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Kriegskinder. Zwischen Hitlerjugend und Nachkriegsalltag
Barbara Stambolis / Volker Jakob (Hg.): Kriegskinder. Zwischen Hitlerjugend und Nachkriegsalltag (=Aus westfälischen Bildsammlungen, Bd. 4, hrsg. im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe – LWL-Medienzentrum für Westfalen – von Markus Köster), Münster 2006, ISBN-10: 3-89688-290-2, ISBN-13: 978-3-89688-290-5, 19,95 €
Der 1918 in Lippstadt geborene Walter Nies hat sein Leben lang fotografiert und später auch die Filmkamera betätigt. Als begeisterter Amateur machte er seine private Leidenschaft schließlich zum Beruf, den er mehr als ein halbes Jahrhundert lang sehr engagiert ausübte. In den Jahren 1942 bis 1945 war er für die Bann-Bildstelle der Hitlerjugend in Lippstadt, ab 1943 für die Bildstelle der HJ Westfalen-Süd in Bochum tätig. Nach dem Ende des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges fotografierte Nies u.a. für die „Katholische Osthilfe“, die Hilfsorganisation für Flüchtlinge im Erzbistum Paderborn. Später war er als freier Fotograf auch international tätig. So ist ein umfangreiches Oeuvre an Bildern entstanden, das, bei weitem noch nicht erschöpfend erschlossen, heute im Stadtarchiv Lippstadt bewahrt und gepflegt wird. Darunter kommt thematisch jenen Fotoserien eine besondere Bedeutung zu, die die nationalsozialistische Machtinszenierung in Westfalen und insbesondere den Alltag der Staatsjugend, der HJ und des BdM, im Bild festhalten.
Im Mittelpunkt des Bildbandes, der sein Erscheinen einer engen Kooperation zwischen dem LWL-Medienzentrum für Westfalen und dem Stadtarchiv Lippstadt verdankt, steht das Leben von Kindern und Jugendlichen „zwischen Hitlerjugend und Nachkriegsalltag“. Die bisher weitgehend unveröffentlichten Fotografien zeigen facettenreich die Erfahrungswelt der Kriegskindergeneration des Zweiten Weltkrieges, der heute 60 bis 80-Jährigen. Sie belegen deutlich, wie die Generation der Kriegskinder die totale politische Vereinnahmung unter dem Nationalsozialismus, den Zusammenbruch 1945 und den Neuanfang danach erlebte. So bilden sie den sonst nur schwer fassbaren Übergang zwischen Krieg und Nachkriegszeit ab und dokumentieren höchst unterschiedliche und „geteilte“ Kindheits- und Jugenderfahrungen, die nicht nur für Westfalen exemplarisch sind.
Der Zweite Weltkrieg war, wie wir heute wissen, nicht zuletzt ja auch ein Medienkrieg, in dem die Fotografie als propagandistische Waffe eine zentrale Rolle spielte. Das gilt auch für Westfalen. Dieses Bilderbuch handelt von jungen Menschen vor der Kamera, von ihrem missbrauchten Idealismus, aber stets auch von dem Fotografen, seinen Positionen und Intentionen. Immer wieder stellt sich die Frage nach der Aussagefähigkeit visueller Quellen für die historische Erkenntnis. Eine Reihe von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen haben die Bilder von Walter Nies auf ihren historischen Gehalt hin befragt und stellen ihre Ergebnisse hier zur Diskussion. Aber es sind vor allem die Bilder selbst, die visuell zu uns sprechen. Bilder erzählen Geschichten auf eine eigene, sehr persönliche Art, indem sie in uns komplexe Erinnerungen und Assoziationen aus tieferen Bewusstseinsschichten wachrufen. Auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, bleiben, wie nicht zuletzt die aktuellen Diskussionen zeigen, zahlreiche offene Fragen: Dieses Buch formuliert wichtige Antworten.
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