Objekte aus der Sammlung



Das Foto zeigt einen Fräsbankreitstock aus Stahl.
Fräsbankreitstock

Der Fräsbankreitstock - Ein Meisterstück!

Im Alter von 24 Jahren legte 1954 ein Gelsenkirchener Schlossergeselle diese Anfertigung eines Fräsbankreitstocks der Prüfungskommission der Handwerkskammer Münster zur Meisterprüfung vor. Ein Reitstock ist ein verschiebbares Maschinenteil einer Fräsbank und dient zum Abstützen langer, metallischer Werkstücke mittels einer Zentrierspitze.

Das Meisterstück steht exemplarisch nicht nur für den Abschluss der institutionellen Ausbildung in Handwerksberufen, sondern auch für einen Beruf, der heute nicht mehr existiert. Die Ausbildung zum Maschinenschlosser wurde 1936 von den Handwerkskammern als Lehrberuf anerkannt und ging bereits 1987, also nach 51 Jahren, im neuen Ausbildungsberuf des Industriemechanikers auf. Der Reitstock verdeutlicht in erster Linie die handwerklichen und technischen Anforderungen, die Anfang der 1950er Jahre zur Erlangung des Titels „Maschinenbaumeister“ notwendig waren. Nach einer zweijährigen, abendlichen Schulung in der Kreishandwerkerschaft Gelsenkirchen folgten für den jungen Schlosser diese praktische sowie eine theoretische Prüfung vor der zuständigen Handwerkskammer in Münster. Neben den Konstruktionszeichnungen für das Meisterstück musste der Schlosser vorab eine Kosten-, Lohn- und Werkstoffkalkulation erarbeiten und einreichen. Nach der abschließenden mündlichen Prüfung wurde dem ehemaligen Gesellen die Meisterurkunde überreicht.

Das Bild zeigt eine Gruppe von acht jungen Handwerkern vor der Werkstatttür.
Die Gesellen vor der Schlosserwerkstatt.

Meisterstücke erzählen ganz persönliche Lebensgeschichten. In diesem Fall ist die Biografie des jungen Schlossers durch äußere Geschehnisse wie dem Erleben des Zweiten Weltkriegs im kriegsindustriell relevanten Ruhrgebiet beeinflusst. Durch die fast ein halbes Jahrhundert währende Betriebszugehörigkeit und die geographische Übereinstimmung von Heimat und Arbeitsstätte ist seine Geschichte stark mit der Firmengeschichte verwoben. Die letzten Kriegsjahre, Luftangriffe, fehlende Lehrmeister und zerstörte Werkstätten, aber auch Freundschaft und gemeinsame Erlebnisse mit den Kollegen prägten die Lehrzeit und Gesellenjahre des jungen Mannes. Die „verschworene Gemeinschaft“ aus der Schlosserwerkstatt verbrachte oftmals ihre freie Zeit miteinander, feierte zusammen oder unternahm Ausflüge in die Umgebung. Bis heute verbringt der Maschinenbaumeister regelmäßige Kegelabende mit seinen ehemaligen Kollegen.


Nur zwei Jahre nach der Meisterprüfung wechselte der Maschinenschlossermeister innerhalb des Betriebs in eine andere Abteilung und ging einer industriellen Tätigkeit nach. Der berufliche Erfolg und auch ein finanzieller Aufstieg waren aus seiner Sicht im Rahmen einer handwerklichen Tätigkeit nicht möglich. Dennoch erinnert er sich zurück: „Ich habe einen Beruf gehabt, wo ich wirklich Spaß dran hatte. Ich bin auch gerne hingegangen. Es war abwechslungsreich...“ Im Jahr 1990 ging er in den Ruhestand, 2009 holte er sein Meisterstück nach 55 Jahren aus dem Keller und übergab es dem LWL-Freilichtmuseum Hagen. Hier bereichert es fortan als ein handwerkliches Zeugnis und Meisterstück eines kurzlebigen, metallbearbeitenden Handwerks des 20. Jahrhunderts die Sammlung.

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Das Foto zeigt einige beschriftete Backformen.
"Königskuchenformen"

Ladentheke Herne

Die hölzerne Ladentheke des 1888 in Herne gegründeten Eisenwarenladens „W. Albring Nachfahren KG“ mit einer beeindruckenden Länge von etwa vier Metern diente über Jahrzehnte hinweg nicht nur der Abgrenzung von Kassenbereich und Verkaufsfläche, sondern beinhaltete die wahren „Schätze“ eines Eisenwarenfachgeschäftes. Unzählige kleinteilige Beschläge, Schrauben und Haken wurden hier in handbeschrifteten Schubladen und vor allem in „Königskuchenbackformen“ aufbewahrt. Die etwa 120 Formen bieten jene Stabilität und Lebensdauer, welche die Aufbewahrung von schwergewichtigen Eisenwaren für sich beanspruchen – eine den persönlichen Bedürfnissen angepasste Individuallösung wie sie oftmals auch im vorindustriellen Handwerk gefunden werden kann.

