Eisessen in Dingden, 1938. Bildrechte: Heimatverein Dingden
Bild des Monats: Juli 2004
Heiße Sommer - kaltes Vergnügen
Speiseeis, noch im 18. Jahrhundert selbst in höchsten Kreisen nahezu unbekannt, wurde im 19. Jahrhundert mehr und mehr in festtägliche Speisepläne aufgenommen. Um 1900 setzte es sich auch in privaten Haushalten breiterer Bevölkerungsschichten durch. Eiscreme – auch Gefrorenes genannt – war lange Zeit ein Produkt, das für den unmittelbaren Verbrauch hergestellt wurde und somit als etwas Besonderes galt. In vielen Kochbüchern dieser Zeit finden sich Rezepte, so im Allgemeinen Deutschen Kochbuch von 1891:
"Gefrorener westfälischer Pudding. Man läßt 1/2 Liter Milch mit 200 Gr. Zucker und einer halben Stange Vanille aufkochen, vermischt sie mit 3 ganzen Eiern oder 6 Eidottern, die mit ein wenig kalter Milch klargerührt sind, rührt die Masse auf dem Feuer, bis sich sich gut verdickt hat, läßt sie erkalten, gießt sie durch ein Sieb in eine in Eis und Salz eingesetzte Gefrierbüchse und läßt sie unter fleißiger Bearbeitung mit dem Spatel fest gefrieren, arbeitet nach und nach 3/4 Liter steif ge- schlagener Sahne, die mit gestoßenem Zucker angenehm gesüßt ist, nebst etwa 1/4 Pfund (125 Gr.) geriebenen Pumpernickel, 130 Gr. halb bitteren, halb süßen feingehackten Makronen und etwas Marasquin darunter, bearbeitet die Masse mit dem Spatel, bis sie ziemlich steif geworden ist, füllt sie in eine Kuppelform, verschließt diese mit ihrem Deckel, vergräbt sie in feingestampftes, mit vielem Salz vermischtes Eis und läßt sie an einem kalten Orte 2-3 Stunden ruhig stehen. Beim Anrichten taucht man die Form in kaltes oder schwach lauwarmes Wasser, nimmt den Deckel davon ab, stürzt den Pudding aus der Form auf eine Schüssel und garniert ihn mit Hohlrippen ... ."
1904 rät Mathilde Ehrhardt in ihrem Kochbuch, nicht teures Eis beim Konditor zu kaufen, sondern Eis selbst mit Hilfe einer „Gefrierbüchse“ herzustellen. Dabei handelt es sich um ein Metallgefäß, das von außen durch Stangeneis in Verbindung mit Salz solange gekühlt wurde, bis die eingefüllte flüssige Speiseeismasse gefror. Das benötigte Eis zum Kühlen wurde bis zum Ende des 19. Jahrhunderts im Winter aus Teichen oder anderen Gewässern in sogenannte "Eistafeln" geschnitten und so lange wie möglich in Kühlhäusern aufbewahrt. Danach setzte sich immer mehr die Verwendung von Kältemaschinen zur Eisherstellung durch.
Erst die Einführung von Tiefkühltruhen machte die Verfügbarkeit von Eisprodukten einfacher, jedoch besaßen bis Mitte der 1950er Jahre nur 14% der deutschen Haushalte einen Kühlschrank mit Gefrierfach. Die flächendeckende Versorgung dauerte noch weit bis in die 1960er Jahre. Trotz vorhandener Gefriermöglichkeiten setzte sich aber die Eisherstellung im privaten Haushalt nicht durch; man griff auf die Produkte professioneller Eishersteller zurück.
Neben einheimischen Firmen – so spezialisierte sich eine Molkerei in Recke 1940 auf Eis und verkaufte seit 1949 Eis am Stiel – übernahmen nun auch verstärkt aus Italien zugewanderte Gelatieri die Eisproduktion. Ein Stück „dolce vita“ in Form von Stracciatella und Zabaione brachten die meist aus dem Veneto stammenden Eishersteller zwar schon vor dem Zweiten Weltkrieg nach Westfalen; einen wahren Boom erlebten sie jedoch erst in den 1950er Jahren. Durch den mediterranen Einrichtungsstil ihrer Eisdielen aus Glas, Metall und Italienbildern schufen sie vor allem für die Jugend ein willkommenes Ambiente.
In den 1960er Jahren sprangen dann auch die deutschen Eiscremehersteller auf den „italienischen Zug“, d.h. sie nutzten die in Deutschland weit verbreitete „Italiensehnsucht“ und benannten ihre Eisvariationen nach den Sehnsuchtszielen der Italienreisenden: Beim Genuss eines Capri-Bechers schien der Weg zu den Capri-Fischern nicht mehr allzu weit.
Jutta Nunes Matias
Quellen und Literatur:
Erhardt, Mathilde: Großes illustriertes Kochbuch für den einfachen bürgerlichen und den feineren Tisch. Berlin 1904
Wiegelmann, Günter: Speiseeis in volkstümlichen Festmahlzeiten. In: Hans J. Teuteberg und Günter Wiegelmann (Hg.): Unsere tägliche Kost, 2. Aufl., Münster 1986 (Studien zur Geschichte des Alltags, Bd. 6), S. 217-233
Scheibler, Sophie Wilhelmine: Allgemeines Deutsches Kochbuch für alle Stände. 33. Aufl., Leipzig 1891