1. Definition/Begriffsbestimmung
Mit dem Begriff Unterstützte Kommunikation werden alle pädagogischen und therapeutischen Kommunikationshilfen, -techniken und -strategien bezeichnet, die Personen mit erheblich eingeschränkter oder gänzlich fehlender Lautsprache eine Erweiterung der kommunikativen Kompetenzen und damit ein mehr an Entwicklungschancen und Gestaltungsmöglichkeiten ermöglichen.
2. Beschreibung des Personenkreises
Der Personenkreis der Schüler mit nicht oder nicht ausreichend vorhandener Lautsprache lässt sich nach Irene Leber in fünf Gruppen einteilen. Hierbei ist die Gruppenzugehörigkeit des einzelnen Schülers im Sinne des momentanen Sprachentwicklungsstandes zu verstehen. Ziel der Fördermaßnahmen in Unterstützter Kommunikation ist eine Erhöhung der sprachlichen Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit und somit die Erreichung eines höheren Sprachentwicklungsniveaus. Zur Zeit haben ca. 21 % der Schüler der Löchterschule diesen Förderbedarf. Es handelt sich hierbei um Schüler, die neben dem Förderbedarf im sprachlichen Bereich wesentliche Förderbedürfnisse in der geistigen Entwicklung, auch im Sinne der schweren Mehrfachbehinderung, dem Lernen und neuerdings zunehmend auch im Bereich des Hörens aufweisen.
Während der Gruppe 2 „Ich & Du“ nur sehr wenige Schüler der Löchterschule zuzuordnen sind, verteilt sich die betroffene Schülerschaft ansonsten zu relativ gleichen Teilen auf alle weiteren der unten näher beschriebenen Gruppen im Sinne Irene Lebers.
1. Ich:
Nichtintentionale Kommunikation
Die Person äußert Empfindungen wie Wohl- oder Unwohlsein durch angeborene Verhaltensweisen. Sie beginnt auf Ansprache zu reagieren und angebotenen Blickkontakt zu halten. Die Umgebung wird nach und nach mit Körper und Sinnen erfahren und erkundet. Ihre Aufmerksamkeit erhöht sich bei interessanten Angeboten, Objekte werden kurz mit dem Blick verfolgt.
Ziel der Förderung:
- Entwicklung von Freude an eigeninitiierter Aktivität
- Erleben der eigenen Person als Verursacher von Reaktionen und Wirkungen.
- Indem die Bezugsperson der Aufmerksamkeit der Person folgt, deren Äußerungen deutet und darauf reagiert, erlebt die Person sich als Verursacher und macht die Erfahrung, die Welt beeinflussen und Interaktionen erwarten zu können.
- Antizipationen durch wiederkehrende, vertraute Abläufe mit Routinen und Ritualen ermöglichen
2. Ich & Du:
Auf dem Weg zu einer intentionalen Kommunikation
Die Person weiß, dass sie Menschen oder Dinge beeinflussen kann. Personen und Objekte werden mit dem Blick verfolgt. Die Umwelt wird viel mit dem Mund erkundet. Teilweise versteckte Objekte werden als Objekte erkannt. In Gegenwart von Bezugspersonen verhält sich die Person anders; sie versucht auf sich aufmerksam zu machen und beginnt, zwischen unterschiedlichen Personen zu unterscheiden. Sie beginnt ebenfalls, auf den eigenen Namen zu reagieren. Angebotene Dinge werden eingefordert, unterbrochene Handlungen sollen fortgesetzt werden. Protest verdeutlicht die Person durch Wegdrehen.
Ziel der Förderung:
- mit Hilfe von Routinen, Ritualen und Bezugszeichen Situationen und Personen antizipieren
- Entwicklung der Entscheidungsfähigkeit
- Anbahnung des Ja-Nein-Konzeptes
- Entwicklung von Mittel-Zweck-Zusammenhängen
- Aufbau eines Symbolverständnisses (Worte, Bilder, Gebärden) in vertrauten, ritualisierten Situationen
- Erweiterung des Sprachverständnisses
3. Ich & Du & die Dinge:
Intentionale Kommunikation
Die Person fordert Aufmerksamkeit und weiß, dass sie mit einem Partner über Dinge kommunizieren kann. Sie sucht den Blickkontakt und beginnt, der Blickrichtung des Partners zu folgen. Vertraute Personen werden von unbekannten unterschieden (fremdeln). Die Person fordert andere zu Handlungen auf, indem sie sie an der Hand zieht, ihr ein Objekt zeigt oder es ihr gibt. Möchte sie ein Objekt haben, streckt sie die Hand danach aus. Aus zwei Handlungen oder zwei Gegenständen wählt sie einen aus.
Eine Verbindung zwischen Mittel und Zweck wird jetzt hergestellt. In alltäglichen Situationen werden die entsprechenden Handlungen erwartet: Brotdose bedeutet „essen“. Erste Wörter und einfache, situationsabhängige Aufforderungen werden verstanden. Sie protestiert und kommentiert nun.
Ziel der Förderung:
- Erweiterung des Vokabulars durch die parallele Nutzung von Wort, Bild und Gebärde
- Ausdifferenzierung der Entscheidungsfähigkeit
- Bezugszeichen für unmittelbar bevorstehende Situationen und Handlungsabläufe erkennen und verstehen
4. Ich & Du & die Dinge & ein Symbol:
Symbolische Kommunikation
Die Person weiß, dass sie mit einem Partner mit Hilfe von Symbolen über Dinge, Personen und Handlungen kommunizieren kann, auch wenn diese nicht sichtbar sind. Sie erkennt Bildsymbole und lernt Gebärden -wenn möglich- durch Nachahmung. Gesten, der Blick zum Partner und Kommunikationsformen wie Laute, Gebärden und einfache Symbole werden kombiniert. Die Person erkennt Personen und Dinge und vermisst diese, wenn sie nicht da sind. Sie fordert Aufmerksamkeit: Das Rufen wird gebraucht und eingesetzt, um wieder eine Verbindung herzustellen. Erste Wörter für Personen, Begriffe, die den Alltag betreffen und situationsbezogene, einfache Anweisungen werden nun verstanden. Die Person protestiert und reagiert auf „Nein“.
Ziel der Förderung:
- Entwicklung eines multimodalen Kommunikationssystems bestehend aus körpereigenen, nicht-elektronischen und elektronischen Kommunikations-formen
- Entwicklung von Strategien zur Gesprächsführung
5. Explosion des Vokabulars
Die Person versteht, dass Begriffe unabhängig von Raum und Zeit durch Worte, Gebärden, Dinge oder grafische Symbole repräsentiert werden. Die Anzahl der Begriffe wächst explosionsartig. Die Person möchte Wünsche äußern, Gesehenes kommentieren, von Erlebtem berichten und Fragen stellen. Für nicht zur Verfügung stehendes Vokabular werden eigene Zeichen entwickelt. Der Blick wird nun eingesetzt, um auf etwas hinzuweisen. Bezugspersonen fungieren als „Übersetzer“. Abläufe und Normen sind bekannt. Einzahl/Mehrzahl, Adjektive, kontextunabhängige Aktionswörter und kurze Erzählungen von Erlebtem werden interessant. ansatzweise werden wahr und falsch unterschieden.
Ziel der Förderung:
- Entwicklung eines leistungsstarken multimodalen Kommunikationssystems
3. Inhalte der Förderung
Folgende Inhalte finden an der Löchterschule schwerpunktmäßig im Bereich der Unterstützten Kommunikation Berücksichtigung:
- Entwicklung eines Ja - /Nein - Konzepts
- Einbindung der UK - SuS in den Fachunterricht, z.B. durch Übungen fachspezifischer Inhalte mit dem Talker / am PC
- Wortschatzerweiterung
- Schreibanlässe mit Hilfe des Talkers umsetzen lernen
- Kennen lernen und Erkennen von Kommunikationsanlässen:
ð durch Rituale im Unterrichtsalltag
ð wenn motorisch möglich durch Lernen und Anwenden von Gebärden
ð mit Hilfe von Talkern / elektronischen Hilfsmitteln, durch Bedienen von Tasten sowie Kennen lernen und Üben von Tastenkombinationen der einzelnen Talker („Vokabellernen“)
- aktive Teilhabe an der Gesellschaft und am Schulleben
4. Umsetzung der Förderung
Im unterrichtlichen Alltag wird die Förderung hauptsächlich unterrichtsimmanent durchgeführt. Zusätzlich finden Fördereinheiten in Kleingruppen und in Einzelfördersituationen statt.
Konkrete Fördermaßnahmen im Unterrichtsalltag werden wie folgt umgesetzt:
- Einbindung in den Klassenunterricht durch Schaffung konstanter sowie konkreter Kommunikationsanlässe, wie z.B.:
ð Wochenenderzählungen
ð Erledigung von Botengängen (Kakaobestellung, Bürodienst)
ð Morgenkreis
ð Spontane Situationen
ð Gratulationen zu Geburtstagen
ð Auswahl von Frühstück / Mittagessen
ð Pausengestaltung
ð Allgemeine Unterrichtsgespräche
ð Mitteilungen von und an zu Hause
- Durchführung schreibmotorischer Tätigkeiten im PC - Unterricht
- Bedienen von Haushaltsgeräten mit Hilfe des Power - Links im Hauswirtschaftsunterricht
- Aufsagen lassen einzelner Textpassagen mit Hilfe des Big-Mäcks, step by steps oder Talkers im Literaturunterricht
- Einbinden der UK - SuS im Musikunterricht durch Aufsagen lassen einzelner Liedstrophen oder Reime mit Hilfe des Big-Mäcks, step by steps oder Talkers
Zudem werden in Einzelfördersituationen oder in Kleingruppen die individuellen Fähigkeiten der jeweiligen SuS berücksichtigt und entsprechend ihrer Möglichkeiten und Bedürfnisse z.B. basale kommunikative Fähigkeiten (Kontaktaufnahme durch Augenkontakt, Berührungen) oder gezielte Kommunikationssituationen (Anwenden des Talkers in verschiedenen Alltagssituationen) geübt und gefördert.
