Ignaz Böckenhoff (1911-1994) war ein Außenseiter, unverheiratet, geschäftlich unbegabt und beruflich erfolglos. Er ist auf vielen Gebieten gescheitert, aber er war ein großartiger Fotograf.
Über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren hinweg hat er als Amateur die Menschen und Zustände seines Heimatdorfes Raesfeld mit großer Hingabe porträtiert. Nicht als Reporter, sondern als Chronist.
Böckenhoff, als Sohn eines Bauern geboren, war fotografisch gesehen Autodidakt. Seine erste Kamera kaufte der 15jährige 1926, in einer Zeit, in der die Beschäftigung mit ländlichen und bäuerlichen Themen im Zuge der damals populären Heimatfotografie einen ersten Aufschwung erlebte. So dokumentieren seine Bilder die ländliche Lebenswelt und traditionelle Gesellschaftsordnung in Westfalen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Ignaz Böckenhoff fand seine Sujets auf den Höfen der großen wie der kleinen Bauern, in den Werkstätten der Handwerker, den Läden der Gewerbetreibenden. Er fotografierte die Alten ebenso wie die Jungen, die Erwachsenen und die Kinder, die einfachen Leute und die Sonderlinge und Außenseiter, die jede Dorfgemeinschaft kennt, mit der gleichen Zuwendung wie die Honoratioren: den Pastor, den Arzt, den Gendarmen, den Fabrikanten. Familienfeiern fanden in gleichem Maße sein Interesse wie die Dorf- und Schützenfeste und die kirchlichen oder die politischen Manifestationen im öffentlichen Raum.
Die zweite Hälfte der 1930er und die beginnenden 1940er Jahre waren für den Fotografen besonders fruchtbar. Er dokumentierte mit seinen Kameras die schleichenden politischen Veränderungen, die zunehmende Ideologisierung und Militarisierung des dörflichen Lebens, den Aufbau der nationalsozialistischen Gliederungen im Ort und schließlich, kurz vor Beginn des Krieges, die Einquartierung der Wehrmachtseinheiten. In dieser Zeit sind seine stärksten und überzeugendsten Aufnahmen entstanden.
Die beiden Herausgeber haben aus dem über 80.000 Negative umfassenden Nachlass 152 Fotografien ausgewählt, in denen sie den lange vergessenen Fotografen vorstellen und fotogeschichtlich einordnen. Der Bildband begleitet eine Ignaz Böckenhoff gewidmete Ausstellung, die bereits in zahlreichen nordrhein-westfälischen Städten mit großem Erfolg gezeigt worden ist.
Volker Jakob / Ruth Goebel:
Menschen vom Lande – Ignaz Böckenhoff,
Essen 2002,
ISBN 3-89861-149-3, 19,95 €
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