Das Bild aus der Zeit um 1900 gibt einen Eindruck davon, wie es im 18. und 19. Jahrhundert bei der leinengewerblichen Heimarbeit zugegangen ist. Dabei waren – anders als auf dem Foto dargestellt – zumindest in Mittel- und Unterschicht auch die Männer in den Arbeitsprozess eingebunden.
Bild des Monats: Dezember 2005
Häusliche Textilherstellung
Auf den Höfen Westfalens wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein vielfach Textilherstellung in Handarbeit betrieben. Im Raum Bielefeld trafen sich dazu wintertags oft bis zu 20 Spinner und Spinnerinnen mit ihren Spinnrädern in den Wohnstuben, die oft den einzigen beheizbaren Raum in den Häusern darstellten.
Diese Zusammenkünfte in den Spinnstuben bedeuteten zwar vor allem harte Arbeit, boten aber auch Gelegenheit zum geselligen Beisammensein. Ein besonderes Spinnstubenfest, „lange Nacht“ oder „langer Abend“ genannt, wurde am Thomastag abgehalten, vor allem im Norden Westfalens in den traditionellen Flachsverarbeitungsgebieten.
Ein Gewährsmann aus Versmold-Loxten (Kreis Gütersloh) berichtet: „Der 21. Dezember wurde hier im Volksmunde ‚Theoms Kurde’ (der kurze Thomas) genannt. Er ist in der Zeit meiner Großeltern (um 1850, d. Verf.) in besonderer Weise gefeiert worden. An diesem Abend ... mußte alles am Spinnrade – Flachs oder Wolle – restlos abgesponnen werden. Dann hatte das Spinnrad Ruhe bis nach dem Dreikönigstag. Nach dem Abspinnen begann die Jugend mit dem Tanz. Ein ehemaliger Vorsteher der Gemeinde Steinhagen erzählte mir, daß die Behörde seinerzeit den Langen Abend verboten hätte wegen vorgefallener Ausschreitungen. Er selber habe indessen den Grund nicht eingesehen, da die Fröhlichkeit sich stets auf den Höfen unter den Augen der Bauernfamilie abgespielt hätte“.
Lutz Volmer
Literatur:
Dietmar Sauermann: Vom alten Brauch in Stadt und Land. Ländliches Brauchtum im Jahreslauf in Bildern und Berichten aus dem Archiv für westfälische Volkskunde. 4. Auflage Münster 1996
Eduard Schoneweg: Das Leinengewerbe in der Grafschaft Ravensberg. Ein Beitrag zur niederdeutschen Volks- und Altertumskunde. Bielefeld 1923