Friedrich Bury: Scharnhorst (um 1810). Niedersächsisches Landesmuseum Hannover
Bild des Monats: Januar/Februar 2002
Vom Gotteshaus zum General
Dieses Ölgemälde von Friedrich Bury (um 1810) aus dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover zeigt den preußischen General Johann Gerhard David von Scharnhorst (1755-1813). Im Bildhintergrund ist in einiger Entfernung eine Kirche zu erkennen. Aber wo liegt der volkskundliche Aspekt dieses Porträts?
Mit dem General Scharnhorst wird die Volkskundliche Kommission für Westfalen in gewisser Weise nun täglichen Umgang pflegen, denn nach dem soeben „überstandenen" Umzug sind wir nun in der Scharnhorststraße 100 zu erreichen. Das ist die ehemalige pädagogische Hochschule. Der Dom, in dessen unmittelbarer Nähe die Arbeitstelle der Volkskundlichen Kommission für Westfalen viele Jahre ihr Domizil hatte, ist von der Scharnhorststraße ungefähr so weit entfernt wie jene Kirche, welcher der General Scharnhorst den Rücken zuwendet. Wer gut zu Fuß ist, wird die Strecke zum Domplatz in einer Viertelstunde zurücklegen können.
Im übrigen besteht neben dieser eher oberflächlich-zufälligen Beziehung eine weitere, die in ihren Auswirkungen unter der Bevölkerung des ehemaligen Fürstbistums Münster erhebliche Unruhe hervorrief: Nachdem sich Preußen das Fürstbistum Münster einverleibt hatte (1815), mussten sich die neuen Untertanen an eine "staatsbürgerliche Pflicht" gewöhnen, von der sie unter der alten (geistlichen) Obrigkeit verschont geblieben waren: die Militärdienstpflicht. Ein solches "Volksheer" war für ganz Preußen etwas Neues; es verdankte seine Realisierung dem Reform- und Organisationstalent des Generals von Scharnhorst. Der Dienst unter der preußischen Fahne war aber auch nach dieser Heeresreform für den einfachen Soldaten sehr hart, oft sogar erniedrigend und dauerte fünf lange Jahre, davon die ersten drei unter Waffen. In den ersten Jahren unter den neuen (und dazu noch protestantischen!) Herrschaft flohen viele jungen Männer außer Landes oder versuchten sich zu verstecken, um dieser verhassten Dienstpflicht zu entgehen. Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entstand ganz allmählich eine "preußische Identität": man war stolz darauf, "gedient" zu haben. Dies bezeugen auch die immer beliebter werdenden persönlichen Erinnerungsgegenstände zur Dienst- und Reservistenzeit (Bierkrüge, Tabakpfeifen etc.) und ebenso die zahlreichen Kriegervereine, die nun auch in den in den ländlichen Gemeinden gegründet wurden.
Doch es dauerte noch bis 1925, bis sich die Stadt Münster entschloss, Scharnhorst durch die Benennung einer Straße zu ehren. Diese Straße hatte zuvor den Namen "Mecklenbecker Steige" getragen; vor 1760 hieß sie "Sendenske Stiegge".
Peter Höher