Erika wird gestillt; Dortmund 1939. Familienfotos, die stillende Mütter zeigen, sind selten. Stillen galt als zu intim, um für das Familienalbum festgehalten zu werden. Überlieferte Kunstfotografien mit dem Motiv „Stillen“ sind Nachfolger der um 1800 beliebten Genregemälde.
Bild des Monats: Januar 2004
Essen und Trinken - Muttermilch
Essen und Trinken
Essen und Trinken sind existentielle Grundbedürfnisse des Menschen. Darüber hinaus schaffen Speisen und Getränke aber auch regionale und soziale Gruppenzugehörigkeiten. Ihre Herstellung, Beschaffung, Zubereitung und Verwertung bestimmen unser tägliches Leben. In vielen Bräuchen spielen Nahrungs- und Genussmittel eine wichtige Rolle. Gerüche oder Geschmäcker lösen Erinnerungen aus – dies sind alles Gründe, warum sich die Volkskunde mit Essen und Trinken beschäftigt.
Im Jahr 2004 haben wir die Rubrik „Bild des Monats“ dem Thema „Essen und Trinken“ gewidmet. Wir beginnen mit der ersten Nahrung, die der Mensch gemeinhin zu sich nimmt:
Muttermilch
Ob ein Kind Muttermilch oder Ersatznahrung erhält, ist nicht allein eine persönliche Entscheidung der Mutter, sondern auch ein Resultat gesellschaftlich gültiger Normvorstellungen, die sich – nach dem jeweils aktuellen Stand der kulturellen, medizinischen, ethischen und sozialpolitischen Diskussionen – ändern können und in zahlreichen wissenschaftlichen oder populären Abhandlungen festgehalten sind.
So hatte sich Jean Jacques Rousseau Ende des 18. Jahrhunderts für das Stillen als naturgemäße Ernährungsform ausgesprochen, woraufhin Stillen in den oberen Gesellschaftsschichten so modern wurde, dass selbst die Mütter stillten, die bisher ihre Kinder von einer Amme säugen ließen. Stillen des eigenen Babys wurde zum Sinnbild erfüllter Mutterschaft. Auch mehr als hundert Jahre später wurde die Verabreichung von Muttermilch noch zu den unerlässlichen Pflichten einer ‚guten Mutter’ gezählt: „Jede Mutter ist imstande ihr Kind zu stillen; jede hat die Pflicht, es zu tun. Schlechte Muttermilch gibt es nicht. Nur die Brusternährung sichert dem Kinde ein ungestörtes Gedeihen ...“ verkündete beispielsweise ein Merkblatt, das von der münsterschen Mütterberatungsstelle zu beginn des 20. Jahrhunderts verteilt wurde. In den 1960er und 70er Jahren wandelte sich die Einstellung zur Muttermilch. Nun fürchtete man, sie sei schadstoffbelastet und riet den Müttern zur Verwendung von Ersatznahrung.
Heute ist die Muttermilch längst rehabilitiert. In zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen hat man nachgewiesen, was unsere Vorfahren schon seit hunderten von Jahren wussten: Muttermilch ist diejenige Nahrung, die in idealer Weise auf die Bedürfnisse eines Säuglings abgestimmt ist.
Christiane Cantauw