Hochzeit in Catenhorn, um 1950. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: Mai 2004
D'rum lasst uns öfter einen heben, damit wir alle länger leben
Schnapstrinken war noch um 1900 in der Arbeitswelt während bestimmter Tätigkeiten verbreitet. So gibt es Belege aus Westfalen, die darauf hinweisen, dass Arbeiter vor dem Dreschen schon um 5 Uhr morgens ihre erste Schnapsration erhielten, oder auch, dass das Scheren von Schafen und das Mähen der Wiesen in Schnaps vergütet wurde. Schnaps sollte schwere Arbeiten erleichtern und war vor allem bei und nach den Erntearbeiten beliebt. Der selbstverständliche Verzehr von Schnaps während der Arbeit trat jedoch immer mehr seinen Rückzug an.
Geblieben ist die Verbindung von Feiern und Alkoholtrinken. Dies mag auch daran liegen, dass Alkohol bzw. Schnapstrinken bei vielen Bräuchen ein wesentlicher Bestandteil der Brauchhandlung ist. Berichte aus Westfalen belegen für die Zeit von 1900 bis 1950, dass kaum ein Fest im Jahres- oder Lebenslauf gefeiert wurde ohne reichlich „begossen“ zu werden.
Eines der „trinkfreudigsten“ Feste ist die Hochzeit. Schon das Schmücken des Hochzeitshauses durch die Nachbarn bildet dabei den ersten Anlass zum Umtrunk. Um 1900 bekamen die Mädchen beim Kränzen in Schöppingen „Sööten“ (süßen Branntwein) eingeschenkt. Selbst Kinder, die Girlanden brachten, wurden mit süßem Schnaps bedient und selbstverständlich war das Trinken nicht nur auf die männliche Bevölkerung beschränkt. Frauen bevorzugten Alkohol in Form von Likör, Aufgesetztem oder „Aniskes-Schnaps“.
Der Polterabend ist ebenfalls ein Termin bei dem der Verzehr von Schnaps eine wichtige Rolle spielt. Ein weiterer bis ins 20. Jahrhundert ausgeübter Brauch war das Anhalten des „Kistenwagens“ (Aussteuerwagen) durch eine Wegsperre. So musste einer der Mitfahrer, wie aus Milte berichtet wurde, den Weg mit Schnaps freikaufen. Der Hochzeitstag selbst beinhaltete zahlreiche Gelegenheiten, die mit dem Ausschank von Schnaps verbunden waren. Schon beim „Böllern“ am Hochzeitsmorgen wurde in Aulendorf Schnaps gereicht. Das Brautpaar wurde nach der kirchlichen Trauung mit Likör oder Wein empfangen. Während des Mittagessens wurde neben Bier und Wein ebenfalls Schnaps ausgeschenkt. Auch beim Besichtigen der Aussteuer durch die Nachbarsfrauen wurden in Everswinkel „Schnäpskes“ gereicht. Der Verzehr von Alkoholika zu Hochzeiten setzte sich häufig noch bis zum dritten Tage nach der Trauung fort, da in einigen Regionen mehrere Tage lang gefeiert wurde.
Der Absatz von Schnaps ist in den letzten 100 Jahren zugunsten von Bier und Wein zurückgegangen. Betrug der Anteil von Schnaps am gesamten Alkoholverzehr zu Anfang der 1870er Jahre noch über 67%, so waren es bundesweit (ohne die neuen Bundesländer) um 1990 ca. 20%. Dieses änderte jedoch nicht die Verbindung von Brauch und Alkohol. Selbst als viele Bräuche einen Teil ihrer Funktion verloren, konnten sie sich noch als willkommene Gelegenheiten zum Alkoholkonsum behaupten. Ein Beispiel ist der Brauch, die Gäste einer Hochzeit mündlich durch einen Gästebitter, der von Hof zu Hof fuhr, einzuladen. Durch die schriftliche Einladungen wurde er seiner Funktion beraubt; der Brauch selbst hat sich aber aufgrund seiner geselligen, „feuchtfröhlichen“ und unterhaltsamen Komponente in einigen Regionen erhalten können. Somit hat der Schnaps bestimmte Bräuche „konservieren“ können.
Jutta Nunes Matias
Literatur:
Spode, Hasso: Alkohol und Zivilisation. Berlin 1991
Zitierte Berichte:
Manuskriptarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen