Am Frühstückstisch, im Sauerland 1921. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: Juni 2004
Morgens essen wie ein Kaiser ... das Frühstück
Wie auf dem Foto zu sehen, konnte man schon um 1920 in Westfalen ein gemütliches Sonn- oder Feiertagsfrühstück mit Kaffee, Brot und Ei in einem Café oder auf der heimischen Terrasse genießen. Im Alltag sah es jedoch vielmals noch anders aus.
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gab es im ländlichen Bereich Westfalens zum Frühstück Milch-, Bier-, Fettsuppe oder Getreidebrei. Fester Bestandteil dazu war das Schwarzbrot. Es wurde darin gekocht, in die fertige Suppe hineingebrockt oder dazu gegessen. Diese Morgenspeise hielt sich im Münsterland noch bis um 1930. Allerdings wurden später bevorzugt so genannte Knabbeln – Stutenstücke, die gleich nach dem Backen noch einmal zum Trocknen in den Ofen kamen – zur Suppe gegessen.
Das Frühstück wurde erst eingenommen, nachdem das Vieh versorgt und die Tagesarbeit vorbereitet war. Gerade wenn schwere Feldarbeit anstand, wurde noch ein zweites Frühstück gereicht, das sich nicht wesentlich vom ersten unterschied, allerdings gerne durch ein Bier oder einen Schnaps ergänzt wurde. Die zweite Frühstückspause fand direkt auf dem Feld statt.
Bei schwerer Arbeit verwundert es nicht, dass auch fetthaltige Speisen zum Frühstück verzehrt wurden. Das waren beispielsweise Buchweizenpfannkuchen oder Bratkartoffeln, im Winter Schlachtprodukte wie das so genannte Wurstebrot.
Im Südosten Westfalens breitete sich schon im 19. Jahrhundert das Butter- oder Schmalzbrot als Frühstücksspeise aus. Dies fällt zusammen mit der Verbreitung des Kaffees oder besser gesagt des Zichorienkaffees, denn bis reiner Bohnenkaffee zum alltäglichen Frühstück gehörte, sollten noch etliche Jahrzehnte ins Land gehen. Als Luxusgut wurde Bohnenkaffee zunächst an Sonn- und Feiertagen getrunken. Allmählich wurde das alltägliche Schwarzbrot durch Weißbrot, den Stuten, ersetzt. Dazu gab es Fruchtaufstriche, Wurst, Schinken, Käse und manchmal ein Ei.
Durch den Rückgang der körperlich schweren Arbeit erübrigte sich ein kalorienreiches Frühstück. Ein Frühstück aus belegten Broten oder Brötchen und einem Heißgetränk wurde allgemein üblich. Hinzu kamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus Amerika die Cerealien, pars pro toto „Corn Flakes“, die in zahlreichen Variationen besonders Kinder ansprechen und mit Milch ergänzt eine passable Grundlage für den Tag darstellen. Als gesünderes Pendant ist das Müsli zu nennen, bei dem ungesüßtes Getreide oder Getreideflocken mit frischem und getrocknetem Obst sowie Nüssen nach Belieben mit einem Milchprodukt gemischt werden. Mit einem solchem Frühstück nähert man sich wieder den alten Breispeisen.
Durch die Industrialisierung verlor die Arbeitszeit mehr und mehr an Flexibilität. Für das Frühstück war nur noch eine minimale Zeit vorgesehen. So wuchs der Unterschied zwischen einem schnellen Alltags- und dem gemütlichen Sonntagsfrühstück. Dies griff die Gastronomie dankbar auf: Immer mehr Cafés bieten inzwischen ein Sonntagsfrühstück oder Brunch an.
Stephanie Fredeweß-Wenstrup
Quellen und Literatur:
Gerda Schmitz: Ländliche Speiseordnungen aus Westfalen. Vom Ende des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Günter Wiegelmann, Ruth-E. Mohrmann (Hg.): Nahrung und Tischkultur im Hanseraum (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 91). Münster/New York 1996, S. 243-265, hier S. 247-251
Manuskriptarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen