Frieden und Zuflucht 1937 – St. Peter und Paul in Siegen
Kirchlicher Widerstand gegen den Nationalsozialismus formierte sich nicht immer nur in heimlichen Aktionen, sondern auch öffentlich – denkt man zum Beispiel an die evangelische „Bekennende Kirche“. In dieser Hinsicht kommt der katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul in Siegen aus dem Jahre 1937 eine im besten Sinn eigenartige Bedeutung zu.
Die hell verputzte Kirche hat einen stützenfreien Innenraum, der durch eine tragende, ellipsoide und spitzbogige Konstruktion expressionistisch geprägt ist.
Das Gebäude wurde als kraftvolles steinernes Bollwerk gegen die Angriffe der NS-Diktatur auf die katholische Kirche und auf christliche Grundwerte konzipiert. St. Peter und Paul war als Gemeinde 1937 in Siegen gegründet worden. Als Bauherr vertrat Pfarrer Wilhelm Ochse (1878 – 1960) die katholische Kirche, der ausführende Architekt war Josef Ferber aus Soest. Pfarrer Wilhelm Ochse war ein erklärter Gegner des Regimes, weswegen er später das Bundesverdienstkreuz erhielt, das Bistum ihn ehrte und in Siegen ein Platz nach ihm benannt wurde. Er organsierte 1933 die gefahrvolle Verteilung der Broschüre „Christus nicht Hitler“ an alle Siegener Haushalte, setzte sich öffentlich für die Opfer der Gestapo ein, hielt mutige Predigten und führte ein offenes Wort gegen politische Missstände. In der Folge wurde er 1935 wegen „zersetzender Äußerungen gegen Staat und Partei“ zu acht Monaten Haft verurteilt, die ihn aber nicht eingeschüchtert zu haben scheint. Seinen Widerstand hielt er auch gegen ernste Abmahnungen des Erzbistums Paderborn aufrecht. In dieser Atmosphäre schaffte es Ochse dennoch, den Bau einer großen katholischen Kirche zu verwirklichen. So kann sicherlich davon ausgegangen werden, dass an diesem Projekt nichts zufällig ist, sondern hier vielmehr ein Signal christlicher Einstellungen baulich verwirklicht werden sollte.
Die Kirche ist ein optisch wehrhafter Bau mit ihrem hoch aufragenden Westbau mit geschlossenem Mauerwerk. Es ist überdies ungewöhnlich, dass der Wetterhahn nicht auf dem höchsten Turm der Kirche steht, sondern an einer weniger sinnvollen Stelle, dem niedrigen Chorturm. Vom Hauptturm wird dem Betrachter schon von Weitem das christliche Kreuz auf der Weltkugel entgegengehalten, fast wie ein Beschwörungs- oder Triumphgestus. Aufmerksamkeit erheischen die Inschriften an den Beichtstühlen: „Friede“ und „Zuflucht“. Hierzu passen alle weiteren textlichen und symbolischen Aussagen in und an der Kirche: „Wer mich vor den Menschen verleugnet, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel!“, mahnt den Eintretenden zum Bekenntnis und droht den Glaubensfeinden. Andere lauten: „Niemand kann einen anderen Grundstein legen, als den der liegt, das ist Jesus Christus“; „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“; „Vergib uns unsere Schuld und führe uns nicht in Versuchung“; „Der Jünger muss zufrieden sein, wenn es ihm geht wie seinem Herrn“, und: „Wachet und betet allezeit“. Sie alle stellen insgesamt klar heraus, dass Christus und nicht Hitler als der Herr der Welt zu gelten habe und fordern das mutige Einstehen für den Glauben. Die christliche Botschaft in Zeiten staatlicher Willkürherrschaft zu stärken und zu verteidigen ist offenbar ein Zweck des Siegener Gotteshauses in Ausstattung und Architektur.
Dr. Hans H. Hanke