Borghorster Reliquienkreuz

Das Borghorster Reliquienkreuz

Das Reliquienkreuz der Borghorster Kirchengemeinde St. Nikomedes aus dem 11. Jahrhundert ist eines der herausragenden Zeugnisse sakraler Kunst der Salierzeit. Es kann dem Besucher der Ausstellung „Goldene Pracht“ vom differenzierten Stiftungswesen des Mittelalters berichten: Als Gegenleistung für wertvolle irdische Gaben wie Kreuze und Kelche erhofften sich die Menschen damals ihr Seelenheil und, dass Gott ihre Fegefeuer-Zeit verkürze.

Das Borghorster Kreuz zeigt eindrucksvoll, dass die Menschen tatsächlich existentielle Ängste ausstanden: Der salische Kaiser Heinrich III. ließ 1048 einen sächsischen Grafen namens Thietmar, der wohl Vogt von Borghorst war, wegen eines angeblichen Mordplans gegen den Kaiser zu einem gerichtlichen Zweikampf verurteilen. Dabei wurde der Graf erschlagen. Als dessen Sohn daraufhin den Sieger des Zweikampfes gefangen nahm und ihn brutal von zwei Hunden zerfleischen ließ, schickte der Kaiser ihn ins Exil und konfiszierte seinen Besitz, darunter wohl auch das Stift Borghorst. So ist die Stiftung des Kreuzes den Wissenschaftlern des Ausstellungsprojektes zufolge vielleicht als Sühne für das vergossene Blut und als Zeichen für die Bereitschaft zum Frieden zu verstehen. Die prachtvolle Gestaltung des Kreuzes zeugt wohl vom Willen der Stifter, ein außergewöhnliches Zeichen zu setzen.

Das Kreuz steht im Mittelpunkt des zweiten Ausstellungsraums „Karl der Große und die Folgen. Frühe Stiftungen kirchlicher Schatzkunst“. Der Raum zeigt, wie es nach der Christianisierung Westfalens im 9. Jh. zu ersten hochrangigen Stiftungen von Goldschmiedekunst kommt. Das Borghorster Stiftskreuz ist beispielhaft für die Stiftungen weltlicher Eliten.

Marienschrein

Der Marienschrein aus Tournai

Der wertvolle Marienschrein aus der Schatzkammer der Kathedrale Notre Dame im belgischen Tournai ist einer der Höhepunkte der Ausstellung „Goldene Pracht“. Die Versicherungssumme, ein achtstelliger Betrag, macht den Marienschrein zugleich zur teuersten Leihgabe der Schau. Das Werk ist seit Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland zu sehen gewesen.

Der Marienschrein erstrahlt in der Ausstellung neben dem Beckumer Prudentia-Schrein, der in heimischer Goldschmiedeproduktion entstanden ist. In der Schau werden westfälische und internationale Werke gegenübergestellt, so dass sich dem Publikum das hohe Niveau der westfälischen Werke erschließen wird.

Der Schrein ist von besonderer kunsthistorischer Bedeutung: Er stammt aus der berühmten Werkstatt von Nikolaus von Verdun, der auch wesentliche Teile des Dreikönigsschreins im Kölner Dom gefertigt hat. Es handelt sich um eines der wenigen Stücke mit einer Inschrift, die auf den Goldschmied verweist.

Die Verehrung von Gott und den Heiligen stand im Zentrum des damaligen Denkens: Für die Gläubigen des 13. Jahrhunderts war bei aller Prachtentfaltung vor allem wichtig, dass der Schrein Reliquien der in Tournai verehrten Heiligen Piatus und Nicasius enthielt.

Die Form des Schreins folgt der Tradition der Hausschreine, wie sie seit dem 12. Jahrhundert in zahlreichen Beispielen zwischen Nordfrankreich und dem Rheinland nachweisbar sind. Auf dem Reliquiar sind das Marienleben sowie die Passion Christi abgebildet. Auffällig ist die plastische Gestaltung der vergoldeten Figuren auf blauem Email, die sich vom Hintergrund lösen und die dargestellten Szenen damit beinahe dreidimensional wirken lassen.

Heilige Agnes

Die Reliquienstatuette der Heiligen Agnes

Das 50 Zentimeter hohe Standbild ist Teil des Bestandes westfälischer Silberstatuetten in der münsterischen Domkammer, die in Qualität und Umfang in Deutschland einzigartig ist. Dieser mittelalterliche Kirchenschatz wird ein Höhepunkt der umfangreichen Ausstellung sein.


