Programm:
Mittwoch, 10. April, 19.30 Uhr
Der Golem, wie er in die Welt kam
D 1920, sw mit Viragierung, 84 Min., stumm
Regie: Paul Wegener
Einführung in die Reihe und den Film: PD Dr. Reiner Niehoff (Berlin)
Paul Wegeners legendärer Stummfilm über die mittelalterliche Golem-Sage – die dramatische Geschichte um die magisch belebte Lehmfigur, die die Vertreibung der Juden aus Prag verhindern sollte – war einer der künstlerisch wie wirtschaftlich größten Erfolge des expressionistischen Films der Weimarer Republik.
Ganz wesentlichen Anteil daran hatte die außergewöhnliche Filmarchitektur von Hans Poelzig, einem der wenigen gefeierten Realarchitekten, die ebenso erfolgreich auch für den Film gearbeitet haben. Die atmosphärische und emotionale Wirkung seiner gotisch inspirierten Stadtillusionen und die organische Architektur seiner Innenräume werden hier zu regelrechten Protagonisten. Dies entsprach genau der Intention des Regisseurs: "Es ist nicht Prag, was mein Freund Poelzig aufgebaut hat. Sondern es ist eine Stadt-Dichtung, ein Traum, eine architektonische Paraphrase zum Thema Golem. Die Gassen und Plätze sollen an nichts Wirkliches erinnern, sie sollen die Atmosphäre schaffen, in der der Golem atmet." Als filmischer Prototyp aller künstlichen Kreaturen und Maschinenmenschen, die entfesselt zum Monster werden, wurde Wegeners „Golem“ darüber hinaus zum Urahn dieser Spezies, von Frankenstein bis zu King Kong.
Gezeigt wird die 2002 restaurierte und viragierte Fassung mit der Musik von Aljoscha Zimmermann.
Buch: Paul Wegener, Henrik Galeen, Kamera: Karl Freund, Musik: Hans Landsberger, Darsteller: Paul Wegener (Golem), Albert Steinrück (Rabbi Löw), Lyda Salmonova (Mirjam), Ernst Deutsch (Famulus), Lothar Müthel (Junker Florian), Otto Gebühr (Kaiser), Loni Nest (Mädchen) u.a.
Mittwoch, 17. April, 19.30 Uhr
Les Mystères du Château de Dé
Frankreich 1929, sw, 27 Min., stumm
Regie: Man Ray
Einführung: Dipl.-Ing Joerg Verwohlt, Architekt BDA (Emsdetten)
Mit dieser surrealistisch verspielten Dokumentation einer Villa an der Côte d'Azur drehte Man Ray die erste Werkschau der Filmgeschichte. Das kubistische Landhaus des großen Mäzens und Surrealistenfreundes Charles de Noailles wird durch eine wilde Mischung aus dadaistischen Tanzszenen, absurdem Witz und verrätselten Kameraschwenks zu einem mysteriösen Ort aufgeladen, der sich aller dramaturgischen und architektonischen Logik entzieht.
Buch: Man Ray, Kamera: Jacques-André Boiffard, Darsteller: Georges Auric, Le Comte de Beaumont, Le Vicomte de Noailles, Marie-Laure de Noailles u.a.
Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch (A vida é um sopro)
Brasilien 2007, Farbe, 84 Min., port. OF mit dt. UT
Regie: Fabiano Macial
Einführung: Dipl.-Ing Joerg Verwohlt, Architekt BDA (Emsdetten)
Der im vergangenen Jahr gestorbene, brasilianische Architekt Oscar Niemeyer (geb. 1907) war nicht nur der letzte Gigant der architektonischen Moderne, sondern auch ihr erfolgreichster Überwinder. Sein unerschütterlicher Glaube an das Projekt der Moderne ließ ihn zum kühnsten Baumeister des 20. Jahrhunderts werden. Der Film lässt Niemeyer selbst die Geschichte seiner beruflichen Entwicklung erzählen, unterlegt mit altem Filmmaterial, ästhetischen Aufnahmen seiner Bauwerke, Zeichensequenzen sowie Kurzinterviews mit Wegbegleitern
Buch: Fabiano Maciel, Kamera: Jacques Cheuiche, Marco Oliveira, Schnitt: Jordana Berg, Musik: João Donato.
Mittwoch, 24. April, 19.30 Uhr
Mein Onkel (Mon oncle)
Frankreich 1958, Farbe, 110 Min., frz. OF mit dt. UT
Regie: Jacques Tati
Einführung: Dipl.-Ing. Stefan Rethfeld (Münster)
Selten sind in einem Film zwei konträre Lebensformen derart ungebremst aufeinander losgelassen und ins Bild gesetzt worden wie in Jacques Tatis „Mon Oncle“. Das alte Frankreich, etwas angestaubt, aber lebenslustig und voller menschlicher Wärme steht unversöhnlich gegen das neue: steril, reglementiert und technikhörig.
