Drachenbasteln - Drachensteigenlassen. Sauerland, 1930er Jahre. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission (LWL)
Bild des Monats: Oktober 2001
Drachenbasteln - Drachen steigenlassen
Drei Jungen im Sauerland in den 1930er Jahren - die beiden größeren bemalen ihren selbstgebauten Drachen, der kleinere sieht ihnen interessiert dabei zu. Die Herstellung von Drachen ist nicht schwierig, doch muss genau gearbeitet werden, damit der Windvogel gut fliegt.
Ein Großteil der Landkinderspielzeuge wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein selbst hergestellt - Friedrich Paulsen erinnert sich im Jahre 1909: "Im Herbst wurden Drachen gebaut, bis zur Lebensgröße, nur die Schnur dazu musste gekauft werden, sonst machten wir alles selbst, Gestelle und Beklebung und auch den Kleister, womit sie befestigt wurde." (S. 75)
Der Drachen als Kinder-Spielzeug tauchte im nördlichen Europa bereits im 15. Jahrhundert auf; 1767 wurde er in einem bremisch-niedersächsischen Wörterbuch so beschrieben: "ein über dünne hölzer gespanntes papier mit einem langen papierschweif, das die gestalt des drachen nachahmt, und das die knaben an einer langen schnur im wind aufsteigen lassen." (zit. n. Grimm, Sp. 1321)
"Dieses Vergnügen" - so der Dortmunder Lehrer A. Schlipköter etwa 150 Jahr später in seinem Buch "Was sollen wir spielen" - wird von der Jugend hauptsächlich im Herbste betrieben, da in dieser Zeit meist genügend Wind vorhanden ist und die Wiesen und Felder betreten werden dürfen." (S. 205) Zu ergänzen ist, dass zu diesem Zeitpunkt die Erntearbeiten, bei der alle Hände gebraucht wurden und auch die Kinder mitarbeiten mussten, überwiegend abgeschlossen waren. So blieb den Jungen genügend Freizeit, um ihre selbstgebauten Drachen steige zu lassen.
Inzwischen hat sich neben dem herbstlichen Kinderspiel das Drachensteigenlassen auch als ein nicht mehr an die Jahreszeit gebundenes Erwachsenen-Event etabliert: Auf internationalen Drachen-Festen lassen überwiegend Männer ihre Lenkdrachen fliegen - zum Teil sind es kühne Konstruktionen, deren Handhabung enormen Krafteinsatz verlangt.
Gitta Böth
Literatur:
Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bd. 2, Leipzig 1860
Friedrich Paulsen: Aus meinem Leben. Jugenderinnerungen. Jena 1909
A. Schlipköter: Was sollen wir spielen? 450 der beliebtesten Jugend-, Turn-, und Volksspiele für Schule, Haus, Vereine und Gesellschaftskreise. 10.Aufl., Hamburg 1925