Brief des Kriegsgefangenen Wilhelm Tells an seine Frau Lotte vom 3.10.1947. Sachgutsammlung der Volkskundlichen Kommission, Inv.-Nr. 2505 III
Bild des Monats: November 2003
Geburtstagswünsche aus der Kriegsgefangenschaft
Der Lüdenscheider Berufsschullehrer Wilhelm Tell befand sich von Juli 1944 bis April 1949 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Aus dieser Zeit sind 63 Karten und 24 Briefe erhalten, die Wilhelm Tell an seine Familie schrieb. Nach seiner Heimkehr bewahrte das Ehepaar Tell diese Briefe zur Erinnerung auf.
Einen wichtigen Bestandteil der Post Wilhelm Tells bildeten die Grüße an seine Familie zu Geburtstagen und zu Weihnachten sowie an seine Frau zum Hochzeitstag. Da Wilhelm Tell, dem die Unsicherheit der Postverbindung aus dem Gefangenenlager nach Deutschland bewusst war, das Konzept verfolgte, recht früh – d.h. Monate vor dem bestimmten Datum – in seine Post schriftliche Glückwünsche aufzunehmen und sie in den folgenden Briefen und Karten zu wiederholen, gibt es nur wenig Post, in der er nicht auf irgendeinen Feiertag einging. Die Geburtstage seiner Familienmitglieder scheinen für ihn im Gegensatz zu seinem eigenen, den er in der Gefangenschaft manchmal „ausfallen“ ließ, einen hohen Stellenwert gehabt zu haben. In verschiedenen Briefen berichtete er seiner Familie, wie er diese Tage im Gefangenenlager verbrachte: Wenn es ihm irgendwie möglich war, hielt er private „Feiern“ ab – allein oder im kleinen Kreis mit befreundeten Mitgefangenen; so auch am Geburtstag seiner Frau im Jahre 1947. Für diese Gelegenheit hatte sich Tell eine Zigarette aufbewahrt, die ihm seine Frau geschickt hatte: In einem Brief bestätigte er den Erhalt von „2 Nähnadeln und 1 Zigarette, die an deinem [d.h. seiner Frau Lotte] Geburtstag in feierlicher Form geraucht wurde“.
Das Feiern der Geburtstage seiner Familienmitglieder scheint für Wilhelm Tell von großer emotionaler Bedeutung gewesen zu sein. In einer Zeit, in der er sich völlig einer fremden Institution ausgeliefert sah, in der er unter Zwang von allem, was ihm etwas bedeutete, getrennt und ihm jegliches Bestimmungsrecht über sein eigenes Leben genommen war, konzentrierte er sich auf das, was von seinem „eigentlichen Leben“ weiterhin Bestand hatte: Sein fernes Zuhause bildete für ihn über die über die Jahre der Gefangenschaft hinweg die einzige Konstante. Während sein Innerstes durch Zwang und schreckliche Erlebnisse in „Unordnung“ geraten war, stellte seine Kernfamilie in Deutschland eine äußere „Ordnung“ für ihn dar, die er unter anderem durch das feierliche Begehen der Familienfeiertage aufrecht erhielt.
Monika Ostermann