Reichsarbeitsdienstler (RAD) beim Kartoffelschälen, um 1938. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: September 2004
"Kartoffeln im Keller vertreiben den Hunger vom Teller"
Etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich der Kartoffelanbau in Deutschland allmählich durchzusetzen. Bereits im 17. Jahrhundert bereicherten Kartoffelpflanzen so manchen adeligen Zier- oder Lustgarten, doch dauerte es noch hundert Jahre bis eine nennenswerte Anzahl von Landwirten sich der aus den Anden stammenden Pflanze zuwandte. In frühen Versuchen eines feldmäßigen Anbaus gegen Ende des 17. Jahrhunderts hatte sich zwar herausgestellt, dass die Kartoffel nach kriegerischen Überfällen oft das einzig Essbare war, was den Überfallenen blieb, doch die Skepsis gegenüber dieser neuen Feldfrucht war bei vielen Bauern größer als ihre Experimentierfreude. Hinzu kam, dass der Kartoffelanbau lange Zeit auch viele Arbeitskräfte erforderte, weshalb er nur in Regionen mit einem hohen Anteil an ländlichen Unterschichten wirtschaftlich interessant war. Dies änderte sich übrigens erst infolge der Mechanisierung der Landwirtschaft ab etwa 18770/80. Einen Hinweis auf den arbeitsintensiven Anbau der Kartoffel liefert auch die Bezeichnung „Kartoffelferien“ für die Herbstferien, die sich in ländlichen Regionen einbürgerte. In den „Kartoffelferien“ war an einen Schulbesuch der Bauernkinder gar nicht zu denken, sie wurden dringend als Arbeitskräfte bei der Ernte benötigt.
Die mangelnde Akzeptanz der Kartoffel hing lange Zeit wohl auch damit zusammen, dass Kartoffelgerichte lange Zeit als Viehnahrung oder „Arme-Leute-Essen“ galten. In der Tat lässt sich der Kartoffelkonsum einer Person im 18. und 19. Jahrhundert durchaus Rückschlüsse auf ihren sozioökonomischen Status zu.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts hat sich die Haltung der meisten Zeitgenossen gegenüber Kartoffeln und Kartoffelspeisen jedoch grundlegend geändert: Sie waren – nicht nur bei armen Leuten – vom wöchentlichen Speiseplan nicht mehr wegzudenken. Die Bauern hatten sich längst auf die rege Nachfrage nach dieser Feldfrucht, die sich überdies auch gut lagern ließ, eingestellt, so dass Kartoffelmissernten bald mindestens ebenso gefürchtet werden mussten, wie ehedem die Ernteausfälle beim Getreide.
Wie wichtig die Kartoffel vor allem auch in Kriegszeiten war, sieht man daran, dass sich in Kriegskochbüchern zahllose Kartoffelgerichte finden. Auch war es im 1. und 2. Weltkrieg durchaus üblich, ganze Schulklassen zum Kartoffelkäfersammeln abzukommandieren, um einen guten Ernteertrag zu sichern.
Heute gibt es sogar Restaurants, die die einst so verpönte Kartoffel in den Mittelpunkt rücken, was nicht zuletzt mit den vielfältigen Verarbeitungsmöglichkeiten dieser Feldfrucht zusammenhängt.
Christiane Cantauw