plakat uni Unbekannter Entwerfer / Druckwerkstatt in der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: Ich bin zu jedem Gespräch bereit!, 1969, Foto: LWL

Teil 1: Die Uni Münster und die '68er-Bewegung (21.1.-1.5.2011)

 

Mehr als ein Nebenschauplatz

Münster und die Studentenbewegung 1968

In der Ausstellungsserie „Visuelle Revolten. Schnitte durch die Plakatszene um 1968. Drei Präsentationen aus der Sammlung“ zeigt das LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Plakate, Flugblätter und Zeitschriften-Cover aus pardon und Konkret, die sich mit lokalen und globalen Aspekten von „1968“ beschäftigen. Der erste Teil „Münster – Mehr als nur ein Nebenschauplatz“ (bis 1. Mai 2011) widmet  sich den sogenannten „Studenten-Unruhen“ und deren kulturellem Umfeld. In einer Serie stellt das LWL-Landesmuseum ausgewählte Exponate vor.

Überfüllte Hörsäle, zu wenig Lehrkräfte und Wohnungsmangel – das klingt wie die typischen Klagen heutiger Studierender. Allerdings war auch das Studentenleben in den 1960er Jahren bereits von diesen Themen geprägt. Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) zählte 1967 mit über 17.000 Studenten bereits zu den größten Universitäten der Bundesrepublik.
Die ersten Proteste richteten sich daher vor allem gegen die Bedingungen an der Universität. Das Ziel der Studenten war, mehr Mitbestimmung zu erreichen. Im Frühsommer 1969 spitzten sich die Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der Studierenden und dem Rektor Rollhäuser zu.

Das Plakat „Ich bin zu jedem Gespräch bereit“ sollte das Doppelspiel – so der Standpunkt linker Basisgruppen an der WWU - des Rektors Rollhäuser entlarven. Hinter einem liberal-beschwichtigenden Aufputz in Form von Talar und Friedensgeste stand die knüppelschwingende Staatsmacht versteckt, die der Rektor außerdem mit „Schwarzen Listen“ zur Abstrafung widerständiger Studenten belieferte. Durch ein umstrittenes Flugblatt vom 19. Mai 1969, in dem er Härte gegen „Extremisten“, „kindische Störer“, „unreife Schmierer“ und „Pornographen“ androhte, hatte der Rektor die Spannungen angeheizt, die in den darauffolgenden Tagen und Nächten zum Ausbruch kamen. Eines der wichtigsten Ereignisse ist in dem Plakat „Demonstration F-Haus“ dokumentiert: Das monumenthaft wirkende Großplakat eines unbekannten Entwerfers zeigt einen Polizisten in voller Montur und weist auf den Beginn der Demonstration um 17 Uhr hin. Bei der Wiederwahl des Rektors am 20. Mai im Schloss und der Dekanswahl der Philosophischen Fakultät am 6. Juni im „F-Haus“ sollte nach den Provokationen des Rektors – auch gewaltsam – „Öffentlichkeit hergestellt werden“. Der Rektor rief die Polizei, darunter die Bereitschaften der Polizeischule Bork, zu Hilfe, wobei es vor dem Fürstenberghaus auf dem Domplatz zu schweren Auseinandersetzungen mit Verletzten und Festnahmen kam.
 

Dr. Fummel Unbekannter Entwerfer: Dr. Fummel und seine Gespielinnen, 1969, Foto: LWL

Die Sexfilmwelle

 

Dr. Fummel und Co.

