Ein Schmuckblatt des Verlags Velhagen & Klasing, Bielefeld, aus der ersten, von Otto Speckter gestalteten und seit 1859 verfügbaren Serie. Verteilt wurde es bei einer Konfirmation am Palmsonntag 1887 in Höxter (Volkskundliche Kommission für Westfalen - LWL, Inv.-Nr. 90/725).
Bild des Monats: April 2005
Wie aus Urkunden „Wandschmuck“ wurde - Konfirmationsscheine aus Westfalen
Nach einer preußischen Verordnung hatten erstmals im Jahr 1828 alle westfälischen Kirchengemeinden ihren Neukonfirmierten eine Bescheinigung über die Konfirmation auszustellen. Es war dies ein einfacher Zettel mit einem vorgedruckten Text, der mit den persönlichen Daten zu ergänzen und zu unterschreiben war. Der Zettel musste von nun an zwar verteilt, in Westfalen aber weder bei staatlichen noch bei kirchlichen Stellen zu irgendeiner Gelegenheit vorgezeigt werden. Sinnlos, wie zunächst von einigen Kirchengemeinden moniert, blieb er aber nicht.
Man konnte den Konfirmationsspruch darauf notieren und ihn beispielsweise wie ein Abschiedsgeschenk feierlich im Konfirmationsgottesdienst überreichen.
Im Kirchenkreis Minden überdachte 1843 eine Kommission die äußere Gestalt der Scheine. Zunächst wurden kleine gefaltete Einlagezettel für das Gesangbuch vorgeschlagen, deren Druck nach genauen Vorgaben zu veranlassen war. Der persönliche Denkspruch sollte darauf notiert sein und sie ließen sich illustrieren mit Lithographien, wie „Maria zu des Heilands Füßen“ oder „Der anklopfende Heiland“. Dazu waren Bildunterschriften vorgesehen. Für die Darstellung des Gekreuzigten lautete sie: „Der am Kreuz ist meine Liebe“.
Bei der Diskussion in den Kirchengemeinden stellte sich heraus, dass vielfach bereits hochformatige Formulare mit einem Bild genutzt wurden. Mitgebracht hatte man sie aus Halle an der Saale, wo sie der aus Detmold stammende Lithograph Ludwig Gast zusammen mit dem Erweckungsprediger Friedrich Ahlfeld 1844 entwickelt hatte. Die Kreissynode Bielefeld empfahl 1847 diese Scheine sogar für ihre Gemeinden. Schnell ahmten regionale Verlage, wie Velhalgen & Klasing in Bielefeld und Bertelsmann in Gütersloh diese Scheine nach, so dass ein Minden-Ravensbergischer Gestaltungstyp entstand, der in den ostwestfälischen Kirchengemeinden noch bis ins 20. Jahrhundert gerne verwendet wurde.
Das gezeigte Beispiel ist über fünfzig Jahre lang in Minden-Ravensberg verteilt worden; das Kreuzigungsmotiv war hier besonders beliebt.
Dass die Scheine zu Hause an die Wand gehängt wurden, darauf verweist erstmals ein gerahmtes Beispiel von 1846 aus Exter. Die 68 Konfirmationsberichte des Archivs für Westfälische Volkskunde der Volkskundlichen Kommission für Westfalen für die Zeit ab 1880 belegen dann diesen Brauch für die damit beschenkten Familien. Die Scheine aller Kinder, auch wenn sie gleich aussahen, wurden in der guten Stube aufgehängt. Dort zeigten sie an, wie viele Kinder diese Familie schon groß gezogen hatte. Die Konfirmation galt als Zeichen von Mündigkeit und Erwachsensein, als erste Gelegenheit in die Welt zu treten, das Elternhaus zu verlassen - der Konfirmationsschein konnte, als Fotos noch für breite Bevölkerungsschichten unerschwinglich waren, auch die Erinnerung an das konfirmierte Kind wach halten.
Christine Schönebeck
Literatur:
Christine Schönebeck: Denkspruch und Konfirmationsschein. Zur Geschichte der Konfirmation in Westfalen. Bielefeld 2005.