Frauen bei der Bohnenernte, um 1950. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: Oktober 2002
"Frauensache Selbstversorgung !?"
Selbstversorgerwirtschaft. Dieser Begriff, dessen Inhalt dem Großstädter von heute nicht sonderlich vertraut ist, war vor hundert Jahren im Lebensalltag der Ruhrgebietsbewohner ein fester Bestandteil. Um Wende zum 20. Jahrhundert war das Ruhrgebiet noch stark vom Bergbau geprägt; seine enorme Stadtentwicklung verdankte es der Kohleförderung. Das Einkommen eines Bergmannes reichte aber oft nicht aus, um eine Familie zu ernähren. So war der Anbau von Obst und Gemüse sowie das Halten von Vieh im Garten des Zechenhauses oder auf dem Pachtland eine existenzsichernde Nahrungsquelle. Die Versorgung der Hühner, Kaninchen, Schweine und Ziegen und das Kultivieren des Ackerlandes fiel dabei meist in die Hände der Bergarbeiterfrauen, da ihre Männer unter Tage ihrer Arbeit nachgingen. Durch den Rückgang der Kohleförderung veränderte sich das Sozialgefüge und die Infrastruktur des Ruhrgebiets. Um einen Eigenanbau von Obst und Gemüse zu betreiben, wie er zu Beginn der Industrialisierung allgemein üblich war, fehlt heute das Raumangebot in den Gärten. Darüber hinaus wurden seit den 1960er Jahren mehr und mehr Gärten in Zier- und Wohngärten umgewandelt, denn das Wirtschaftswunder machte eine Selbstversorgung überflüssig.
Regina Sdrzalek
Literatur:
Vera Steinborn (Hg.): Arbeitergärten im Ruhrgebiet. Westfälisches Industriemuseum. Dortmund 1991
Moritz Grän: Erinnerungen aus einer Bergarbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Münster 1983