Familie Böer im Strandkorb, Mecklenburg-Vorpommern, August 1928. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: Juli 2001
Strandurlaub
"Selten wird es einen Gesunden einfallen, bloß des Vergnügens willen ein Seebad zu besuchen." Als dies 1834 im „Morgenblatt für gebildete Stände" stand, existierte das erste deutsche Seebad bereits über 40 Jahre: 1794 organisierte ein Arzt in Doberan im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin den Badebetrieb, setzte auf Meerwasser als Medizin.
Als am 1. August 1928 Familie Böer aus Westfalen die weite Reise ins Ostseebad Nienhagen bei Bad Doberan antrat, hatte sich für Seebadereisende vieles verändert: Baden im Meer war zum Urlaubsvergnügen geworden. Auch die Baderegeln wurden lockerer: nach Geschlechtern getrennte Badeplätze verschwanden, seit Beginn des 20. Jahrhunderts erlaubten Sitte und Anstand das Familienbad. Seit den 1920er Jahren war das freie Baden vom Strand aus erlaubt. Der Strandkorb, um 1880 entwickelt, war ab 1900 das übliche Strandmöbel - mittlerweile zweisitzig, aus einem aus Holz gearbeiteten Gestell, mit Rohr umflochten, innen mit gestreiften Markisenstoff ausgeschlagen, mit aufklappbaren Sitzen und Seitentischen versehen.
Die Strand- und Badebekleidung, zwar noch weit entfernt von Bikini und Tanga wurde freizügiger, auch Familie Böer stellt sich top-modisch den Fotografen: Während Vater Richard ein unifarbenes brustfreies, Schwimmtrikot trägt, ist Mutter Martha in einen einteiligen, 'weitausgeschnittenen' Badeanzug gekleidet, an den Füßen die üblichen mit Kreuzbändern befestigten Schuhe. Tochter Ingeborg verkörpert am besten die neue Zeit: im pumpigen kurzen Höschen mit freiem Oberkörper und barfüßig, nahm sie ein Sonnenbad.
Seit der Jahrhundertwende schützte man sich anstelle von Sonnenschirm, Schleier, Kopfbedeckung, Handschuhen und hochgeschlossener Kleidung mit tüchtigem Eincremen und frönte dem Schönheitsideal „sonnengebräunt" statt „alabasterweiß".
Ein weiteres wichtiges Requisit für vollkommenes Strandleben hält Richard Böer in der Hand: die Schaufel. Unabdingbar für den Strandburgenbau, der mit der Lockerung der Etikette begann, die seit Ende des 19. Jahrhunderts das Sich-in-den-Strand-setzen erlaubte, und für den in den 1920er Jahren gar Spezialgeschäfte eingerichtet wurden, die das zum Sandburgenbau notwendige Zubehör wie Schaufeln, Fahnenstangen und Haus- und Wappenflaggen vermieteten.
Gitta Böth
Literatur:
Saison am Strand: Badeleben an Nord- und Ostsee 200 Jahre, 16. April 1986-31.August 1986, Altonaer Museum in Hamburg, Norddeutsches Museum, Herford 1986 (Ausstellungskatalog)