Ein seltenes Bilddokument: Dieses Richtfest in Vreden-Köckelwick (Kreis Borken) hielt 1921 ein Fotograf für die Nachwelt fest
Bild des Monats: August 2005
Zimmermannsreden und „Hille-Bille“ - Bräuche und Gebräuche beim Hausbau
Beim Bau von neuen Häusern in früheren Jahrhunderten war die so genannte Aufrichtung des Fachwerkgerüsts ein wichtiger Schritt: Dann wurde an einem einzigen Tag – bevorzugt in den Sommermonaten Juni bis August – das gesamte tragende Holzgerüst aufgestellt. Das Datum dieses Tages wurde von den Bauhandwerkern vielfach in den Hausinschriften über den Dielentoren eingeschnitzt. Üblich war eine Bewirtung der Gäste, die bei der Arbeit halfen, im Rahmen eines mehr oder minder aufwändig gefeierten Richtfestes.
Aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind zahlreiche staatliche Verordnungen überliefert, die Hinweise zum Ablauf dieser Richtfeste geben. Die „Ansammlung“ zahlreicher Menschen, die vom Bauherren verköstigt wurden, stellte hierbei aus Sicht der Obrigkeit vielfach ein Ärgernis dar, weil sie "Excesse" und "Schwelgereien" befürchtete. Nicht selten war ein Richtfest mit einer so genannten Gelddönte oder Gebehochzeit verbunden, die im ländlichen Westfalen auch zu anderen Anlässen üblich war: Die Gäste brachten ein relativ hohes Geldgeschenk mit, das vom Empfänger genauestens notiert wurde. Die nicht geringen Summen waren zunächst höchst willkommene „Spenden“ zur Baufinanzierung. Nahm aber einer der Gäste ebenfalls eine Baumaßnahme vor, musste ein entsprechendes Gegengeschenk geleistet werden.
Die konkrete Ausgestaltung der Richtfeste ist erst aus dem fortgeschrittenen 19. und 20. Jahrhundert überliefert. Schon damals gab es die heute noch üblichen Zimmermannsreden, die oft mit humorigen Sprüchen verbunden waren. Ferner bestanden archaisch anmutende Bräuche wie das Rasseln mit Ketten und das „Hille-Bille“, bei dem – zum Beispiel in Minden-Ravensberg – acht Zimmerleute mit ihren Äxten rhythmisch auf eine Buchenholzbohle schlugen. Im östlichen Westfalen und anderswo waren bereits um 1900 Richtekronen bekannt; sie wurden vom Bauherren mit Geschenken behängt und vor oder nach der Zimmermannsrede heraufgezogen und am Dachfirst angebracht. Im Münsterland begnügte man sich vielfach damit, am letzten Sparren einen Zweig anzunageln; dies ist zum Beispiel von einem Richtfest im Kreis Steinfurt aus dem Jahre 1906 überliefert. Die am Giebel stehenden Zimmerleute nahmen aber auch hier Geschenke des Bauherren in Empfang, die sie in einem Tuch heraufzogen.
Lutz Volmer
Literatur:
Andreas Eiynck: Alles unter Dach und Fach. Bauen und Wohnen in altem Fachwerk auf dem Lande (Damals bei uns in Westfalen, 2). 4. Auflage, Rheda-Wiedenbrück 1998