Erster Schultag. Münster-Nienberge, 1949. Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen (LWL)
Bild des Monats: August 2000
Der Schultütenbrauch
Der Schultüte kommen mehrere Funktionen zu. Zum einen stellt sie ein "Trostpflaster" für den nun streng geregelten und mit Pflicht erfüllten Lebensabschnitt dar, das Erwachsene Kindern zur Einschulung schenken. Zum anderen ist sie ein Symbol für den Übergang des Kleinkindalters in das Schulkindalter, auf den die Kinder zumeist sehr stolz sind.
Der Brauch, Kindern zum Schulbeginn Süßigkeiten zu schenken, geht ins 19. Jahrhundert zurück. Damals glaubten die Kinder an den Zuckertütenbaum, der - so wird erzählt - im Keller der Schule wuchs und von dem der Lehrer den braven Kindern eine Zuckertüte abpflückte. Dieser Brauch ist im "Zuckertütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen" aus dem Jahre 1850 dargestellt.
Hauptverbreitungsgebiete des Zuckertütenbrauches waren zunächst Thüringen und Anhalt, das Vogtland und das Erzgebirge. Erst in den 1930er Jahren kam die Schultüte im westfälischen Raum verstärkt in Gebrauch, in Münster-Nienberge sogar erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Aus dem Landesteil Lippe ist bekannt, dass die Kinder um 1900 zur Einschulung Zuckerstuten, Brezeln sowie einen Apfel oder eine Birne erhielten. Nach dem Ersten Weltkrieg setzten sich auch dort Süßigkeiten durch.
Christine Gottschalk
