Die Unterbringung der Flüchtlinge stellte auch Jahre nach dem Krieg noch ein Problem dar. Wie hier in Selm gehörten die als „Nissenhütten“ bezeichneten Notunterkünfte 1950 noch vielerorts zum gewohnten Stadtbild. Foto: Walter Nies, Stadtarchiv Lippstadt (Altes Bildarchiv W. Nies 8220, Neg. 54)
Bild des Monats: Juli 2005
Flüchtlinge
Als die deutsche Wehrmacht am 8. Mai 1945 kapitulierte, war Deutschland nur noch ein einziges Trümmerfeld. Wasser-, Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot kennzeichneten das Leben der Zeitgenossen. Hinzu kam, dass Millionen von Menschen durch den Krieg entwurzelt worden waren. Etwa 9,5 Millionen Flüchtlinge zogen in Trecks durch die Straßen der Städte. Diese Menschen hatten in der Regel nur wenig von ihrer Habe retten können. Viele von ihnen waren völlig entkräftet und demoralisiert. Nicht wenige hatten Angehörige auf der Flucht verloren.
Die Unterbringung all dieser Menschen stellte die Flüchtlingsämter und -obleute vor immense Probleme. 400 Millionen Kubikmeter Trümmer begruben die deutschen Städte unter sich. Für etwa 14 Millionen Haushalte standen nur 8 Millionen einigermaßen bewohnbare Wohnungen zur Verfügung. In vielen größeren Städten wurden Zuzugs- und Gewerbebeschränkungen erlassen. Vielfach teilte man den Flüchtlingen nur Lebensmittelrationen für Reisende zu, um sie zum Weiterziehen zu bewegen. In dünner besiedelten Regionen – wie z. B. in Schleswig-Holstein - fanden viele der Flüchtlinge eine neue, behelfsmäßige Bleibe. Vielerorts wurden auch Auffanglager eingerichtet, um die Not und das Elend der Flüchtlinge zu lindern. Hier erhielten sie ein Minimum des zum Leben Notwendigen: ein Dach über dem Kopf, Nahrung und Kleidung. Unter schwierigsten Bedingungen wurden in den Auffanglagern sogar Schulen für die Füchtlingskinder eröffnet. Hier fehlte es aber nicht nur an Lehr- und Lernmitteln, sondern auch an Einrichtungsgegenständen, so dass die Kinder teilweise vor ausgemusterten Munitionskisten kniend ihre Aufgaben machen mussten. Im Lager des Sozialwerks Stukenbrock (zwischen Bielefeld und Paderborn) schrieben die Schülerinnen und Schüler der evangelischen Lagerschule anfangs sogar auf Zeitungspapier bis ihnen geeignete Schulhefte zur Verfügung gestellt werden konnten. Auch für die Erwachsenen war das Leben in den Lagern alles andere als komfortabel: vor allem die drangvolle Enge bildete ein Problem für die Bewohner, die z.B. im Lager Stukenbrock mit drei bis vier Familien eine Wohnbaracke bewohnten. Dünne Sperrholz- oder Lattenwände trennten die einzelnen Wohnungen, so dass von einer Privatssphäre nicht die Rede sein konnte. Auch die Sanitäreinrichtungen waren hier bis in die 1950er Jahre in einem überaus desolaten Zustand.
So schwierig die Integration der Flüchtlinge, Vertriebenen, Evakuierten, Umsiedler und Zugewanderten im Nachkriegsdeutschland auch war, sie barg doch auch die Chance die erstarrten sozialen und konfessionellen Strukturen allmählich aufzubrechen. Die Betrachtung der Nachkriegsgeschichte als Migrationsgeschichte wie dies ein 1999 herausgegebener Sammelband tut, lenkt jedenfalls den Blick auf eine einzigartige gesamtgesellschaftliche Leistung, die die Geschichte und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland nachdrücklich beeinflusst hat.
Christiane Cantauw
Literatur:
Volker Pieper/Michael Siedenhans: Die Vergessenen von Stukenbrock. Die Geschichte des Lagers in Stukenbrock-Senne von 1941 bis zur Gegenwart, Bielefeld 1988
Jan Motte, Rainer Ohlinger (Hg.): 50 Jahre Bundesrepublik - 50 Jahre Einwanderung. Nachkriegsgeschichte als Migrationsgeschichte, Frankfurt a.M. 1999