. 122-134.
Eric J. Hobsbawm: Introduction: Inventing Traditions. In: Eric J. Hobsbawm und Terence Ranger (Hg.): The Invention of Tradition. 1. Auflage Cambridge 1983.