Die Figur ist ein herausragendes Beispiel für die enge Zusammenarbeit zwischen westfälischen Goldschmieden und Bildhauern im späten Mittelalter. Als Vorlage für die Goldschmiedearbeit hat wahrscheinlich eine Skulptur des münsterischen Bildhauers Heinrich Brabender (1467-1537) gedient. Eine vergleichbare Frauenfigur findet sich auf einem Epitaph, einer Gedenktafel, des Stiftsherrn von Lyntelo, ebenfalls ein Werk Brabenders. Ziel der Ausstellung ist es auch, diese bisher unbekannten Verbindungen aufzuzeigen und die Objekte sowohl historisch als auch kunsthistorisch einzuordnen.


Der münsterische Stiftsherr Rudolf von Langen (1438–1519) stiftete im frühen 16. Jahrhundert die Statuette der Märtyrerin Agnes. Davon zeugt eine umlaufende Schrift auf dem Sockel der Figur. Von Langen war einer der bedeutendsten Vertreter des Humanismus in Münster und Zeitgenosse des Reformators Erasmus von Rotterdam. Die Figur stellt Agnes mit einem Ring in der rechten Hand als Braut Christi dar. Das Lamm an ihrer Seite symbolisiert ihre Reinheit und Frömmigkeit.


Die Heilige Agnes (gestorben 258/259 oder 304 nach Christus) wird seit dem 4. Jahrhundert nach Christus als Märtyrerin verehrt. Ihrer Lebensbeschreibung zufolge erregte die junge Römerin den Unmut des Präfekten der Stadt, weil sie die Werbung seines Sohnes zurückwies mit der Begründung, sie habe um Christi willen ein Leben als Jungfrau gewählt. Bei dem Versuch, der jungen Frau Gewalt anzutun, verstarb er plötzlich. Agnes erweckte den Mann durch ein Gebet wieder zum Leben und wurde dafür wegen angeblicher Zauberei zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Doch die Flammen wichen vor ihr zurück und konnten ihr nichts anhaben, wie es heißt. Daraufhin wurde sie mit dem Schwert gerichtet. In der achten Nacht der Totenwache am Grab der Getöteten soll Agnes den Eltern und Freunden erschienen sein, an ihrer Hand ein goldener Ring und an ihrer Seite ein weißes Lamm (lateinisch: Agnus).

Prudentia-Schrein

Der Beckumer Prudentia-Schrein

Der Prudentia-Schrein erstrahlt in der Ausstellung „Goldene Pracht“ neben dem berühmten Marienschrein aus Tournai, der aus der Werkstatt des Nikolaus von Verdun stammt, dem Erbauer des Dreikönigsschreins im Kölner Dom. Im Vergleich mit dem internationalen Spitzenwerk kann sich dem Publikum das hohe Niveau dieses westfälischen Schatzes erschließen.

Für die Goldschmiedekunst des 13. Jahrhunderts in Westfalen stellt der Prudentia-Schrein einen ersten Höhepunkt dar. Er ist ein wichtiges Beispiel für die hausförmigen Reliquienschreine des 12. und frühen 13. Jahrhunderts. Es handelt sich um das einzige Beispiel dieses Typs in Westfalen. Ursprünglich war der Schrein mit hochrangigen Reliquien frühchristlicher Heiliger ausgestattet. Besonders bemerkenswert ist, dass am Schrein die drei Goldschmiede genannt werden, die ihn gefertigt haben: Renfridus, Hermannus und Sifridus.

Die Ausstellung „Goldene Pracht“ vermittelt, warum und zu welchen Anlässen Menschen des Mittelalters Goldschmiedewerke stifteten. Sie zeigt zugleich, dass sich die Gruppen der Stifter goldglänzender Kreuze, Schreine und Statuetten veränderten:Zunächst traten in Westfalen geistliche und weltliche Eliten als Stifter in Erscheinung, im Spätmittelalter auch ein zunehmend selbstbewusstes Bürgertum.Der Prudentia-Schrein aus Beckum verdeutlicht dies im Ausstellungsraum „Neue Zentren, neue Träger, neue Formen“:
Mit der Inschrift „Diesen Schrein stiftete das Volk von Beckum“ ist erstmals nachweisbar, dass der Auftrag zur Ausführung eines aufwendigen Schreins von einer Stadtgemeinde ausging.

Die heute übliche Bezeichnung „Prudentia-Schrein“ erhielt er erst 1881, als dem damals leer vorgefundenen Gehäuse nach einer gründlichen Renovierung durch Goldschmied Joseph Osthues in Münster Reliquien der frühchristlichen römischen Märtyrerin Prudentia eingefügt wurden. Zum Zeitpunkt seiner Entstehung barg er ebenfalls Reliquien von Heiligen der Urkirche, der Beckumer Kirchenpatrone Stephanus und Sebastian sowie des Märtyrerpapstes Fabian.