Sexfilm-Welle der 60er Jahre


Die 60er Jahre waren anfangs noch stark geprägt von einer repressiven Sexualmoral, die mit einem Mangel an Aufklärung einherging. Um 1968 wurden Forderungen aus der linksalternativen Szene nach einem Zusammenschluss von sexueller und politischer Revolution, der so genannten „Sex-Pol-Bewegung“, immer lauter.
In den Jahren zuvor waren immer mehr Sex-Filme entstanden, die nur geringe filmische Qualität aufwiesen und für  Proteste sorgten. Die Vorwürfe reichten von bloßem Kommerz und primitiver Manipulation bis zur „teuflischen Besessenheit“ der Filmemacher. Stellvertretend für dieses Genre ist das Plakat zu „Dr. Fummel und seine Gespielinnen“ (1969) zu sehen, das heute für Belustigung sorgt mit den zeittypischen Ausstattungselementen und dem schmierig wirkenden Hauptdarsteller, der sich von leichtbekleideten Damen anhimmeln lässt.
Die Regierung der ersten Großen Koalition (1966 – 1969) wollte der Flut dieser angeblich nur seichten Sex-Filmchen eine „offizielle Antwort“ erteilen und ließ die Trilogie „Helga“ produzieren. 1967 entstand der erste Aufklärungsfilm „Helga“, der mit 40 Millionen Kinobesuchern im In- und Ausland zum Kassenschlager wurde. In den Jahren darauf folgten  „Helga und Michael“ (1968) und  „Helga und die Männer – Die sexuelle Revolution“ (1969). „Helga“ wurde mit der „Goldenen Leinwand“ ausgezeichnet, wobei die Auszeichnung nicht die Hauptdarstellerin Ruth Gassmann, sondern Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel in Empfang nahm.
Insbesondere die antiquiert wirkenden Werberatschläge für die „Helga“-Filme an die „Herren Theaterleiter“ machen den großen gesellschaftlichen Nachholbedarf in Sachen sexueller Information deutlich.
Eine bekannte Figur dieser Jahre ist der 2010 verstorbene Oswalt Kolle, der als legendärer „Aufklärer der Nation“ gilt. Er belieferte - neben der Bundesregierung – den Sex-Filmmarkt mit vergleichsweise seriösen Produkten wie „Das Wunder der Liebe“, in denen er einen aufklärerischen Anspruch verfolgte.

china Unbekannter Entwerfer (nach Vorlage aus der VR China): China-Ausstellung in der WWU Münster, veranstaltet von den Roten Zellen Münster, 1971/72, Foto: LWL

Vorbilder für die Revolution

Plakatkunst von China inspiriert

Die Bundestagswahl 1969 veränderte die Situation der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der linken Studentengruppen entscheidend: Auf die große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger folgte die sozial-liberale Koalition, Willy Brandt wurde Bundeskanzler und sprach seine berühmten Worte, mehr Demokratie wagen zu wollen. Brandt bot den Linken eine weitaus geringere Angriffsfläche als etwa seine Vorgänger Kiesinger oder Adenauer, so dass gemäßigte Linke zur SPD zurückkehrten. Die radikale Linke befand sich seit dem Attentat auf Rudi Dutschke im Jahr 1968 in der Krise, 1970 schließlich löste sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) auf.  Ein Orientierungspunkt in diesen Jahren stellte China unter dem „Großen Führer“ Mao dar, was sich auch in der Plakatkunst zeigte. So ist ein Plakat der Roten Zellen Münster, das für eine Ausstellung und Veranstaltungen zur Kulturrevolution in China entworfen wurde, dem chinesischen Plakat „Socialism Advances in Victory Everywhere“ („Sozialismus überall auf siegreichem Vormarsch“) erstaunlich ähnlich. Die weltweit (oft auch mit deutschen Untertiteln) verschickten und vertriebenen Bildplakate  trafen einen Nerv gerade der bundesdeutschen Alternativszene. Chinas kinoartige Panoramen faszinierten mit der Utopie einer scheinbar siegreichen, postrevolutionär-harmonischen Gesellschaft.
Die Breite der Veranstaltungen im Fürstenberghaus und im Audimax innerhalb der „Agitationswoche“ lässt auf die organisatorische Stärke dieser maoistischen Gruppierung zu Beginn der 1970er Jahre schließen. Die linksalternative Szene suchte nach erfolgreichen Revolutionsmustern außerhalb Europas und feierte unter anderem die so genannte Kulturrevolution als Vorbild.

