Kommunale Koordinierung des Übergangs Schule – Beruf Rolle der Jugendhilfe?!

von Petra Beckersjürgen, LWL-Landesjugendamt Westfalen

(Stand: Herbst 2014)

Zum Thema

Die kommunale Koordinierung ist ein zentraler Baustein des Landesprogramms „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule Beruf in NRW“.

Mit diesem Landesprogramm führt NRW als erstes Flächenland ein landesweites, verbindliches Übergangssystem von der Schule in den Beruf seit Anfang 2012 durch, dessen Ziele u.a. sind:,

  • Jugendliche frühzeitig bei der Berufsorientierung, der Berufswahl und beim Eintritt in eine Ausbildung zu unterstützen.
  • Dies soll über ein standardisiertes System der Berufs- und Studienorientierung verbindlich und flächendeckend für alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse acht aller allgemeinbildenden Schulen erfolgen. Verbindliche Standardelemente sind zum Beispiel Potentialanalyse und Kompetenzfeststellung, Berufsfelderkundungen und eine Anschlussvereinbarung (in der die angestrebte Berufs- bzw. Studienperspektive dokumentiert ist).
  • Die Angebote im Übergangsfeld Schule – Beruf zu systematisieren, zu reduzieren und die Zugangssteuerung in den Angeboten zu optimieren.
  • Dem zunehmenden Fachkräftemangel aufgrund des demographischen Wandels entgegenzuwirken.

Gründe für die Initiative, das Übergangssystem von der Schule in den Beruf mit Hilfe dieses Programms neu zu ordnen und zu systematisieren, waren z.B.:

  • Die von vielen Seiten her kritisierte Unübersichtlichkeit der in diesem Handlungsfeld vorhandenen Angebotsvielfalt von Programmen, Maßnahmen und Initiativen.
  • Die unzureichende Transparenz und Überschaubarkeit der vorhandenen Angebote für Akteure wie für Zielgruppen dieser Maßnahmen.
  • Die häufig nicht aufeinander abgestimmten Programme, was sich wiederum negativ auf die anvisierten Ziele (von sozialer und beruflicher Integration) auswirken kann.
  • Eine mangelnde klare kommunale Gesamtstrategie.
  • Ressourcenverschwendung durch Programmeinsätze, die nicht aufeinander abgestimmt, sondern nebeneinander herlaufen.

Das Reformvorhaben, das Übergangssystem in NRW neu zu gestalten, ist nicht nur politisch gewollt, sondern trifft auch auf eine breite Zustimmung in der Fachöffentlichkeit.

Die Koordinierung des Übergangs Schule – Beruf vor Ort – eine kommunale Aufgabe!

Bei der Umsetzung des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss- Übergang Schule Beruf in NRW“ spielen die Kommunen eine zentrale Rolle. Die Umsetzung dieser Neuorganisation der Übergangsgestaltung soll nicht „von oben“ diktiert werden, sondern vor Ort auf kommunaler Ebene erfolgen.

Dazu sind seit 2012 sukzessive bei den Kommunen (Kommune meint hier die Kreise und die kreisfreien Städte) kommunale Koordinierungsstellen eingerichtet worden, deren Aufgabe im Sinne einer Schaltstelle oder eines „Motors“ ist,

  • alle in der Region tätigen Akteure zu vernetzen,
  • kommunale Aktivitäten zu bündeln
  • und die Prozesse für einen effektiven Übergang von der Schule ins Berufsleben zu koordinieren.

Die Einrichtung dieser kommunalen Koordinierungsstellen wird mit Landesmitteln und Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Anträge zur Errichtung einer kommunalen Koordinierungsstelle konnten/können (wie gesagt) die Kreise und kreisfreien Städte in NRW stellen.

Gestartet ist die Umsetzung des Landesvorhabens mit der Errichtung kommunaler Koordinierungsstellen ab Anfang 2012 in sieben Referenzkommunen in NRW (Bielefeld, Dortmund, Mülheim, die Städteregion Aachen, die Kreise Borken, Siegen-Wittgenstein und im Rheinisch-Bergischen Kreis); mittlerweile sind nahezu alle Kreise und kreisfreien Städte in NRW am Umsetzungsprozess über kommunale Koordinierungsstellen beteiligt. Einen guten Überblich über den derzeitigen Stand der am Umsetzungsprozess beteiligten Kommunen gibt die nachfolgende Landkarte.

