Gegenüber der südöstlichen Spitze des Bochumer Stadtparks, dort wo Klinikstraße und Kurfürstenstraße zusammentreffen, erhebt sich die Evangelische Lutherkirche. In exponierter Lage auf einer kleinen Anhöhe gelegen, bietet sie dem Besucher ein zugleich trutzig-monumentales wie auch ein malerisches Bild. Nachdem der Innenraum in den vergangenen Monaten renoviert worden ist, hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe das Gotteshaus zum Denkmal des Monats März gekürt.
Die Kirche wurde zusammen mit dem Pfarrhaus, mit dem es durch einen überdachten Arkadengang verbunden ist, 1910 –1911 von dem Wuppertaler Architekten Arno Eugen Fritsche als architektonische Einheit errichtet. Damit verfolgte der Planer die zu Anfang des 20. Jahrhunderts im evangelischen Kirchenbau verbreitete Gestaltungsidee, ein städtebauliches Gesamtkonzept zu realisieren. Weitere Gebäude, darunter ein zweites Pfarrhaus sollten ursprünglich die Gesamtanlage zu einer Platzsituation ergänzen, die jedoch nicht mehr ausgeführt wurde.
Dennoch ist die städtebauliche Wirkung beeindruckend. Denn mächtig bieten sich der quadratische, fast 60 Meter hohe Turm und die breite Giebelwand des Kirchenschiffes dem Betrachter dar; zu dieser machtvollen Wirkung trägt wesentlich auch der bossierte Muschelkalkstein bei, aus dem die Außenwände gemauert sind. Zugleich ist die Straßenfront durch den vorspringenden Konfirmandensaal und weitere vor- und rückspringende Bauwerksteile mit einer vielfältig gegliederten Dachlandschaft sowie mit einer Fensterrose malerisch gestaltet.
Die Kirche wurde von Arno Eugen Fritsche im Reformstil mit Jugendstilelementen errichtet. Fritsche baute auch die Kirche in Bochum-Hordel und weitere Kirchen in Dortmund und Gelsenkirchen. Nach 1913 war er nebenamtlich Leiter des Kirchenbauamtes der Evangelischen Kirche im Rheinland. Auf der Grundrissform eines griechischen Kreuzes schuf Fritsche mit der Lutherkirche einen Zentralbau als protestantische Predigtkirche mit Emporen in den Seitenschiffen und über dem Konfirmandensaal. Von der ursprünglichen, von Fritsche gestalteten Ausstattung sind heute noch der Altar und das Taufbecken, beide aus Muschelkalk, erhalten. Dagegen ist die Kanzel nur noch unvollständig vorhanden. Sie trug die Inschrift „Eine feste Burg ist unser Gott“, was auch als ein Leitspruch für das äußere Erscheinungsbild der Kirche gelten mag.
Die ursprüngliche Innenausmalung ist aufgrund der Kriegszerstörungen bis auf das 1912 geschaffene Altarbild des Düsseldorfer Künstlers Heinrich Rüter verloren gegangen. Restauratorische Untersuchungen brachten keine neuen Erkenntnisse über die historische Raumfassung. Bei der nunmehr abgeschlossenen Renovierung der Kirche wurde daher bewusst zurückhaltend vorgegangen. Lediglich ein die Gewölbegrate begleitendes einfaches Ornamentband, das sich aus dem Ornament einer stilisierten Blüte zusammensetzt, wurde als neues Gestaltungselement in den Kirchenraum eingebracht. Das Abendmahlsbild Rüters erfuhr eine behutsame Reinigung und trägt damit wesentlich zur Gesamtwirkung des Kirchenraumes bei. Der Konfirmandensaal erhielt eine aufschiebbare Glaswand, um diesen Raumteil als Winterkirche von dem Zentralraum abtrennen zu können – wobei die Glaselemente die Sicht auf den Altar ermöglichen. Die Abtrennung und Gestaltung dieses Raumes kann in Zeiten abnehmender Kirchgänger als beispielhaft für andere Kirchen angesehen werden. Der Innenraum der Lutherkirche hat dank der Renovierung nunmehr eine beeindruckende ganzheitliche Wirkung wiedererlangt.
Hartmut Ochsmann
470 Jahre war das spätgotische Steinrelief von 1535 direkt neben dem Eingangsportal in der Südfassade der kath. Pfarrkirche St. Martinus in Nottuln Wind und Wetter ausgesetzt. Nun wurde es im Auftrag der Kirchengemeinde durch die fachkundige Hand des Restaurators konserviert und erhielt in der Turmkapelle einen neuen Platz, geschützt vor den zerstörenden Einwirkungen des Außenklimas. Zur weiteren Erhaltung des kostbaren Bildwerks war diese Entscheidung unumgänglich, auch wenn eine Konservierung am angestammten Ort sicher eher im Sinne der Denkmalpflege gewesen wäre. Der heimische Baumberger Kalksandstein, aus dem auch das Nottulner Relief besteht, ist zwar einerseits sehr gut zu bearbeiten und war daher bei Bildhauern zu allen Zeiten beliebt, neigt aber wegen seiner eher weichen Konsistenz zum Abschalen, Abschuppen und Absanden der Oberfläche, weiß LWL-Denkmalpfleger und Restaurator Beat Sigrist. "Durch konservierende Maßnahmen lässt sich der Steinzerfall bei fortdauernder Bewitterung bestenfalls verzögern, nicht aber aufhalten", so der LWL-Fachmann.
Das hochrechteckige Relief zeigt in einem mehrfach gestuften und oben halbrund geschlossenen Rahmen die Ausgießung des Heiligen Geistes über die um Maria versammelten Apostel an Pfingsten, das sogenannte Pfingstwunder. Das Neue Testament berichtet im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte über das wundersame Geschehen in Jerusalem: Am Himmel entsteht plötzlich ein gewaltiges Brausen und es erscheinen Feuerzungen, die sich zerteilen und auf jedem der Apostel niederlassen. Alle werden sie mit Heiligem Geist erfüllt und reden plötzlich in fremden Sprachen, so dass die herbeigeeilten Neugierigen aus verschiedenen Völkern sie verstehen können. Pfingsten gilt seitdem als Gründungstag der christlichen Kirche und als eines der christlichen Hauptfeste, an dem der Ausbreitung der Geistesgaben über alle Völker als Vollendung der Erlösungstat Christi gedacht wird.
Leider ist die Steinoberfläche der Nottulner Pfingstdarstellung bereits ein Stück weit vergangen, so dass nicht mehr alle Details des Geschehens, wie z.B. die auf den Köpfen der Apostel sich niederlassenden Feuerzungen, zu erkennen sind. Noch deutlich sichtbar ist die in der Bildmitte auf einem Pfostenthron sitzende Gottesmutter Maria mit dem Nimbus. Zu ihren Seiten staffeln sich die Apostel, in drei Reihen übereinander angeordnet, in die Bildtiefe. Über dem Ganzen schwebt die in den halbrunden oberen Abschluss integrierte Taube als Symbol des Heiligen Geistes. Die Darstellung folgt in dieser Anordnung einem seit der frühchristlichen Kunst vorgebildeten Bildschema. Es fällt jedoch auf, dass zwei der zwölf Apostel fehlen, die der namenlose Bildhauer möglicherweise nicht mehr auf der zur Verfügung stehenden Bildfläche unterbringen konnte.
Der besondere ortsgeschichtliche Bezug des Nottulner "Pfingstwunders" liegt in seiner Funktion als Epitaph, also als Erinnerungsmal für die am 12. Mai 1535 verstorbene Stiftsdame Lysa von Velen. Eine Inschrift in gotischen Minuskeln unterhalb des Reliefs gibt über diese Zweckbestimmung Auskunft. Die Nottulner Pfarrkirche war bis 1811 zugleich Kirche des freiweltlichen Damenstifts Nottuln, das nur adeligen Frauen offenstand. Die heute nicht mehr existierenden mittelalterlichen Klostergebäude lagen auf der Südseite der Kirche. Das Epitaph der Lysa von Velen befand sich an seinem Platz in der Kirchenfassade in unmittelbarer Nachbarschaft des Kreuzgangs, in dessen Innenhof der Friedhof des Stiftes lag.
