Blick auf die zerstörte Kirche während der Sprengung, Listernohl 1965. Fotografin: Gertrud Frohwein
Bild des Monats: März 2001
Die verheerende Kraft des Wassers oder: Weshalb im Sauerland ganze Ortschaften von der Bildfläche verschwunden sind
Seit Ende des 19. Jahrhunderts war der Wasserbedarf so groß, dass im Sauerland und im benachbarten oberbergischen Land zahlreiche Talsperren errichtet wurden. Die Menschen, die in diesen Tälern wohnten, mussten sich an anderen Orten ansiedeln. Beim Bau der letzten großen Talsperre, dem Biggestausee (1957-1965), waren davon mehr als 2500 Menschen betroffen. Nennenswerter Protest gegen diese Umsiedlung artikulierte sich allerdings nicht. Aber man bestand darauf, auch an neuer Stelle zusammenzuwohnen und nicht auf verschiedene Dörfer und Städte verteilt zu werden. Manche freuten sich auf ihr neues, modernes Zuhause in den planmäßig angelegten Siedlungen vom Reißbrett (z.B. Sondern oder Neu-Listerohl). Die alten Wohnstätten wurden vor der Flutung abgetragen. Das Foto zeigt die alte, halbzerstörte Pfarrkirche von Listernohl währen der Sprengung 1965.
Zwei Jahrzehnte später hatte sich die Situation geändert. Als das Dorf Brunskappel im Hochsauerland in den 1970-er Jahren wegen eines Talsperren-Neubaus dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, wurden dies als unerträglicher Verlust der Heimat empfunden. Es formierte sich ein emotionsgeladener, öffentlichkeitswirksamer Protest gegen die Umsiedlung. — Und was die wenigsten erwartet hatten: Die Dörfler behielten in den gerichtlichen Auseinandersetzungen die Oberhand und konnten den Neubau verhindern.
Doch wer brauchte in einer Region, deren Regenreichtum (fast) sprichwörtlich ist, so große Wasserreserven? Durch die Talsperren konnte über die Ruhr und ihre Nebenflüsse der riesigen Bedarf des Ruhrgebietes an Brauch-, aber auch Trinkwasser gedeckt und akute Hochwassergefahr gemildert werden.
Peter Höher
Literatur:
Otto Höffer (Redaktion): Im Bann des Wassers. Attendorn 1993.
Heike Heinzel: Heimat im Biggetal. Erinnerungen an die Umsiedlung eines Dorfes. Mainz 1990 (Mainzer kleine Schriften zur Volkskultur, 1)