Libori-Prozession, Paderborn (23.7.1950) mit dem Liborischrein. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: Juli 2002
Libori in Paderborn: Kirche, Markt und Kirmes
Welchen Stellenwert das Liborifest in Paderborn und Umgebung einnimmt, lässt sich derzeit am „Countdown“ ablesen, der auf den Webseiten der Stadt die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Beginn der diesjährigen Festoktav zählt. Am 27. Juli ist es soweit. Dann mischen sich wieder Weihrauchdüfte mit denen von gebrannten Mandeln, und die Besucher können eine Woche lang aus einer Fülle kirchlicher und weltlicher Angebote auswählen. Das Besondere des Liborifestes liegt in der Vielfalt des Angebotes bei gleichzeitig deutlicher Präsenz des religiösen Ursprungs und Kerngehalts des Festes. Wie wohl kaum sonst wo ist hier die enge Verknüpfung von kirchlichem und weltlichem Festgeschehen prägend. Dies lässt sich in der Festwoche allerorten beobachten, etwa bei den Prozessionen oder sehr anschaulich auch in jenem Moment, in dem die Teilnehmer der Eröffnungsvesper den Dom verlassen und sich zu den Marktgästen auf dem großen und kleinen Domplatz gesellen. Vor allem die an ihrer Kleidung unschwer zu erkennenden Theologen, Priester und Bischöfe aus aller Welt fallen in der Menge auf, wenn sie ihr Bier genießen oder einfach nur über den Markt schlendern.
Libori-Markt, Paderborn (23.7.1950): Pottmarkt auf dem kleinen Domplatz. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Die Liboriverehrung in Paderborn geht auf das Jahr 836 zurück. Heiligenverehrung war ein durchaus übliches und von den Verantwortlichen bewusst eingesetztes Mittel, um das religiöse Leben in den damals noch jungen Bistümern zu festigen. Warum man sich in Paderborn gerade für die Reliquien des im 4. Jahrhundert in Le Mans verstorbenen Bischofs Liborius entschied, ist aus heutiger Sicht bei weitem nicht so entscheidend wie die Wirkungsgeschichte. Auch die Berichte von Zeichen und Wundern, die sich während der vierwöchigen Übertragung von Le Mans nach Paderborn ereignet haben sollen, sind gängige Klischees in solchen Erzählungen. Die Nachweise der Liboriusverehrung in den folgenden Jahrhunderten aber sind greifbare Fakten. Dazu zählen mittelalterliche Abbildungen des Heiligen auf Siegeln und Plastiken ebenso wie die Weihe von Altären und Kapellen, die Errichtung von Bildstöcken oder die
Durchführung von Liboriwallfahrten. Immerhin kam bereits zur Zeit der Konfessionsspaltung auch den Liborireliquien eine so zeichenhafte Bedeutung zu, dass der Raub des kostbaren Schreins, in dem sie aufbewahrt wurden, nicht nur als materielle Schädigung empfunden wurde. In der Folge intensivierte sich die Verehrung noch einmal, und die Rückkehr der Gebeine des Heiligen im Oktober des Jahres 1627 feiert man seither mit einem „Kleinlibori“ genannten Herbstfest. Seit 1737 sind Jubiläumsfeierlichkeiten bekannt, und mit dem Aufkommen des modernen Massenverkehrsmittels Eisenbahn erreichten die Pilgerströme zu Ende des 19. Jahrhunderts bis dahin nicht gekannte Ausmaße.
Auch die Entwicklung der weltlichen Festelemente unterlag zeitspezifischen Veränderungen. Der Markt etwa geht auf einen zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingeführten Sommermarkt zurück, den Magdalenenmarkt. Erst im Jahr 1810 wurde er auf die Plätze um den Dom herum verlegt und seitdem Liborimarkt genannt. Das Warenspektrum umfasste Gegenstände des täglichen Bedarfs mit einem deutlichen Schwerpunkt bei Kleidung und den dazugehörigen Accessoires. Diese Artikel bildeten ein Gegengewicht zum traditionellen Angebot der ortsansässigen Geschäfte. Als diese mit dem Aufkommen von Konfektionskleidung preislich wieder mit den fahrenden Händlern konkurrieren konnten, veränderten die Marktbeschicker ihr Angebot. Heute findet man auf dem großen Domplatz vor allem Lebensmittelstände, Gewürze, ein breites Sortiment praktischer Alltagshelfer und kunstgewerbliche Artikel, auf dem kleinen Domplatz den sogenannten „Pottmarkt“.
Während die Abgrenzung des „Pottmarkts“ im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erfolgte, wurde die Kirmes bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts von den Marktständen getrennt und auf dem Liboriberg verlegt. Damit hatten Markt und Kirmes bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Im 20. Jahrhundert sind Festelemente mit Europabezug neu hinzugekommen. So gibt es seit den 1960ern einen Europatag bzw. einen Europaumzug mit Trachtengruppen und Musikkapellen. Auch die Festredner des in den 1950ern eingeführten „Liborimahls“ referieren seitdem zum Thema „Europa“.
Monika Kania-Schütz
Quellen und Literatur:
Barbara Stambolis: Libori. Das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Münster 1996
Websites der Stadt Paderborn, Websites der Diözese Paderborn