Die Konservierung des "Pfingstwunders" durch eine Steinfurter Restaurierungsfirma begann mit der schonenden Reinigung der durch Ablagerungen von Ruß und Staub schwarz gewordenen Oberfläche. Besondere Sorgfalt erforderte die Reduzierung der Gipskrusten, die sich an den Steinoberflächen durch Reaktion des Steinmaterials mit den Luftschadstoffen gebildet hatten. Diese Krusten beeinträchtigen zum einen die Ablesbarkeit der Darstellung und neigen zum anderen durch ihre größere Oberflächenspannung zum Abplatzen, wobei dann in der Regel ein großer Teil der bildhauerisch gestalteten obersten Schicht des Steins verloren geht. Risse wurden verfüllt, lose Schalen und Schuppen wieder befestigt. Auch ohne weitere Oberflächenkosmetik hat das Bild einen Teil seiner Aussagekraft zurückerhalten. "Durch das ideelle und finanzielle Engagement der Kirchengemeinde konnte ein bedeutendes Zeugnis westfälischer Bildhauerkunst der Spätgotik und Dokument der lokalen Klostergeschichte dauerhaft vor der drohenden Auslöschung gerettet werden", lautet das zufriedene Fazit von Beat Sigrist. Ehrensache, dass auch der LWL mit der Bewilligung einer Zuwendung aus Mitteln für die Denkmalpflege hier nicht abseits stehen wollte.
Dirk Strohmann
Fast im Zentrum der Hellwegstadt Geseke liegt zu Füßen der Stiftskirche St. Cyriakus in einem weitläufigen Gartenareal ein einstöckiges Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert. Der heute ganz verkleidete Fachwerkbau in spätklassizistischer Gestalt befand sich einstmals im Besitz des adeligen Fräulein von Hörde und danach des Fräuleins Ferdinanda von Haxthausen. Mit der Wahl dieser ehemaligen Stiftskurie zum Denkmal des Monats Juli soll an eine heute fast vergessene Lebensform erinnert werden.
Etwa 500 unverheiratete, zumeist adelige Frauen lebten früher in den 31 evangelischen und katholischen Damenstiften des heutigen Westfalen-Lippe. Einige dieser Stifte waren schon vor dem Jahr Tausend als Kanonissenstifte gegründet worden, die meisten jedoch erst nach der Reformation aus der Umwandlung ehemaliger Klöster entstanden. Anders als die Nonnen im Kloster legten die Damen im Stift nicht die Gelübde der Keuschheit und der Armut ab. "Sie konnten deshalb das Stift, z. B. für eine Heirat, auch wieder verlassen und sie konnten auf dem Stiftsgelände auch eigene Häuser besitzen," erläutert Annegret Herden-Hubertus vom Westfälischen Amt für Denkmalpflege in Münster. Zumeist wohnte neben der Besitzerin mit Magd und Zofe eine weitere Dame zur Miete. Jeder Stiftsdame standen die Einkünfte einer sogenannten Präbende zu. Da diese ursprünglich aus einem Anteil der Erträge des Stiftes in Form von Naturalien bestand und erst später ganz in Geldeinkünfte umgewandelt wurde, verfügten die älteren Kurien noch über eine landwirtschaftlich nutzbare Deele.
Im dem 946 gegründeten Damenstift zu Geseke waren 25 solcher Präbenden zu vergeben. Innerhalb des von einem Bachlauf abgegrenzten Stiftsgeländes standen neben der Abtei, der erhaltenen Schule und zahlreichen schon lange verschwundenen Nebengebäuden einst acht Kuriengebäude, von denen vier erhalten sind. Besonders beeindruckend ist bis heute die als reines Wohnhaus errichtete Kurie des Fräuleins von Hörde durch ihren authentischen Überlieferungszustand des frühen 19. Jahrhunderts. LWL-Denkmalschützerin Herden-Hubertus ist begeistert und erwartet, dass diese Details auch bei zukünftigen Umnutzungen erhalten bleiben: "Das Innere dieser Kurie ist ein wichtiges Dokument für die Lebensweise der Stiftsdamen."
Mit der Säkularisation seit dem Jahr 1803 neigte sich die stiftische Lebensform dem Ende entgegen. In Geseke allerdings zog sich die Auflösung nach einem langen Rechtsstreit zwischen dem Stift und dem preußischen Staat bis 1872 hin. Von den Stiftsdamen waren zu diesem Zeitpunkt nur noch drei am Leben. Die Kurie der Fräulein von Hörde war schon einige Jahrzehnte zuvor an eine Geseker Bürgersfamilie verkauft worden.
Gegründet wurde die Hohenlimburg, die sich heute auf Hagener Stadtgebiet befindet, um das Jahr 1230 durch Graf Dietrich von Isenburg. Aus der ersten Bauphase der Burganlage, die bis 1300 abgeschlossen war, stammen noch die Ringmauer mit Türmen um den Schlosshof, die nur nach Norden und Osten unverbaut geblieben ist. Die übrigen Gebäude wie alter und neuer Palas, Torhaus, Bergfried u.a. sind in späteren Zeiten entstanden. Eine letzte Verteidigungsfunktion der ursprünglichen Wehranlage erfuhr die Burg in preußischer Zeit als sogenannte Festung III. Ordnung für die preußische Landwehr. Der Wehrgang, der als Denkmal des Monats August ausgewählt wurde und demnächst einer Instandsetzung und Restaurierung unterzogen wird, ist in seiner heutigen Form vermutlich um 1850 entstanden. Das schlichte Eisengeländer besteht aller Wahrscheinlichkeit nach aus sogenanntem Puddeleisen.
Das Puddeln ist ein Verfahren, welches im ausgehenden 18. Jh. In England entwickelt wurde ("to puddle" – Teig umrühren). Mit langen Stangen wurde das schwerflüssige Eisen gerührt, um ihm so Sauerstoff zuzuführen, damit durch diesen Oxidationsprozess, den man auch „Frischen“ nennt, der Anteil des Kohlenstoffes und anderer Beimengungen sinkt. Durch dieses einfache Verfahren konnten die ersten Massenstähle erzeugt werden. Das schmiedbare Produkt Puddeleisen ist von nicht definierbarer Güte und auch nicht wie die heutigen Stähle schweißbar.
Die hohe bruchsteinerne Ringmauer verjüngt sich nach oben. Die Laufebene des Wehrgangs besteht aus unterschiedlich breiten und miteinander verklammerten Sandsteinplatten und liegt auf sandsteinernen Konsolen auf, die durch die gesamte Mauerstärke durchgeführt sind, so dass der obere und schmalere Teil der Mauer das Gegengewicht zum Kragarm der Konsolen bildet. Die Konsolköpfe sind mit einem karniesförmigen Profil (geschweifte S-Form) versehen. Das eiserne Geländer aus Pfosten mit aufgetriebenen Ösen, durch die drei Stäbe gesteckt sind, ist sehr einfach, funktional und damit nutzungsbezogen und gestaltet. Das Pfostenende ist mit einem abgeplatteten Knauf versehen. Die waagerechten Stäbe sind aus unterschiedlich geformten Querschnitten. Der obere ist ähnlich einem Handlauf aus einem plattgeschmiedeten Rundstab. Die Spuren sind noch deutlich erkennbar.
Interessant ist die Technik des Fügens der einzelnen Elemente. Die spitz zulaufenden Enden der Horizontalstäbe wurden in die Ösen der Pfosten gesteckt und so verkeilt. Anschließend wurden die verbleibenden Hohlräume mit Blei vergossen bzw. ausgestopft und durch Hämmern verdichtet. Die Befestigung des Geländers an den Sandsteinplatten und Konsolen erfolgte folgendermaßen: Der Pfosten wurde in Schmiedetechnik in zwei Schenkel aufgespalten und abgewinkelt. Ein Haken jeweils an beiden Enden dieser Schenkel wurde in die Platte gesteckt und ebenso mit Blei vergossen. Hier kann man noch sehr gut die Hammerspuren des Verdichtens sehen. Ein zusätzlicher Eisenwinkel, am Pfosten senkrecht angeschraubt, wurde von vorn in die Konsole eingelassen. Die Verbindung bestand also aus drei Haken und war damit nach drei Richtungen statisch gesichert.
