Diese drei Mädchen bringen am Montag vor der Hochzeit dem Brautpaar Schinken. Noch 1911 war ein solcher Schinken das einzige Hochzeitsgeschenk (Rheine-Catenhorn, um 1950). Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild der Monats: Juni 2005
Gabe und Gegengabe – Gebehochzeiten in Westfalen
Im ländlichen Westfalen waren bis ins 20. Jahrhundert hinein sogenannte Gebehochzeiten bekannt. Bei diesem Brauch – der freilich regional und zeitlich in unterschiedlichem Maß ausgeübt wurde – hatte jeder Hochzeitsgast ein beträchtliches Geldgeschenk mitzubringen. Die jeweilige Gabe wurde sorgfältig in Listen aufgezeichnet, denn dadurch erwarben die Hochzeitsgäste einen Anspruch auf eine gleichwertige Gegenleistung bei Hochzeiten in der eigenen Familie. Das Brautpaar finanzierte mit den Gaben nicht nur die Hochzeitsfeier. Vielmehr waren die Beträge so beträchtlich, dass sie für einen Großteil der mit der Heirat notwendigen Anschaffungen ausreichten. Bei einer großbäuerlichen Gebehochzeit in der Bauerschaft Düren bei Witten wurden 1769 nicht weniger als 322 Reichstaler von 351 oft ebenfalls großbäuerlichen Gästen eingenommen; dies entsprach dem Wert von 40 bis 50 Kühen. Eine eher bescheidene Gebehochzeit in Hattingen, deren Gästeliste 109 Namen verzeichnet, erbrachte 1744 immerhin 73 Reichstaler.
Die Ursprünge der Gebehochzeiten liegen in Westfalen offenbar im frühen 17. Jahrhundert. Die Obrigkeit hatte vor allem seit dem 18. Jahrhundert sehr häufig Probleme mit diesen Veranstaltungen. Sie galten unter anderem als Ausgangspunkt für finanziell schlecht abgesicherte Ehen, sie führten angeblich zur Verschuldung der Gäste, förderten die Gewinnsucht und galten zudem als Anlass für ausschweifende Lustbarkeit, da hier auch getanzt wurde. Obrigkeitliche Verbote, die u.a. von 1655 (Fürstbistum Paderborn) 1694 (Fürstbistum Münster), 1645 (Herzogtum Westfalen) oder 1785 (Vest Recklinghausen) nachgewiesen sind, konnten die Praxis von Geschenk und Gegengeschenk aber nie völlig unterbinden. Es gab lediglich Zeiträume, in denen der Brauch seltener war oder nur in abgewandelter Form (etwa durch sehr niedrige Geldbeträge oder die Gabe von Naturalien) ausgeübt wurde. Mit der zunehmenden Mobilität auch der ländlichen Bevölkerung funktionierte das System immer seltener, so dass der Brauch im frühen 20. Jahrhundert fast völlig verschwunden war.
Christiane Cantauw
Literatur:
Gitta Böth, Christiane Cantauw, Jutta Nunes Matias: "Kein beßres Glück auf Erden ...", CD-ROM, Münster 2005
Regina Voith-Drobnitzky: Gebehochzeiten in Westfalen. Zum Wandel der Schenkbräuche unter dem Einfluß obrigkeitlicher Maßnahmen. Verlag Waxmann, Münster/ New York/ München/ Berlin 1998 (Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Europäischen Ethnologie 2)