Emailplatte

Vergoldete Emailplatten vom Schrein des Heinrich von Blois

Die beiden Exponate aus dem Londoner British Museum sind in der Ausstellung „Goldene Pracht“ im Raum „Irdische Pracht für Himmlischen Lohn. Stifterbilder in der mittelalterlichen Goldschmiedekunst“ zu sehen. Die Vorstellung, dass sich das ewige Seelenheil durch irdische Leistungen verdienen lässt, führte im Mittelalter zu einem differenzierten Stiftungswesen. Als Gegenleistung für wertvolle irdische Gaben erhofften sich die Menschen, dass Gott ihre Fegefeuer-Zeit verkürze.

Die hochwertigen Emailplatten sind ein herausragendes Zeugnis europäischer Goldschmiedekunst der Romantik. Im Auftrag des Stifters und Bischofs von Winchester, Heinrich von Blois, um 1150/ 1160 gefertigt, erzählen sie in besonderer Weise, welche verschiedenen Anliegen mittelalterliche Stifter mit ihren Schenkungen verfolgen konnten: Im Fall der Grubenschmelzplatten diente der Schenkungsakt auch der Sicherung des eigenen Ansehens – im Diesseits und im Jenseits. So ist der Bischof von Winchester auf der unteren Platte in demütigem Fußfall zu sehen. Nach Aussage der umlaufenden Inschrift bringt er Gott ein Geschenk dar. Die beiden Engel mit Weihrauchfässern auf der anderen Platte verbildlichen die gnädige Annahme der Stiftung durch Gott. Vom großen Selbstbewusstsein des Bischof zeugt die Tatsache, dass er sich selbst als Friedenstifter im englischen Thronfolgestreit (1135–1154) rühmt. Die selbstbewusste Darstellung des Stifters, der durch seine Gabe eigentlich Demut ausdrücken wollte, mag heute befremdlich erscheinen, war laut den Kuratoren der Ausstellung im Mittelalter aber üblich.

Bei der Goldschmiedearbeit, zu der die Platten gehörten, könnte es sich um ein monumentales Kreuz oder einen Reliquienschrein handeln. Wegen des politischen Bezugs ist anzunehmen, dass das Werk zwar durch einen bedeutenden maasländischen Künstler, aber in England angefertigt wurde.

Ratsschatz

Ratsschatz und Sifridus-Kelch aus Osnabrück

Zu den Hauptwerken der Ausstellung „Goldene Pracht“ gehören wertvolle Goldschmiedeobjekte aus Osnabrück: Dazu zählen der Osnabrücker Ratsschatz mit dem bedeutenden Kaiser-Pokal, der wertvolle Prunkkelch von Goldschmied Engelbert Hofsleger und der ursprünglich in der Bischofsstadt gefertigte Sifridus-Kelch aus dem finnischen Borga. Die Schau macht erstmals deutlich, dass Osnabrück im Mittelalter eine Hochburg der Goldschmiedekunst war.

 

Der herausragende Sifridus-Kelch, der in einer der zahlreichen städtischen Goldschmiedewerkstätten der Bischofsstadt hergestellt wurde, zählt zu den bedeutendsten Stücken der Goldschmiedekunst des 13. Jahrhunderts. Bis zur Belagerung Osnabrücks im Dreißigjährigen Krieg war der Prunkkelch im dortigen Domschatz aufbewahrt. Als Teil der schwedischen Kriegsbeute gelangte er über Umwege 1711 ins finnische Borga.

 

Das Osnabrücker Ratssilber rund um den spätmittelalterlichen Kaiser-Pokal ist heute einzigartig. Das Ratssilber als Schatz der städtischen Obrigkeit war in früheren Zeiten nämlich stets gefährdet: Fast überall wurde es in Notzeiten eingeschmolzen oder im Falle von Kriegen dem Feind übergeben. In mittelalterlichen Städten kamen wertvolle Goldschmiedearbeiten aus wirtschaftlichen und politischen Gründen wie Repräsentationszwecken zusammen. Wahrscheinlich hat der neue Rat der Stadt Osnabrück im 14. Jahrhundert den ungewöhnlich großen Kelch in Auftrag gegeben, um den Zusammenschluss von Altstadt und Neustadt zu besiegeln.

