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"Immer lebe ich in diesem Missverhältnis..."
Einblicke in Leben und Werk des Regisseurs und Autors Imo Moszkowicz
Audio-CD
CD 1 ca. 60 min.
CD 2 ca. 57 min.
T-CD-006
14,90 Euro
Am 5. März bekam der Regisseur und Autor Imo Moszkowicz das Ehrenbürgerrecht der Stadt Ahlen verliehen. Eine Ehre, die Imo Moszkowicz trotz der schrecklichen Erlebnisse in seiner Geburtsstadt gerne angenommen hat: „Entehrt zu werden auf das Schändlichste, denn wir wurden ja zu Ratten degradiert, und geehrt zu werden in einem einzigen Leben, das entzieht sich eigentlich einer wörtlichen Beurteilung.“
Das Landesmedienzentrum widmet Imo Moszkowicz gemeinsam mit der Literaturkommission für Westfalen und dem Projekt „Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen“ ein Hörbuch. Unter dem Titel „Immer lebe ich in diesem Missverhältnis ...“ erhält der Zuhörer auf der Doppel-CD mit umfassendes Booklet von Dr. Iris Nölle-Hornkamp Einblicke in Leben und Werk des Autors und Regisseurs.
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Imo Moszkowicz mit seiner Tochter der Daniela Dadieu, 2003
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„Immer lebe in diesem Missverhältnis, das mich im Umgang mit dem Phantastischen zwingt, stets darin das Reale zu suchen, und – umgekehrt – im Realen das Phantastische.“ Die Realität, die Imo Moszkowicz wie durch ein Wunder überlebt hat und vor der er in das Phantastische, in die Kunst entflohen ist, ist die Judenverfolgung des Dritten Reichs, die Auslöschung der eigenen Familie und Auschwitz mit seinem unfassbaren Grauen.
„Ich kam vom Nullpunkt meiner Existenz und stellte fest, dass ich allein da war. Keine Mutter, keine Geschwister mehr. Den Verwaltungsjob in Ahlen, meiner Geburtsstadt, schmiss ich hin für die „Junge Bühne“ in Warendorf: Das war die erste, die eine Lizenz kriegte. ... Alles war neu. Meine eigentliche Absicht war das Verdrängen. Alles war Fluchtbewegung.“
Bald ließ er die Schauspielerei hinter sich und übernahm Regieassistenzen bei Gustav Gründgens und Fritz Kortner. Es folgte eine steile Karriere als Regisseur an zahlreichen Schauspielhäusern und Opernbühnen in Deutschland und Europa. Daneben inszenierte der Regisseur und Fernsehpionier zahlreiche Filme und Fernsehspiele, adaptierte Musical, Oper und Schauspiel für das Fernsehen und drehte nicht zuletzt auch Spielfilme für das Kino.
Einige Hörbeispiele auf der CD, an deren Konzeption Imo Moszkowicz maßgeblich mitgewirkt hat, geben Auskunft über sein Selbstverständnis als Regisseurs. Er äußert sich zum Ursprung seiner Liebe zur deutschen Sprache wie auch zu seiner Auffassung von „Werktreue“. Die Mitschnitte stammen von einer zweitägigen Veranstal-tung, die im Herbst 2003 das umfangreiche Werk Imo Moszkowicz’ im Museum für Westfälische Literatur Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg würdigte.
Seine Regie-Palette reichte von der „Zauberflöte“ über „Kiss me Kate“ und „Pater Brown“ bis zu „Pumuckls Abenteuer“. Seine Arbeitswut war grenzenlos und diente dem Vergessen. Warum der Zeitpunkt kam, an dem er die selbst gewählte, bewusste Verdrängung ebenso bewusst aufgab, beschreibt er in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2003 an den britischen Autor Mark Roseman:
„Mich zogen Sie mit Ihren Fragen in eine Zeit zurück, zu der ich mich nicht mehr äußern wollte, denn ich hatte mir souffliert, dass die Welt mittlerweile genug von der Unbegreiflichkeit der Jahre zwischen ‘33 und ‘45 weiß, und dass es nicht angehen kann, dass diese Schrecklichkeit, die mir meine Mutter und sechs Geschwister und meine Jugend weggerissen hat, jetzt, da mein letztes Jahrzehnt eingeläutet ist, durch eine erinnernde Rückkehr mich auch dieser Jahre beraubt. Denn: Erinnerung ist nicht nur das Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann – wie ein mir zu weiser Rabbi tröstend behauptet – sie ist zugleich auch die allerquälendste Hölle. Mein Vorsatz, von keinem Mikrofon, keiner Kamera, keinem Bleistift mehr mich in diese Vergangenheit zurückziehen zu lassen, war schon aus einem einzigen Grund nicht haltbar: Wir, die Opfer, dürfen niemals aufhören das Hohe Lied derjenigen zu singen, die in unserem Lande die Kühnheit hatten ihre Mitmenschlichkeit zu bewahren.“
Erst 1997 fasste Imo Moszkowicz seine lange verdrängten Erinnerungen in der Autobiographie „Der grauende Morgen“ schließlich Worte. „Seit ich das Buch geschrieben habe, habe ich es nie wieder in die Hand genommen und es wäre mir eine Qual daraus zu lesen oder zu hören“, erklärte er bei der Präsentation des Hörbuchs in Ahlen im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit. Diesen für ihn persönlich sehr schwierigen Part überließ er im Hörbuch seiner Tochter, der Schauspielerin Daniela Dadieu, die gut 40 Minuten zu „Kindheit und Pogrom“, „Todesmarsch und Befreiung“ aus der Biographie ihres Vaters liest.
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Imo Moszkowicz,1984
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Die Hörbuchpräsentation war nur einer der vielen Termine, die sich Imo Moszkowicz im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit zutraute – immer in Begleitung seiner Frau Renate Dadieu, mit der er seit fast 50 Jahren verheiratet ist. Obwohl er inzwischen die 80 überschritten hat, nimmt er jede Gelegenheit wahr, in den Dialog zu treten, um Gräben der Geschichte, der Generationen und Kulturen zu überbrücken.
Der bedeutendste Termin in dieser Woche, zu dem erstmals seine ganze Familie in seine Geburtsstadt Ahlen reiste, war die Verleihung des Ehrenbürgerrechts der Stadt Ahlen an Imo Moszkowicz. Interessante Reden und ein ambitioniertes Begleitprogramm rundeten den Abend ab, doch unbestritten war es Imo Moszkowicz selbst, dem es am besten gelang die rund 600 Zuhörer mit einer bescheidenen, offenen Liebenswürdigkeit in seinen Bann zu ziehen, als er aus seiner Erzählung „Von den vier Ecken der Erde“ las.
Seine präzise und sehr humorvolle Art des Vortrags stellt er auch mit dem neuen Hörbuch unter Beweis. Im vergangenen Jahr erschienen seine „Reflexionen eines Regisseurs“ unter dem Titel „Zauberflötenzauber“. In von ihm selbst gelesenen Auszügen lässt Moszkowicz den Zuhörer eine Stunde lang an Erwartungen und Ängsten, an Hochgefühl und Anekdotischem aus der Welt seiner Zauberflöten-Inszenierung teilhaben. Denn was sagte Imo Moszkowicz seinen vielen begeisterten Zuhörern in Ahlen – „Vorlesen ist das Schönste, was man Menschen geben kann.“
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