Bei Schmallenberg, 1955. Der Gipfel eines Berges ist nicht zuletzt deshalb ein beliebtes Wander-Ziel, weil sich dem Wanderer an dieser Stelle gleichsam die Natur „zu Füßen legt". (Sauerländischer Gebirgsverein)
Bild des Monats: Januar/Februar 2005
"Aus grauer Städte Mauern ..." - Wandern seit 1750
Zu Fuß zu gehen ist eine Fortbewegungsart, die seit Urzeiten in hohem Maße den Alltag bestimmt. Menschen, die über keinerlei Fortbewegungsmittel verfügen, sind gezwungen, zu Fuß zu gehen, wenn sie einen anderen Ort erreichen möchten. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts erfuhr diese Art der Fortbewegung vor allem in bildungsbürgerlichen Kreisen jedoch eine grundlegende Umdeutung: Aus dem „zu Fuß gehen" wurde das Wandern, das zum Mittel der Selbstfindung und der gleichzeitigen intellektuellen Auseinandersetzung mit der Umwelt hochstilisiert wurde.
Vor allem die bürgerliche Avantgarde erging sich seit den 1780er Jahren in wortreichen Schilderungen der Vorzüge des Wanderns. Da Wandern jedoch noch nicht als standesgemäß galt, bedurfte es zahlreicher namhafter Fürsprecher – darunter Johann Wolfgang von Goethe –, die dieser Form der Fortbewegung den Geruch des Ärmlichen und Banalen auf der einen sowie der Unschicklichkeit und des Exzentrischen auf der anderen Seite nahmen. Es bildete sich bald eine wachsende Anhängerschaft der Wanderbewegung heraus, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts dann auch von der einsetzenden romantischen Hinwendung zu Heimat und Natur profitierte.
Mit der Gründung von Wandervereinen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Wanderbewegung institutionalisiert. Nun bedurfte das Wandern nicht mehr der intellektuellen Überhöhung, die es noch in der Frühphase ausgezeichnet hatte. Wandern war jetzt eine Freizeitbeschäftigung, die nicht mehr ausschließlich dem Bildungsbürgertum vorbehalten war, sondern auch in anderen sozialen Schichten und Altersklassen ihre Anhänger fand. Allerdings blieben die jungen Leute aus der Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Wandervogelbewegung ebenso unter sich wie die Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Naturfreundebewegung organisiert waren. Dennoch verband sie mit den Mitgliedern der Mittelgebirgsvereine wie dem Sauerländischen Gebirgsverein die feste Überzeugung, dass es sich beim Wandern um eine die Defizite des Alltags kompensierende Freizeitbeschäftigung handelt.
Christiane Cantauw