Symbole und regelrechte Protagonisten dieses Antagonismus sind die jeweiligen Architekturen, und ein Wandler zwischen diesen beiden Welten ist Monsieur Hulot, Tatis filmisches Alter Ego. Er lebt in einem gemütlichen Viertel in herzlicher Nachbarschaft, verkehrt aber oft bei seiner Schwester, die mit ihrer Familie in der Moderne angekommen ist: Hinter Mauern und Toren verschanzt, leben sie in einer hypermodernen, vollautomatisierten Villa, einer Art Corbusierschen Wohnmaschine, in der Sauberkeit, Ordnung und Monotonie den Ton angeben. Als verträumter Anachronist ist Hulot natürlich nicht in der Lage, sich dieser Welt anzupassen und wird zunehmend als Bedrohung ihres geordneten Systems wahrgenommen.
Bei aller augenzwinkernden Ironie ist Tatis Film eine engagierte, zivilisationskritische Gesellschaftssatire, die hartnäckig die Bedrohung der Freiheit, der Individualität und des menschlichen Miteinanders anprangert, die von moderner Architektur und Städteplanung ausgehen kann. Auf dem Festival in Cannes 1958 erhielt er den Spezialpreis der Jury und 1959 den Oscar für den besten ausländischen Film.
Buch: Jacques Lagrange, Jean L’Hôte, Jacques Tati, Kamera: Jean Bourgoin Schnitt: Suzanne Baron, Musik: Franck Barcellini, Darsteller: Jacques Tati (Monsieur Hulot), Jean-Pierre Zola (Monsieur Arpel), Adrienne Servantie (Madame Arpel), Alain Bécourt (Gérard Arpel), Dominique Marie (Nachbarin) u.a.
Donnerstag, 2. Mai, 19.30 Uhr
Alphaville (Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution)
Frankreich/Italien 1965, sw, 98 Min., dt.
Regie: Jean-Luc Godard
Einführung: Elke Kania M.A. (Köln)
Geheimagent Lemmy Caution – eine Kultfigur des trivialen Agentenfilms der 50er und 60er Jahre – wird auf eine Mission nach Alphaville geschickt, einen totalitären, von einem Computer regierten Stadtstaat, in dem Poesie, Emotionen und freie Gedanken mit dem Tode bestraft werden.
Die pessimistische Geschichte ist in einer futuristischen Kulisse aus anonymen Stadtlandschaften, bedrohlichen Fassaden und neonbeleuchteten Innenräumen angesiedelt. Dabei bewegt sich ihr Held tatsächlich nur durch das Paris des Jahres 1965, gedreht wurde in unpersönlichen Hotels, Fluren und gläsernen Empfangshallen, allerdings meisterlich verfremdet in einem Spiel aus Licht und Schatten. Nouvelle Vague-Regisseur Jean Luc-Godard tischt eine so intelligente wie augenzwinkernde Melange aus Science Fiction, Film noir-Motiven und Anleihen bei der deutschen Stummfilm-Ästhetik auf, deren Selbstironie allerdings nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass „Alphaville“ zugleich auch ein eminent politischer Film ist. Die Wechselbeziehung zwischen Architektur und alptraumhafter Utopie reflektiert die Bedrohungen der Zukunft auf die Räume der Gegenwart und verweist so auf die stets präsente Gefährdung von Humanität und Individualität. Auf der Berlinale 1965 wurde der Film mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.
Buch: Jean-Luc Godard (nach einem Gedicht von Paul Éluard), Kamera: Raoul Coutard, Schnitt: Agnès Guillemot, Musik: Paul Misraki, Darsteller: Eddie Constantine (Lemmy Caution), Anna Karina (Natascha von Braun), Akim Tamiroff (Henri Dickson), Howard Vernon (Leonard Nosferatu), Jean-Pierre Léaud (Page) u.a.
Mittwoch, 8. Mai, 19.30 Uhr
Architektur-Visionen der sowjetischen Filmavantgarde
Kurzfilme und Filmzitate des russischen Architekturfilms
Moderation und Kommentierung: Dr. Hans-Joachim Schlegel (Berlin)
„Eisenstein baut seine Filme so wie ich meine Häuser.“ Mit diesem Vergleich zur Arbeit des russischen Filmregisseurs Sergej Eisenstein machte der französische Architekt Le Corbusier 1928 auf die Nähe der Film- zur Architektur-Avantgarde seiner Zeit aufmerksam.
Der Abschlussabend der Filmreihe wird diese tatsächlich äußerst fruchtbare Wechselwirkung in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts anhand von Kurzfilmen, Filmzitaten und Projektskizzen vor Augen führen: So wird es um die Beeinflussung gemalter Filmräume durch den Expressionismus, wie auch um die Kampfansage des Konstruktivismus an Jugendstil und Ornamentalismus gehen. Die Krise der avantgardistischen Entwürfe und ihrer Dekonstruktion der traditionellen Architektur sollen anhand von Eisensteins unvollendetem Projekt „Glass house“, einem Gegenentwurf zu Langs „Metropolis“, thematisiert werden. Ausgewählte Zitate aus sowjetischen Filmen der frühen 30er Jahre demonstrieren schließlich den Weg zu stalinistisch-monumentalen Machtfassaden wie dem babylonischen „Palast der Sowjets“, den Alexander Medvedkin in „Das Neue Moskau“ (1938) animierte. – Die historische Einordnung und Interpretation übernimmt Dr. Hans-Joachim Schlegel, Filmhistoriker, -theoretiker und -kritiker mit dem Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa.