Schattenkinder

Ein Tag mit Luke : Teil 2

„Der Bus? Was ist denn ein Bus?“, der Junge riss die Augen weit auf und starrte mich erschrocken an. Jetzt konnte ich nicht mehr, ich prustete los. Vor Schmerzen hielt ich mir den Bauch schon fest. Nach kurzem hatte ich mich dann wieder gefangen, sah auf und ich musste mich echt bemühen nicht gleich wieder los zu lachen.

„Das war ein guter Witz, ey!“, weiterhin sah ich ihn an und riss mich zusammen. Der Junge neben mir schaute mich aber erwartungsvoll an, doch er sagte nichts. „OH, warte! Meintest du das etwa wirklich ernst?“, geschockt blickte ich ihn an. Er wiederum guckte beschämt zu Boden.                                                                                                „Doch“, flüsterte er so leise, dass ich es gerade noch hören konnte.     Oh shit, der meinte das wirklich ernst! Aber wieso wusste er nicht, was ein Bus ist? Ich meine jeder in unserem Alter wusste das. Oder ist schon mal mit dem Bus irgendwohin gefahren. Also wieso fragt er dann, was ein Bus ist? Ist er etwa ein Alien?  Okay, nein das wäre zu absurd. Vielleicht kommt er ja aus einer reichen Familie und hatte immer jemanden, der ihn dort hin brachte, wo er nur wollte. Gerade als ich meinen Mund aufmachte, um etwas zu sagen, kam auch schon der Bus vorgefahren. „Okay, komm einfach mit“, sagte ich und zog ihn am Arm mit in den Bus. Der Bus war relativ leer, somit hatten wir also genug Platz uns hinzusetzen.  „Ach ich bin Mila“ sagte ich, hielt meine Hand ihm hin und lächelte ihn an.

„Luke“, sagte er und nahm meine Hand an. „Also Luke, wo musst du denn hin?“, fragte ich. „Also wenn ich ehrlich bin, habe ich kein genaues Ziel. Ich kenne mich hier nicht aus und habe keine Ahnung, wo ich bin“, gab er zu und seufzte dabei hörbar aus. „Oh man, bist du etwa von Zuhause abgehauen?“, fragte ich entsetzt. Luke sagte etwas, aber ich konnte es nicht verstehen.                                                                                                                        „Sorry, kannst du etwas lauter reden? Ich habe dich leider nicht verstanden!“, fragte ich ihn freundlich. Luke kam echt sympathisch rüber, aber irgendwie auch einsam und verletzlich. Also musste dort mehr hinter stecken…Luke war von Zuhause abgehauen. Also blieb die Frage warum und wo er jetzt bliebe.

„Na ja, nenn es wie du willst“, antwortete er. Dabei klang seine Stimme gebrochen und verletzt. „Und wo schläft du jetzt?“ fragte ich, vielleicht könnte ich ihm ja helfen. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung“, sagte er und schaute wieder auf den Boden. Man der Boden muss ja echt interessant sein, wenn er ihn die ganze Zeit auf anstarrt! „Okay, weißt du was? Du kommst jetzt mal mit zu mir. Da kannst du dann im Gästezimmer schlafen.“ Ich hoffte, dass dies höflich und aufmunternd klingen würde. Ein leichtes Lächeln erkannte ich auf seinen Lippen wieder und es sah voll süß aus, wie er sich freute.  „Na also, wenn es keine Umstände macht, dann gerne!“ Sein Lächeln wurde breiter und irgendwie musste ich mit lächeln. „Ach Quatsch“, sagte ich und winkte mit der Hand ab. Gerade als er etwas erwidern wollte, unterbrach uns die Stimme, die immer aus den Lautsprechern kam. Sie sagte immer die Haltestellen an, ich glaube ihr wisst schon, was ich meine. „So, hier müssen wir dann jetzt austeigen. Komm!“, forderte ich ihn auf.               Wir gingen raus und über die Straße zu meinem Haus. „Mum, ich bin jetzt wieder Zuhause!“, rief ich durch das ganze Haus, schleuderte meine Schuhe zur Seite und schmiss meine Jacke auf die Bank, die dort stand. Luke sah mich etwas verwundert an und zog sich nach kurzem Zögern dann aber auch die Schuhe aus. Plötzlich hörte ich Schritte, sie kamen immer näher. Dann sah mich meine Mutter mit einem neugierigen Blick an. „Hey Mum, das ist Luke. Er hat keinen Platz zum schlafen und ich dachte, dass er dann unser Gästezimmer beziehen könnte! Geht das klar?“

Ich sah meine Mutter mit einem durchdringenden Blick an, sie ging auf Luke zu und hielt ihm die Hand hin.

 

„Hallo Luke, ich bin Hanna.“, sagte sie zu Luke und wand sich dann wieder an mich: „Mila gehst du bitte hoch und zeigst ihm das Zimmer. Dann könnt ihr in einer Stunde runter zum Abendessen kommen!“ Ich nickte und ging mit Luke hoch, dort zeigte ich ihm das Gästezimmer, das Badezimmer und die anderen Zimmer. Als Letztes zeigte ich ihm meins, wir gingen rein und setzten uns auf mein Bett.   

„Luke kann ich dich mal etwas fragen?“, zurückhaltend sah ich ihn an, ich wollte nur fragen, wenn es okay ist. Wenn er sich dann auch wohler fühlte, immerhin kannten wir uns nicht gerade lange. Dann würde ich auch nicht jedem meine Probleme oder Sorgen erzählen. Luke sah zu mir und nickte, dies nahm ich dann als ja.                                                                                                                              „Wieso bist du von Zuhause abgehauen?“, fragte ich und er sah auf seine Hände. Ich glaubte, er wollte nicht darüber reden. Ich wollte gerade ansetzen etwas zu sagen, als er mich unterbrach und dann anfing zu erzählen:

„Nun ja, also ich bin mir nicht sicher, ob du den Begriff kennst. Aber ich bin ein Schattenkind. Ich wurde verheimlicht und musste mich immer verstecken. Ich durfte nie raus, war nie in der Schule, ich habe mir die Erzählungen von meinen Brüdern angehört. Ich habe nie selbst ein Abendteuer erlebt. Unsere Regierung hat verboten drei Kinder zu haben. Alle Mütter wurden nach dem zweiten Kind in den OP-Saal geschickt. Bei meiner Mutter aber lief die OP schief. Dies bemerkten die Ärzte nicht und so hat meine Mutter mich dann bekommen. Sie wollten mich auch, deshalb haben sie nichts gesagt und mich weiter verheimlicht. Ich wollte diese Leben nicht mehr führen, ich wollt ein normales Leben führen. Oder was andere unter normal verstanden, also bin ich dann gegangen“, sagte er. Ich dachte echt schon manchmal ich hätte ein nerviges und blödes Leben, aber mal ehrlich. Wer möchte denn bitte versteckt werden, und niemand weiß von dir?