Nina Canell Nina Canell, Shedding Skin (Perpetual current for twenty-four buckets), 2008, Courtesy: The artist and mother's tankstation, Dublin, Foto: Robin Watkins

Neue Alchemie

Kunst der Gegenwart nach Beuys


Das LWL-Landesmuseum zeigt in der Ausstellung mit 32 Werken von elf zeitgenössischen Künstlern, wie das Werk von Joseph Beuys für die Kunst der Gegenwart aufgegriffen und weitergedacht wird. Schon der Titel Neue Alchemie beschreibt die experimentelle, hypothesenhafte Anlage der Ausstellung. Bei den eingeladenen Künstlern handelt es sich nicht um eine erklärte Kunstbewegung im klassischen Sinne, vielmehr setzen sich hier zahlreiche, voneinander unabhängige und höchst individuelle Einzelpositionen zu einem Gesamtbild zusammen, das in der Ausstellung erstmals als ein zusammenhängendes Phänomen beschrieben wird. Die ausgewählten Künstler sind fast alle in den 1970er Jahren geboren und stehen mit ihrem Werk aktuell im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit. So vertritt Karla Black Schottland im nächsten Jahr auf der Biennale in Venedig, Nina Canell zeigt ihr Werk im kommenden Jahr im MOMA in New York.

Bereits bestehende Arbeiten werden mit speziell für das LWL-Landesmuseum konzipierten Arbeiten kombiniert und in Performances und Veranstaltungen in das Ausstellungsgeschehen eingebunden. Die Ausstellung eröffnet fast zeitgleich zur Eröffnung der großen Joseph Beuys Retrospektive „Parallelprozesse“ in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf.

Die eingeladenen Künstler sind selbst nicht mehr Zeugen von der Überlagerung der Person Beuys mit seinem Werk, von seiner Präsenz und seinem Charisma geworden, sondern kennen seine Kunst ausschließlich über medial vermittelte Bilder, Filme oder aus dem Museum als statische, nicht mehr lebendige Werke. Der Charakter der neuen Kunstwerke ist der des Prozesses. Statt einer endgültigen Form ist der Moment der Transformation maßgeblich: Ein Vorhang aus fragilem Zuckerpapier (It‘s Proof That Counts von Karla Black) zeigt die Vergänglichkeit des Materials. Katinka Bock lässt in ihrer Arbeit Local Colour Balance das Raumklima des Museums eingreifen: Drei Zitronen, an einer Eisenstange befestigt, halten sich die Waage mit einem Stoffband. Im Laufe der Zeit verlieren die Zitronen an Feuchtigkeit, trocknen ein und werden dadurch leichter. Wann wird das Gleichgewicht zerbrechen?

Einige Künstler erzeugen romantische und mystisch-alchemistische Assoziationen, indem sie in ihren Werken Technik, Natureinfluss und Naturimitation kombinieren. Nina Canell schafft aus mit Wasser gefüllten Plastikwannen, die mit Trommelfellen überzogen sind, eine mystische Nebel-Klang-Landschaft (Shedding Skin). Oft werden die Materialien in besonderen, bedeutungsvollen und symbolisch aufgeladenen Anordnungen als Installationen und Skulpturen im Raum positioniert, zum Beispiel in der Rauminstallation Raum#256 – Opak von Lone Haugaard Madsen. Es handelt sich dabei um das Aufgreifen einer Ästhetik, die man aus der musealen Präsentation der Beuys-Räume kennt, die aber auch auf die Vitrinen-Arrangements von Beuys anspielen.

Durch ihre Präsentation und Materialien werden die Kunstwerke auratisch und spirituell aufgeladen. Eine magisch-energetische Qualität wird thematisiert, indem sie in die assoziative Nähe von archaischen Ritualen und schamanistischer Praktik gerückt werden, oft auch in der Art  ethnologischer Objekte, wie in der Installation Mounting Toward Zenith – Descending and Disappearing von Matthew Ronay. Während der Eröffnung „aktiviert“ der Künstler die Arbeit, indem er selbst zum Teil seiner Installation wird.