Kommunale Koordinierung: Übersicht der Kommunen, Stand: 19.08.2014 (Quelle: Quelle: G.I.B. Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH)

Zu den Aufgaben der kommunalen Koordinierungsstellen im Übergang Schule - Beruf gehört es,

  • alle relevanten Akteure in dem Handlungsfeld zu identifizieren und zu beteiligen,
  • die Zuständigkeiten und die Rollen der jeweiligen Partner zu klären – wobei die originären Zuständigkeiten der einzelnen Partner beizubehalten ist,
  • mit den Beteiligten gemeinsame Zielsetzungen zu entwickeln und Entwicklungsprozesse anzustoßen,
  • Absprachen und Vereinbarungen zu Fragen der Umsetzung und Wirksamkeit mit den Partnern zu treffen und
  • für Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung zu sorgen.

Dem konsensualen Dialog wird folglich in diesem Prozess große Bedeutung beigemessen.

Rolle der Jugendhilfe im neuen Übergangssystem Schule-Beruf in NRW

Im Rahmen der neugestalteten Berufs- und Studienorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen in NRW wird bei der Zielgruppe (alle Schülerinnen und Schüler aller allgemeinbildenden Schulen) in ausbildungsreife und solche unterschieden, die als nicht oder partiell ausbildungsreif beschrieben werden.

Für den Kreis der nicht oder (nur) partiell ausbildungsreifen Jugendlichen sind ergänzende Angebote vorgesehen. Ein Baustein dieser ergänzenden Angebote ist Jugendhilfe. Zu diesen im Landesprogramm aufgeführten ergänzenden Angeboten zählt neben Werkstattjahr und Aktivierungshilfen (als arbeitsmarktpolitische Angebote) die Jugendwerkstatt.

Bei der Jugendwerkstatt handelt es sich um ein Angebot der Jugendhilfe im Rahmen der Jugendsozialarbeit in NRW. Die Rechtgrundlagen sind der §13 Sozialgesetzbuch (SGB) VIII und der §13 des Kinder- und Jugendfördergesetzes (KJFöG) NRW. Dieses Jugendhilfeangebot Jugendwerkstatt wird in NRW mit Mitteln des Kinder- und Jugendförderplans als Angebotsform der Jugendsozialarbeit bereits seit 30 Jahren vom Land NRW gefördert (zum Auftrag und Ansatz von Jugendwerkstätten als Jugendhilfeangebot in NRW vgl.: Qualitätsstandards zur Umsetzung von Angeboten und Maßnahmen der Jugendsozialarbeit, Münster/Köln 2010; Jugendsozialarbeit, Handlungsfeld der Jugendhilfe, LWL-Landesjugendamt Westfalen, Petra Beckersjürgen, Münster 2012).

In Westfalen – Lippe werden (Stand Herbst 2014) 24 Jugendwerkstätten (landesweit sind es 55) sowie 8 Jugendwerkstätten mit dem Schwerpunkt Vermeidung schulischen Scheiterns/Schulverweigerung gefördert.

Jugendsozialarbeit als Jugendhilfeleistung ist Teil des Übergangssystems Schule-Beruf

Die Jugendwerkstätten sind – wie gerade dargestellt – als Angebot der Jugendhilfe im neuen Landesprogramm „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule – Beruf in NRW“ besonders benannt.

Die Schnittstellen der Jugendsozialarbeit als Jugendhilfeangebot insgesamt zum neuen Landesprogramm werden besonders an zwei Punkten deutlich:

  • am gesetzlichen Auftrag von Jugendsozialarbeit
  • an der Zielgruppe von Jugendsozialarbeit

Der gesetzliche Auftrag der Jugendsozialarbeit als Handlungsfeld der Jugendhilfe ergibt sich aus § 13 SBG VIII und in NRW aus § 13 KJFöG NRW.

Förderziel und Förderaufgabe von Jugendsozialarbeit ist es,

  • Risikofaktoren, die einen gelingenden Einstieg in Ausbildung und Arbeit gefährden, sowie die Zielgruppen, die von diesen Risikofaktoren besonders betroffen sind, zu identifizieren;
  • Strategien und Handlungskonzepte (weiter) zu entwickeln und auszubauen, die an den individuellen Bedarfen und Bedürfnissen der benachteiligten jungen Menschen orientiert sind und somit dazu beitragen, Benachteiligungen im Übergang Schule – Beruf abzubauen oder zu verhindern;
  • Benachteiligte junge Menschen vor allem durch persönlichkeitsstabilisierende Angebote zu fördern, zu unterstützen und zu begleiten;

Kennzeichnend für die Angebote von Jugendsozialarbeit ist, dass es kein vom Programm her zu erreichendes vorgegebenes Förderziel gibt. Vielmehr werden die Förderziele, entsprechend den individuellen Problemlagen des Jugendlichen, im Rahmen von Förderplanung mit dem beteiligten Jugendlichen (ggf. auch mit dessen Eltern) vereinbart. Die Förderziele können sukzessive, je nach erreichtem Förderstand, ausgebaut und erweitert werden.