murksbrüder Ernst Volland: Die neuen Murksbrüder sind da!, 1973, Foto: LWL

Feindbild Strauß

Karikaturen der 68er auf bayerischen Ministerpräsidenten


Die Studentenbewegung beschäftigte sich nicht nur mit den Strukturen an den Universitäten, sie rieb sich auch an Politikern, die zum konservativen Lager zählten. Franz Josef Strauß, bayerischer Ministerpräsident und u.a. Bundesverteidigungsminister (1956 bis 1962), war einer der Politiker, gegen den die Studenten am heftigsten protestierten. Er suchte zu Zeiten der Großen Koalition häufig die Konfrontation mit der SPD, was sich nach dem Wahlsieg von SPD und FDP 1972 verstärkte: Strauß wurde zu einem der schärfsten Kritiker der Ostpolitik Willy Brandts. Plakatkünstler näherten sich Strauß vor allem über Ironie und Zuspitzungen. So entwarf Ernst Volland 1974 eine Fotomontage, die Strauß als finsteren Batman zeigt, der hinter den Türmen der Münchner Frauenkirche auftaucht. Die Silhouette der bayerischen Hauptstadt belebte der Künstler mit einer Starfighter-Staffel der Bundeswehr – eine Anspielung auf die Starfighter-Affäre der Bundeswehr, in deren Mittelpunkt der CSU-Chef und damalige Verteidigungsminister stand. Dabei ging es um den Kauf eines Flugzeugtyps für die Bundeswehr, bei dem Strauß Korruption vorgeworfen wurde. Die Vorwürfe ließen sich allerdings nicht bestätigen.
Mit einer karikierenden Darstellung der Politiker Strauß, Helmut Kohl und Kurt-Georg Kiesinger als Ballerinen kommentierte Ernst Volland den Rücktritt des CDU-Vorsitzenden Rainer Barzel 1973. Die „Murksbrüder“, ein neues „Spaßtrio“ in Anspielung auf die Marx Brothers, betrat nun die Bühne. Strauß nimmt neben einem noch jugendlich wirkenden Kohl und dem politisch angeschlagenen Kiesinger die Starrolle ein.

umwelt Ernst Volland, Horrorleben Landkreis Psychow-Dannenberg, 1977, Geschenk des Freundeskreises 2005, Foto: LWL

Umweltbewegung – heute so aktuell wie damals

Die Plakate der 68er-Bewerung beschäftigen sich mit vielen Themen – manche davon erscheinen anlässlich der jüngsten Ereignisse im Golf von Mexiko und in Japan heute genauso aktuell wie vor 40 Jahren, etwa die Umweltbewegung, die gegen die Atomindustrie und Firmen wie Shell vorging. Mit den ersten Öltanker-Katastrophen - wie der Havarie der Torey Canyon 1967 vor der Südküste Englands -, besonders mit den schockierenden Fernsehbildern elend zugrundegehender Seevögel, wurden die neuen Krisenthemen „Umweltverschmutzung“ und „Grenzen des Wachstums“ vehement ins öffentliche Bewusstsein transportiert. 1973 stoppte in der sog. „Ölkrise“ der Ölzufluss und führte erstmals zu Auto-Fahrverboten. Die Mineralöl-Konzerne waren um ihr Image besorgt und gaben in Werbekampagnen treuherzig vor, „mehr als Öl“ machen zu wollen.

Ferner warnte die Anti-Atommüll-Bewegung vor der Gefahr der ewigen Verstrahlung und der Künstler und politische Karikaturist Ernst Volland greift erstmals das heute wieder im Zusammenhang mit „Stuttgart 21“ sehr populäre Ortsschilddesign für eines seiner Plakate auf. Kurzerhand machte er aus dem Endlager-Standort Gorleben das Städtchen „Horrorleben“. Nach dem Aufbaurausch der 1950er und dem Ende der Ära Adenauer/Erhardt Mitte der 1960er Jahre wurde vielen Bundesbürgern klar, wie labil die bunte Illustrierten-Welt von Hochzeit, Familie und Reihenhäuschen in Wirklichkeit war und das Thema Umweltschutz rückte erstmals in den Fokus.