Osterkarte, um 1910. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: April 2004
Ostereier - oder von „der Sucht, mit der Zahl der gegessenen Eier zu prahlen“
Als regelrechte Sucht wird in einem Bericht aus Westfalen der österliche Verzehr von Eiern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschrieben. In Zeiten, in denen „Cholesterinspiegel“ noch ein Fremdwort war, kam es nach Beendigung der Fastenzeit zum Höhepunkt des Eierkonsums: „pro Nase etwa 1 halbes Dtzd. Eier“ gab es zum österlichen Frühstück und nicht selten fand ein regelrechter Eieresswettbewerb statt. Sind es heute eher die Schokoladeneier, die zu Ostern verzehrt werden, so beweist ihr Vorhandensein doch, dass dem Ei immer noch eine österliche Symbolik zugeschrieben wird.
Seit dem 7./8. Jahrhundert war der Verzehr von Eiern in der Fastenzeit verboten. Um die Anzahl der nicht benötigten Eier in dieser Zeit zu verringern, gab es Maßnahmen, die Eierproduktion zu drosseln. Aus Westfalen ist bekannt, dass es im 14. und 15. Jahrhundert sogenannte Fastnachtshühner gab. Durch Abgabeverordungen zu Beginn der Fastenzeit verringerte man die Anzahl der Hühner und konnte so die Eierproduktion kontrollieren.
Die katholische Kirche sah Eier als flüssiges Fleisch an und erlaubte den Verzehr erst wieder nach der Eierweihe. Das Ei, zuvor als schädlich deklariert, wurde durch die Weihe zu Ostern in ein segenspendendes Nahrungsmittel verwandelt. Obwohl das Eierverbot ab 1700 gelockert wurde, gab es in der katholischen Kirche noch lange eine fastenzeitbedingte Unterdrückung des Eierkonsums durch Speisevorschriften.
Der evangelische Glaubenshintergrund ließ Fasten lediglich als kurzfristige Festvorbereitung zu. Das Eierverbot, welches im Fastengebot der katholischen Kirche fest verankert war, wurde durch die Vertreter der Reformation abgelehnt, das Osterei lediglich in säkularisierter Form geduldet.
Das Verschenken von Ostereiern entwickelte sich im 19. Jahrhundert in beiden Konfessionen zu einem Brauch, der an den Termin Ostern gebunden ist. Im 20. Jahrhundert gelang es der Süßwarenindustrie Hühnereier in Schokoladeneier zu „verwandeln“.
Jutta Nunes Matias
Literatur:
Moser, Dietz-Rüdiger: Bräuche und Feste im christlichen Jahreslauf. Graz, Wien, Köln 1993.
Zitierte Berichte:
Manuskriptarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen