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Annette von Droste-Hülshoff zum "Aufruhr 1225"

Annette von Droste-Hülshoffs Ballade Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Cöln, entstanden im April/Mai 1841, nimmt Bezug auf die Ermordung des Erzbischofs Engelbert von Köln (1185-1225) nahe Gevelsberg an der Ruhr durch Friedrich von Isenburg, der dafür im Jahr 1226 hingerichtet wurde. Droste konzipierte die Ballade für den von Levin Schücking bearbeiteten Band "Das malerische und romantische Westphalen" (1841/42), in dem der Text erstveröffentlicht wurde. 1844 erschien sie auch in der großen Gedichtsammlung der Droste.

Die genauen Hintergründe der historischen Mordtat wurden nie gänzlich aufgeklärt, jedoch waren die Folgen des tödlichen Hinterhaltes enorm: Die Vormachtstellung des Erzbischofs geriet ins Wanken, unzählige Kleinkriege, mehrere hundert Burgenbauten, Aufstieg und Niedergang von Adelsfamilien, die miteinander um Rang und Bedeutung stritten, waren das Ergebnis. Die erste, bald nach den Ereignissen erschienene Darstellung des Stoffes (Cäsarius von Heisterbach: Vita Engelberti, 1226) verfolgt bereits die Intention, die Gründe des Attentats zu verschleiern und Engelbert als Kirchenmärtyrer herauszustellen. Weitere Quellen, die auch Annette von Droste herangezogen hat, stehen im Kontext einer literarisch-historischen Diskussion, die nach den Motiven und einer moralischen Rechtfertigung Friedrichs ebenso fragt wie zu den Tendenzen der Stilisierung Engelberts als Märtyrer kritisch Stellung bezieht.


Das historische Ereignis ist Anlass und Angelpunkt der großen Mittelalteraustellung Aufruhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen, die vom 27.02. bis 28.11.2010 im LWL-Museum für Archäologie Herne präsentiert wird.

Drostes literarische Verarbeitung ist um eine neutrale und aufklärende Darstellung bemüht und fokussiert insbesondere auf die Vermittlung der Intentionen und Motive Friedrichs. Sie transportiert damit eine eigene Sicht der historischen Ereignisse.


Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Cöln

I

Der Anger dampft, es kocht die Ruhr,
Im scharfen Ost die Halme pfeifen,
Da trabt es sachte durch die Flur,
Da taucht es auf wie Nebelstreifen,
Da nieder rauscht es in den Fluß,
Und stemmend gen der Wellen Guß
Es fliegt der Bug, die Hufe greifen.

Ein Schnauben noch, ein Satz, und frei
Das Roß schwingt seine nassen Flanken,
Und wieder eins, und wieder zwei,
Bis fünf und zwanzig stehn wie Schranken:
Voran, voran durch Haid und Wald,
Und wo sich wüst das Dickicht ballt,
Da brechen knisternd sie die Ranken.

Am Eichenstamm, im Ueberwind,
Um einen Ast den Arm geschlungen,
Der Isenburger steht und sinnt
Und naget an Erinnerungen.
Ob er vernimmt, was durch's Gezweig
Ihm Rinkerad, der Ritter bleich,
Raunt leise wie mit Vögelzungen?

"Graf", flüstert es, "Graf haltet dicht,
Mich dünkt, als woll' es Euch bethören;
Bei Christi Blute, laßt uns nicht
Heim wie gepeitschte Hunde kehren!
Wer hat gefesselt eure Hand,
Den freien Stegreif Euch verrannt?" -
Der Isenburg scheint nicht zu hören.

"Graf", flüstert es, "wer war der Mann,
Dem zu dem Kreuz die Rose* paßte?
Wer machte euren Schwäher dann
In seinem eignen Land zum Gaste?
Und, Graf, wer höhnte euer Recht,
Wer stempelt Euch zum Pfaffenknecht?" -
Der Isenburg biegt an dem Aste.

"Und wer, wer hat euch zuerkannt,
Im härnen Sünderhemd zu stehen,
Die Schandekerz' in eurer Hand,
Und alte Vetteln anzuflehen
Um Kyrie und Litaney!?" -
Da krachend bricht der Ast entzwei
Und wirbelt in des Sturmes Wehen.

Spricht Isenburg: "mein guter Fant,
Und meinst du denn ich sey begraben?
O laß mich nur in meiner Hand -
Doch ruhig, still, ich höre traben!"
Sie stehen lauschend, vorgebeugt;
Durch das Gezweig der Helmbusch steigt
Und flattert drüber gleich dem Raben.

II

Wie dämmerschaurig ist der Wald
An neblichten Novembertagen,
Wie wunderlich die Wildniß hallt
Von Astgestöhn und Windesklagen!
"Horch, Knabe, war das Waffenklang?" -
"Nein, gnäd'ger Herr! ein Vogel sang,
Von Sturmesflügeln hergetragen." -

Fort trabt der mächtige Prälat,
Der kühne Erzbischof von Cöllen,
Er, den der Kaiser sich zum Rath
Und Reichsverweser mochte stellen,
Die ehrne Hand der Clerisey, -
Zwei Edelknaben, Reis'ger zwei,
Und noch drei Aebte als Gesellen.

Gelassen trabt er fort, im Traum
Von eines Wunderdomes Schöne,
Auf seines Rosses Hals den Zaum,
Er streicht ihm sanft die dichte Mähne,
Die Windesodem senkt und schwellt; -
Es schaudert, wenn ein Tropfen fällt
Von Ast und Laub, des Nebels Thräne.

Schon schwindelnd steigt das Kirchenschiff,
Schon bilden sich die krausen Zacken -
Da, horch, ein Pfiff und hui, ein Griff,
Ein Helmbusch hier, ein Arm im Nacken!
Wie Schwarzwildrudel bricht's heran,
Die Aebte fliehn wie Spreu, und dann
Mit Reisigen sich Reis'ge packen.

Ha, schnöder Straus! zwei gegen zehn!
Doch hat der Fürst sich losgerungen,
Er peitscht sein Thier und mit Gestöhn
Hat's über'n Hohlweg sich geschwungen;
Die Gerte pfeift - "Weh, Rinkerad!" -
Vom Rosse gleitet der Prälat
Und ist in's Dickicht dann gedrungen.

"Hussah, hussah, erschlagt den Hund,
Den stolzen Hund!" und eine Meute
Fährt's in den Wald, es schließt ein Rund,
Dann vor - und rückwärts und zur Seite;
Die Zweige krachen - ha es naht -
Am Buchenstamm steht der Prälat
Wie ein gestellter Eber heute.

Er blickt verzweifelnd auf sein Schwert,
Er löst die kurze breite Klinge,
Dann prüfend unter'n Mantel fährt
Die Linke nach dem Panzerringe;
Und nun wohlan, er ist bereit,
Ja männlich focht der Priester heut,
Sein Streich war eine Flammenschwinge.

Das schwirrt und klingelt durch den Wald,
Die Blätter stäuben von den Eichen,
Und über Arm und Schädel bald
Blutrote Rinnen tröpfeln, schleichen;
Entwaffnet der Prälat noch ringt,
Der starke Mann, da zischend dringt
Ein falscher Dolch ihm in die Weichen.

Ruft Isenburg: "es ist genug,
Es ist zuviel!" und greift die Zügel;
Noch sah er wie ein Knecht ihn schlug,
Und riß den Wicht am Haar vom Bügel.
"Es ist zuviel, hinweg, geschwind!"
Fort sind sie, und ein Wirbelwind
Fegt ihnen nach wie Eulenflügel. - -

Des Sturmes Odem ist vertauscht,
Die Tropfen glänzen an dem Laube,
Und über Blutes Lachen lauscht
Aus hohem Loch des Spechtes Haube;
Was knistert nieder von der Höh'
Und schleppt sich wie ein krankes Reh?
Ach armer Knabe, wunde Taube!

"Mein gnädiger, mein lieber Herr,
So mußten dich die Mörder packen?
Mein frommer, o mein Heiliger!"
Das Tüchlein zerrt er sich vom Nacken,
Er drückt es auf die Wunde dort,
Und hier und drüben, immerfort,
Ach, Wund' an Wund' und blut'ge Zacken!

"Ho, hollah ho!" - dann beugt er sich
Und späht, ob noch der Odem rege;
War's nicht als wenn ein Seufzer schlich,
Als wenn ein Finger sich bewege? -
"Ho, hollah ho!" - "Halloh, hoho!"
Schallt's wiederum, des war er froh:
"Sind unsre Reuter allewege!"

III

Zu Cöln am Rheine kniet ein Weib
Am Rabensteine unter'm Rade,
Und über'm Rade liegt ein Leib,
An dem sich weiden Kräh' und Made;
Zerbrochen ist sein Wappenschild,
Mit Trümmern seine Burg gefüllt,
Die Seele steht bei Gottes Gnade.

Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch
Von Ampeln und von Weihrauchschwehlen -
Um seinen qualmt der Moderhauch
Und Hagel peitscht der Rippen Höhlen;
Im Dome steigt ein Trauerchor,
Und ein Tedeum stieg empor
Bei seiner Qual aus tausend Kehlen.

Und wenn das Rad der Bürger sieht,
Dann läßt er rasch sein Rößlein traben,
Doch eine bleiche Frau die kniet,
Und scheucht mit ihrem Tuch die Raben:
Um sie mied er die Schlinge nicht,
Er war ihr Held, er war ihr Licht -
Und ach, der Vater ihrer Knaben!



* Zu (dem Kreuz) Cöln die Rose (das Wappen von) Berg, dessen Besitz Engelbert dem Bruder von Isenburgs Gemalin vorenthielt.

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