5. Uk Raum
Neben der unterrichtsimmanenten Förderung besteht im Uk-Raum die Möglichkeit, eine individuelle Uk-Förderung bzw. Anbahnung in Kleingruppen oder auch in Einzelförderung anzubieten. Der Raum ist mit einem breitgefächerten Materialienangebot ausgestattet. Neben einer Auswahl an Gesellschaftsspielen (Memory, Kofferpacken) und verschieden Spielzeugen (Puppe, Rasseln, Playmobil) befinden sich dort elektronische und batteriebetriebene Geräte (Mixer, Saftpresse, Lampen), die sich mit entsprechenden Schaltern und Ansteuerungsmöglichkeiten bedienen lassen.
Zwei PCs mit entsprechender Ausstattung (Schalter, Halterungen zur Befestigung am Rollstuhl, Tastatur, etc.) und einer auf das Förderziel abgestimmten Software (Spiele, Programme) ergänzen das Angebot. Die Programme sind hier auf den Computern fest installiert.
Es besteht die Möglichkeit der Ausleihe von Uk Kisten und speziellen Geräten wie z.B. All-turn- it – spinner.
6. Personal / Beratung
Seit dem Schuljahr 2011/12 stehen an der Löchterschule 2,5 Stunden zur schulinternen UK-Beratung und Betreuung des UK-Raumes zur Verfügung. Diese Stunden verteilen sich auf zur Zeit fünf Lehrkräfte.
Geregelt beraten die KollegInnen die neuen Eingangsklassen im Zusammenhang mit der Einschulung von SchülerInnen mit Bedarf im Bereich UK, auf Nachfrage und Bedarf aber auch im weiteren Verlauf in Bezug auf Förder- bzw. Versorgungsmöglichkeiten im Rahmen der unterstützten Kommunikation.
Weiterhin arbeitet eine Therapeutin in Einzelförderung schwerpunktmäßig mit dem PC und neuen Technologien mit den entsprechenden SchülerInnen.
7. Neue Technologien (NT) an der Löchterschule - Allgemein
In der Löchterschule gibt es diverse Anknüpfungspunkte zwischen dem Bereich der Unterstützten Kommunikation und den „Neuen Technologien“ (NT). Auch wenn aktuell von Neuen Technologien gesprochen wird, sind diese heute nicht mehr wirklich neu, denn die dazu zählende Nutzung eines Computers und der Zugang zum Internet sind mittlerweile für die meisten Menschen zum Alltag geworden.
Die Neuen Technologien können mit individuell angepassten Adaptionsgeräten auch von Schüler mit körperlichen und motorischen Einschränkungen genutzt werden, ob sie nicht sprechend sind oder nur über eine für Außenstehende schwer verständliche Sprache verfügen - sie alle haben die gleichen Wünsche und Bedürfnisse nach Informationen und Nutzung dieser Medien wie andere Menschen auch.
Die Adaptionsgeräte sind dabei vielfältig und nahezu jedes Ansteuerungsproblem kann heute gelöst werden – zum Einsatz kommen u.a.: verschiedenartige Mäuse, Mausersatz- und Sondertastaturen, Joysticks, Pads, Sensoradapter mit diversen Schaltersystemen, Bildschirmtastaturen sowie spezielle Software, wie z.B. Taster-Programme und Textverarbeitungen mit Sprachausgabe. Auf diese Weise werden beispielsweise die Nutzung von Computern und barrierefreie Internetseiten ermöglicht.
Dabei beginnt der Umgang mit den Neuen Technologien und Medien meist schon sehr früh. Nicht nur zu Hause sondern auch in der Schule haben die Schüler in den Klassen oder im Computerraum die Möglichkeit, die wichtigen Funktionen des Computers, den Umgang mit einer Textverarbeitungs- und Lernprogrammen sowie die Internetnutzung kennen zu lernen.
Für die unterstützte Kommunikation kann dabei der Computer eine wertvolle Ergänzung zu anderen Medien sein, da hierbei das Lernniveau und die Bedürfnisse der Schüler optimal berücksichtigt werden können. So ist auch der Anschluss von elektronischen Kommunikationshilfen (z.B. „Talkern“) an den Computer, die Ansteuerung und Bedienung von Programmen sowie eine Umfeldsteuerung mit diesen Kommunikationsgeräten heute ebenfalls kein Problem mehr.
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