"Junggesellen-Fegen" am 30. Geburtstag, Osnabrück 1988. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: September 2003
Alles Gute zum 30. Geburtstag
Zuweilen sieht man sie an Rathaustreppen: ledige Männer, die mit manchmal seltsamen Verkleidungen an ihrem 30. Geburtstag versuchen, zuvor mutwillig verunreinigte Treppen sauber zu fegen. Häufig stehen Freunde und Verwandte dabei, kommentieren scherzhaft bis gemein das Geschehen, werfen immer wieder Unrat auf die Treppen und schenken dabei sich selbst oder auch vorbeigehenden Passanten Bier und Schnaps aus. Der „Feger“ kann von seiner lästigen Tätigkeit lediglich durch den Kuss einer „Jungfrau“ befreit werden.
Zum Leidwesen der Jubilare werden die Termine der „öffentlichen Säuberung“ zuvor meist in Tageszeitungen angekündigt. Verfasst von Freunden, spielen die Ankündigungen des kommenden 30. Geburtstag häufig mit selbst gereimten, formelhaften Versen auf das Liebesleben des Geburtstagskindes an, beanstanden seinen bisherigen Lebensstil und seine Ehelosigkeit.
Die regionale Verbreitung dieses Brauches ging von Nordwestdeutschland aus und verbreitete sich immer weiter nach Süden. Der erste gesicherte Beleg stammt aus dem Jahr 1956 aus Bremen, wo ein Herr Helmut Buddelmann zum Fegen „verurteilt“ wurde. Somit handelt es sich nicht, wie so gern vermutet, um einen „alten“ Brauch, der sich bis in die heutige Zeit erhalten hat, sondern höchstwahrscheinlich um eine Erfindung, die von Bremen ausgehend in Norddeutschland Nachahmer fand.
Emsdettener Volkszeitung, 26.2.1997
Der Brauch ähnelt äußerlich einem Rügebrauch, der die Ehelosigkeit anprangert. Doch muss man bedenken, dass heute das Single-Leben ebenfalls als positive, gewollte Lebensform einzustufen ist. Das „Treppenfegen“ beinhaltet darüber hinaus noch andere Komponenten. Als Übergangsritus verdeutlicht er die Aufnahme in den „Club der 30jährigen“; gleich dem Motto „trau keinem über 30“, soll der „Treppenfeger“ Abschied von der Jugend nehmen. Das Fegen der Treppen am 30. Geburtstag kann somit nicht einheitlich interpretiert werden. Der unterhaltende, gesellige Charakter - ein wesentliches Element vieler Bräuche - ist jedoch unbestritten.
Jutta Nunes Matias
Literatur:
Michael Simon: Moderne Brauchinnovation. Geschichte und Funktion des Treppenfegens beim 30. Geburtstag. In: Jahrbuch für Volkskunde 21, 1998, S. 157-177