Das Foto zeigt eine geöffnete Schublade mit unterschiedlichen Schrauben.
Ein vielfältiges Sortiment.

Ein derart vielfältiges Sortiment und die Abgabe einzelner Stückzahlen suchen heute in den unzähligen, auf der grünen Wiese erbauten Baumärkten ihres Gleichen und können in dieser Form kaum mehr geboten werden. Fotografien aus den 50er Jahren und Erzählungen der ehemaligen Inhaber belegen exemplarisch die Geschichte dieses in seiner Existenz bedrohten Einzelhandelzweiges.

Das Foto zeigt die Außenansicht des Geschäftes im Jahr 1959.
Außenansicht 1959

Die Ladentheke dokumentiert aber nicht nur eine Handelsform an sich, sondern symbolisiert vor allem auch die traditionellen Vertriebswege des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts zwischen Eisenwarenherstellern und weiterverarbeitenden Handwerken. Hier besteht der unmittelbare Bezug zu den im LWL-Freilichtmuseum Hagen gezeigten Handwerken: Er erweitert die Darstellungsweise um die Dimension des Einkaufs von Verbrauchs- und Arbeitsmaterialien für den alltäglichen Bedarf.

Das Foto zeigt die Innenansicht des Ladens im Jahr 1959.
Innenansicht 1959

An den individuellen Gebrauchsspuren lässt sich die jahrzehntelange, intensive Nutzung und Inanspruchnahme ablesen. So liegen in der Ladentheke versteckt, neben Verpackungspapier und Mustertafeln, auch Frauenzeitschriften und Comics – ein überraschender Einblick in die Lebenswelt eines Familienbetriebes.

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Historische Abbildung einer Weberei
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Johann Peter Voit: Faßliche Beschreibung der gemeinnützlichsten Künste und Handwerke für junge Leute. Nürnberg 1804

Neben Maschinen, technischen Geräten und Werkzeugen sammelt das LWL-Freilichtmuseum Hagen auch kultur- und sozialgeschichtliche bedeutende Zeugnisse der Handwerks- und Technikgeschichte seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Dazu gehören auch historische Darstellungen von Handwerken in Literatur und Bild. Mit seiner jüngsten Erwerbung konnte das LWL-Freilichtmuseum Hagen hierbei eine wichtige Überlieferungslücke schließen.

In seiner »Beschreibung der gemeinnützlichsten Künste und Handwerke«, die 1788/90 erstmals in Nürnberg erschien, stellte der Pädagoge und Theologe Johann Peter Voit (1747–1811) insgesamt 86 Handwerksberufe dar, wie sie am Ende des 18. Jahrhunderts ausgeübt wurden. Beschrieben werden ihre Entstehung und Bedeutung sowie die für die Ausübung notwendigen Kenntnisse. Dazu schildert er Arbeitsgänge und Ausbildungswege. Seine Ausführungen richtete Voit speziell an bürgerliche Jugendliche, um sie für handwerkliche Berufe zu interessieren. Mit seinem pädagogischen Ansatz ist das Buch eine wichtige Quelle für die Entwicklung des gewerblichen Ausbildungswesens.

Die Handwerke sind jeweils mit Kupferstichen von Ambrosius Gabler (1762–1834) und Georg Vogel (1767–1810) bebildert. Sie sind durchgehend koloriert und geben einen idealtypischen Einblick in Werkstätten um 1800. Das Buch steht damit zeitlich zwischen dem üblicherweise zu handwerksgeschichtlichen Fragestellungen herangezogenen Werk »Abbildung und Beschreibung der gemein-nützlichen Hauptstände« von Christoph Weigel aus dem Jahre 1698 und den sogenannten Esslinger Blättern, die Handwerksberufe in der Zeit um 1835 illustrieren.

Voits »Beschreibung der gemeinnützlichsten Künste und Handwerke« ist ein überaus seltenes Werk, das nur sechs deutsche Bibliotheken in ihrem Bestand haben. Das Deutsche Museum in München zählt sein Exemplar zu den besonderen Kostbarkeiten der Sammlung.

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