 

Im Mittelalter hatte das wirtschaftlich florierende Osnabrück hervorragende Goldschmiedewerkstätten, in denen Objekte von hohem künstlerischem Rang entstanden. Eine herausragende Persönlichkeit unter den Goldschmieden der Bischofsstadt war der aus Coesfeld stammende Engelbert Hofsleger, dessen 1468 gefertigter und von ihm signierter Prunkkelch für das Dominikanerkloster in Osnabrück bestimmt war.Der Kelch zeigt den Stifter des Gefäßes, den Prior des Klosters, ungewöhnlicher Weise gleich neben Christus auf dem Ölberg. Stifter glaubten, durch die Darstellung auf liturgischen Geräten bis in die Ewigkeit an Messen teilzunehmen.

Armreliquiar

Armreliquiar der Heiligen Cosmas und Damian

Das Armreliquiar der Heiligen Cosmas und Damian ist ein einzigartiges Zeugnis des spätmittelalterlichen Stiftungswesens.Grund hierfür ist das detailreiche Bildnis seiner Stifterin, der Essener Äbtissin Beatrix von Holte (1250–1327), die auf der Goldschmiedearbeit verewigt wurde.

 

Stifterbilder auf Reliquiaren erfüllten eine besondere Funktion. Sie erinnerten die beschenkte geistliche Gemeinschaft, in diesem Fall das Stift Essen, an ihre mit der Stiftung verbundenen Verpflichtungen: das Feiern von Messen und das Verrichten von Gebeten zum Andenken der Verstorbenen. Die in Gebetshaltung dargestellte Beatrix bringt ihre Hoffnung auf den Beistand der Heiligen am Tag des Jüngsten Gerichts zum Ausdruck.
 

Der Arm enthält Reliquien des Heiligen Cosmas, der ein Patron des Essener Frauenstifts war. Als sogenanntes sprechendes Reliquiar erlaubt seine Form Rückschluss auf die enthaltene Reliquie, in diesem Fall einen Armknochen des Heiligen. Wahrscheinlich wurde das Armreliquiar regelmäßig auf dem Magdalenen-Altar aufgestellt, vor dem sich Beatrix bestatten ließ und wo die Gläubigen ihrer dreimal wöchentlich durch eine Totenmesse gedachten.

Buchdeckel Theophanu

Buchdeckel des Evangeliars der Äbtissin Theophanu

Der ungewöhnliche Buchdeckel, den die Essener Äbtissin Theophanu (997–1058) stiftete, erzählt in der Ausstellung „Goldene Pracht“ davon, dass Adlige im Mittelalter hochkarätige Goldschmiedearbeiten in Auftrag gaben, um Gott und die Heiligen zu ehren. Als Gegenleistung für wertvolle irdische Gaben erhofften sich Menschen wie Theopanu, dass Gott ihre Zeit im Fegefeuer verkürze. Die Sorge der Äbtissin um ihr Seelenheil bezeugt in der Ausstellung neben den sakralen Kunstwerken, die sie ihrem Konvent in dieser Absicht schenkte, auch ihr bis heute erhaltenes Testament.

Das kostbare Exponat aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, das heute im Essener Domschatz verwahrt wird, ist im zweiten Raum der Ausstellung „Karl der Große und die Folgen“ zu sehen, der beispielhaft die Anfänge der Stiftung kirchlicher Kunst im westfälischen Raum im 10. bis 12. Jahrhundert präsentiert.

Der Buchdeckel gehörte ursprünglich zu einem ebenfalls erhaltenen und reich geschmückten Evangeliar. Im 18. Jahrhundert wurde der Vorderdeckel vom Evangeliar und vom rückwärtigen Einband getrennt. Vor einigen Jahrzehnten konnte mittels besonderer Analysemethoden wahrscheinlich gemacht werden, dass der Buchdeckel und das Borghorster Stiftskreuz vielleicht in derselben Werkstatt gefertigt wurden: Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Bienenwachsfüllungen in den Heiligenreliefs am Kreuz und im Buchdeckel Wachs enthielten, das von denselben Bienenvölkern stammt.

Die Äbtissin Theophanu gehörte als Tochter des Pfalzgrafen Ezzo (996–1034) und der ottonischen Kaisertochter Mathilde (979-1025) zu den Nachkommen der ottonischen Königsfamilie. Erzbischof Hermann von Köln (995–1056), ihr Bruder, sowie zahlreiche Schwestern, die gleichfalls Äbtissinnen im lothringisch-sächsischen Raum waren, profilierten sich als herausragende Stifterpersönlichkeiten in salischer Zeit, die mit Kaiser Heinrich III. (1017–1056) in engem Kontakt standen.