(Die technischen Informationen lieferte teilweise Stephan Brunnert, Metallrestaurator beim LWL-Museumsamt, der auch beratend an dem Projekt beteiligt ist.) Risse und durch Aufrosten entstandene Fehlstellen am Sandstein müssen ebenso handwerksgerecht durch einen Steinmetz repariert werden.
Die beschriebenen Arbeiten würden nicht durchgeführt werden, wenn nicht ein Zweck mit der Maßnahme verbunden wäre. Der Wehrgang, dessen Betreten aufgrund der Absturzgefahr im Moment für die Öffentlichkeit nicht möglich ist, soll wieder begehbar gemacht werden. Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes für die Hohenlimburg wird der Wehrgang Teil eines Rundganges, von dem dann wieder die Aussicht in das Lennetal genossen werden kann. Diese Maßnahme wird neben anderen museumstechnischen Baumaßnahmen maßgeblich durch die Nordrhein-Westfalen-Stiftung gefördert. Auch das Westfälische Amt für Denkmalpflege (LWL) wird sich mit einem kleinen Zuschuss an dem Teilprojekt der Restaurierung beteiligen. Zum Abschluss sei noch erwähnt, dass gegen Absturz in den Schlosshof mit einem feinmaschigen Stahlgewebe vorgesorgt wird, dass möglichst mit wenigen Befestigungspunkten am Geländer selbst und optisch unauffällig montiert werden soll. Diese individuellen Lösungen werden vom Architekten Herrn Rabe aus Hagen erarbeitet.
Als die Wehrfunktion der Burganlage gänzlich ihre Funktion verloren hatte, wurden die Ecktürme mit kleinen hölzernen Pavillonen besetzt, um den gräflichen Bewohnern einen angenehmen Aufenthalt und vor allem die Aussicht in die Tallandschaft angenehmer zu gestalten. Auch diese Aufbauten bedürfen einer baldigen Sicherung und Reparatur.
P.S.
Über das aktuelle Gesamtprojekt und die Förderung durch die NRW-Stifung ist in der Presse schon mehrfach berichtet worden.
Historischer Tropfkörper einer Kläranlage im OT Bad Meinberg
Der Siedlungswasserbau begann vor etwa 4.000 Jahren mit der Anlage von Kanälen zur Ableitung der Wässer und wurde im römischen Reich perfektioniert. Die Erfahrungen der Römer gingen im Mittelalter in Mitteleuropa dann verloren; man entsorgte die häuslichen Abwässer lediglich auf den Straßen oder dem eigenen Grundstück. Häufig genug lagen dabei die Abwassergruben und die Brunnen unmittelbar nebeneinander, Die hieraus resultierenden Probleme, wie das Auftreten von Seuchen, waren folglich vorprogrammiert.
Erst in der Neuzeit konnten diese hygienischen Missstände analysiert werden und so begann man z.B. in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jhdts. mit dem Bau einzelner Kanalisationssysteme, die die Fäkalien unmittelbar und ungeklärt in die Flüsse leiteten. Noch um 1890 bis 1900 bedienten sich Städte an leistungsfähigen Vorflutern wie dem Rhein oder der Weser lediglich einer –mechanischen- Vorklärung durch das Abschöpfen von Schwimm- und Sinkstoffen, also einer eher „ästhetischen“ Klärung.
Als Beginn einer gesamtheitlichen Betrachtung von Kanalisation und Abwasserbehandlung kann für Europa das Jahr 1868 angesetzt werden. In diesem Jahr wurde in England eine Kommission zur wissenschaftlichen Beurteilung von Abwasserbehandlungsmethoden eingesetzt.
Die sich seitdem entwickelnde Siedlungsabwasserbehandlung kann in zwei Teilbereiche unterteilt werden. Die mechanische Behandlung, also die Reinigung von Fest- bzw. Schwimmstoffen, und die biologische Behandlung, also der Abbau von organischen Bestandteilen der Abwässer durch Mikroorganismen.
