Geburtstagstisch einer Offizierstochter, Laasphe, Kreis Siegen-Wittgenstein, 1941. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: Dezember 2002
Geburtstagsfest
Trotz des bereits zwei Jahre dauernden Krieges ist dieser Gabentisch im Wittgensteiner Land reich gedeckt: Die Offizierstochter in Laasphe erhält zu ihrem Geburtstag im Jahr 1941 neben Nützlichem auch einen Holzroller, eine Puppe sowie ein Gesellschaftsspiel, dazu einen Blumenstrauß und ein großes Lebenslicht.
Im städtisch-bürgerlichen Bereich erfreut sich seit dem beginnenden 19. Jahrhundert das festliche Begehen von Kindergeburtstagen, in katholischen Familien von Namenstagen, wachsender Beliebtheit – auch eine Folge der Entdeckung der Kindheit als eigenständige Lebensphase. Zu den Besonderheiten, die den Kindergeburtstag zum Festtag machen, gehören die Geschenke. Auf dem Lande und in Arbeiterkreisen werden noch im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts Geburtstage in der Regel nicht als Feiertage und damit auch nicht als Beschertage wahrgenommen – wenn aber doch, werden nützliche Dinge, die ohnehin notwendig sind, geschenkt: Kleidung, Schuhe oder auch Schulzubehör wie Bleistifte und Griffel.
Einen festlichen Gabentisch mit den Geschenken der Familie dekorativ zu arrangieren, ist ein in bürgerlichen Kreisen entstandener Brauch, der immer mehr aus der Mode kommt: Auf dem gesonderten, mit weißem Tischtuch bedeckten Tisch werden Blumenstrauß, Kuchen, Kerzen und Geschenke sorgfältig aufgebaut und zumeist bereits morgens nach dem Aufstehen beschert. Der Geburtstagstisch bleibt den ganzen Tag über stehen, kann von den Geburtstagsgästen besichtigt werden und füllt sich mit weiteren Geschenken; er hat Repräsentationsfunktion und wird – allein oder zusammen mit dem Geburtstagskind – fotografiert.
Als wichtigster jährlicher Geschenktermin fällt der Kindergeburtstag hinter dem Weihnachtsfest zurück. Christen in aller Welt feiern am 25. Dezember den Geburtstag ihres Religionsstifters. Um 1900 steht in Westfalen noch der Weihnachtsgottesdienst im Mittelpunkt des weihnachtlichen Festgeschehens; die Kinder erhalten ihre Geschenke erst nach dem Kirchgang, es sei denn, sie wohnen in Gegenden wie dem westlichen Münsterland, wo sie bereits am Nikolaustag beschenkt wurden. Mit Verschiebung des zentralen Beschertermins vom Nikolaus- oder vom Weihnachtstag auf den Abend vor Weihnachten, den „Heiligen Abend“, wandelt sich das Kirchenfest mit Kinderbescherung zu einem Familienfest mit nun auf die Erwachsenen ausgeweiteten Geschenkorgien, dessen religiöser Ursprung immer weniger Bedeutung besitzt.
Gitta Böth
Literatur:
Regine Falkenberg: Kindergeburtstag. Ein Brauch wird ausgestellt. Berlin 1984 (Schriften des Museums für Deutsche Volkskunde Berlin, 11)
Dietmar Sauermann (Hg.): Weihnachten in Westfalen um 1900. Berichte aus dem Archiv f. westfälische Volkskunde. Münster 1976 (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, 6)
Ingeborg Weber-Kellermann: Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. Luzern, Frankfurt am Main 1978