Die ursprüngliche, frühe biologische Reinigung fand im Rahmen von Rieselflächen statt. Hierbei sorgten die im Boden vorhandenen Mikroorganismen für eine Reinigung der Fäkalien.
Ein sehr frühes Beispiel ist zwar für die Stadt Bunzlau/Polen aus dem Jahr 1675 belegt, systematisch aber wurden diese Rieselflächensysteme in England erst um 1840 und in Deutschland wenige Jahre später ausgebaut.
Aus der wissenschaftlichen Erkenntnis heraus, dass Mikroorganismen in Verbindung mit Sauerstoff für den Abbau der organischen Bestandteile im Wasser sorgten, wurden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verschiedene technische Systeme entwickelt, die dieses auch unter künstlichen Bedingungen ermöglichten.
Eines dieser Systeme ist der 1893 von dem Engländer J. Corbett entwickelte Tropfkörper.
Hierbei wurden Lavaschlacken-/ oder Koksblöcke kreisförmig mit zylindrischen, geschichteten Außenwände aus groben Steinen, durch die Luft eintreten konnte, aufgeschichtet. Über Regner, Rasensprengern vergleichbar, wurde das vorher von groben Bestandteilen gereinigte Abwasser auf diesen Tropfkörpern verteilt und auf seinem Weg durch die Anlage von den Mikroorganismen gereinigt. Die Mikroorganismen siedelten sich dabei als biologischer Rasen auf den aufgeschichteten Blöcken an.
Durch den Einsatz von Tropfkörpern bzw. großen Tropfkörperbatterien war eine wesentliche Verringerung der erforderlichen Standflächen möglich. So benötigte Chicago um die Jahrhundertwende zur Klärung seiner Abwässer für 1.2 Mio. Einwohner rd. 480 ha Rieselflächen aber nur noch 32 ha für den Bau von Tropfkörperanlagen gleicher Klärleistung.
Weitere Entwicklungen wie die Turmtropfkörper oder der Einsatz von Kunststoffen als Füllmaterial anstelle von Lavaschlacke oder Koks, führte dann in den späten 1950er und vor allem in den 1960er Jahren zu einer Ausweitung des Einsatzes dieser Technologie.
Letztlich wurde die Tropfkörpertechnologie dann aber weitestgehend abgelöst durch die Belebungsanlagen in Kläranlagen. Hierbei bauen die Mikroorganismen die organischen Bestandteile in wässriger Lösung unter Zugabe von Sauerstoff ab.
Im Bereich des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe konnte im Stadtgebiet Horn-Bad Meinbergs ein wichtiger und einzigartiger Bauzeuge dieser siedlungswassertechnischen Entwicklungsgeschichte erhalten werden.
Es handelt sich hierbei um den Tropfkörper einer ehemaligen Kläranlage des Ortsteiles Bad Meinberg. Dieser besteht aus einer kreisrunden, freistehenden zylindrischen Anlage aus geschichtetem Lavagestein mit umlaufender, betonierter Abflussrinne. Die Höhe des Tropfkörpers beträgt rd. 1.80 Meter.
Auf dem Tropfkörper ist auch noch der Verteiler/Regner mit dem zentralen Standrohr und den vier Verteilerarmen erhalten.
Im westlichen Bereich zu dem Tropfkörper befindet sich ein zugehörendes rechteckiges, nachgeschaltetes, Absetzbecken aus Beton mit Überlaufkante. In diesem Absetzbecken setzten sich dann die schlammartigen Bestandteile des geklärten Abwassers ab, und das gereinigte Abwasser wurde in einem Bach abgeleitet.
Diese Anlage ist nach dem Entwurf des beratenden Ingenieurs für Wasser- und Abwasser, Dipl.-Ing. Fritz Preuss in Osterode/Harz vom 13. 2. 1956, der am 29. August 1956 landespolizeilich genehmigt wurde, unter Leitung des Wasserwirtschaftsamtes Minden, Außenstelle Detmold, gebaut und am 13. 3. 1958 behördlich abgenommen worden.
Am 9. Februar 2005 hat die Stadt Horn-Bad Meinberg diese Anlage in ihre Denkmalliste eingetragen.
Christian Hoebel