Das neue Landesprogramm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ wendet sich an alle Schülerinnen und Schüler allgemeinbildender Schulen und damit auch an die Schülerinnen und Schüler, die im Sinne der Jugendsozialarbeit aufgrund persönlicher und /oder sozialer Bedingungen auf intensive, individuelle Unterstützung und Begleitung angewiesen sind, um den schulischen Alltag bzw. den Einstieg in Ausbildung und Arbeit zu schaffen. Diese „Rand“- oder Risikogruppe wird auf 20% eines jeweiligen Jahrgangs geschätzt.

Trotz dieser zentralen Schnittstellen zeigt sich zwei Jahre nach Einführung des Landesprogramms, dass

  • die nahezu flächendeckend eingerichteten kommunalen Koordinierungsstellen überwiegend bei den regionalen Bildungsbüros angesiedelt sind,
  • nur in Einzelfällen landesweit eine Anbindung der kommunalen Koordinierungsstellen an Jugendhilfe besteht,
  • die Jugendhilfe (Jugendamt, freie Träger der Jugendhilfe) bislang nur in Einzelfällen zu den am Umsetzungsprozess des Landesvorhabens beteiligten Akteuren zählt,
  • zu den Akteuren der Umsetzung des Landesvorhabens auf den verschiedenen Ebenen und in den entsprechend eingerichteten Gremien vorrangig zählen: obere/untere Schulaufsicht, Arbeitsagentur, Kammern, Schulen.

Auftrag an Jugendhilfe und Jugendhilfepolitik

Die konzeptionelle Neuausrichtung des Übergangssystems Schule – Beruf in NRW wird dazu beitragen, den Übergang von Schule in Ausbildung und Arbeit für alle Schülerinnen und Schüler zu verbessern – auch für einen Teil der als Risikogruppe geltenden Schüler und Schülerinnen. Ob sich durch das neue Landesprogramm z.B. Schul- und Ausbildungsabbrüche gänzlich verhindern lassen, bleibt abzuwarten und ist auch eher fraglich.

Jugendhilfe vor Ort und hier vor allem die öffentliche Jugendhilfe ist in ihrer anwaltschaftlichen Funktion gefordert, ausreichende Unterstützungsleistungen für die benachteiligten Jugendlichen bereit zu stellen, die trotz der mit dem neuen Konzept einhergehenden verstärkten Anstrengungen aus dem System herausfallen oder herauszufallen drohen. Aufgabe von Jugendhilfe vor Ort ist es ebenso, darauf zu achten, dass diese Gruppe junger Menschen nicht Gefahr läuft, durch mögliche Raster dieses Programms zu fallen. Dies könnte z. B. der Fall bei den zu entwickelnden Standardelementen wie Potentialerfassung oder Berufsfelderkundung sein, die für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich vorgehalten werden sollen. Es ist zu befürchten – und erste Rückmeldungen gehen auch in diese Richtung – dass mit diesen Standardelementen gerade schwierige, beeinträchtigte oder benachteiligte Jugendliche nur erschwert oder gar nicht erreicht werden. Für diese Zielgruppe sind auch weiterhin intensivere, an den individuellen Problemlagen ausgerichtete Hilfe- und Unterstützungsleistungen erforderlich.

Aufgabe der öffentlichen Jugendhilfe und hier insbesondere auch der Jugendhilfepolitik vor Ort wird es zukünftig sein, dafür Sorge zu tragen, dass diese erforderliche intensivere Begleitung von integrationsgefährdeten Jugendlichen trotz dieses neuen Programms noch möglich ist und nicht eingespart wird.

Die Kommunale Koordinierung des Übergangs Schule – Beruf ist im Rahmen des neuen Landesprogramms auf Kreise und kreisfreie Städte beschränkt – für kreisangehörige öffentliche Jugendhilfe ist es erforderlich, ihre Interessensvertretung auf Kreisebene sicher zu stellen.

Um dies zu gewährleisten und auch um sicherzustellen, dass die Belange und Bedarfe aller – auch der benachteiligten – Jugendlichen im Übergang Schule – Beruf mit berücksichtigt werden, ist es aus Sicht der Jugendhilfe bedeutsam, als ein Akteur im Übergangsgeschehen von Beginn an in den entsprechenden Gremien auf der Steuerungsebene und im Rahmen der kommunalen Koordinierung vertreten zu sein. Öffentliche wie freie Jugendhilfe vor Ort ist an dieser Stelle gefordert, den Kontakt und Dialog mit den entsprechenden Stellen zu suchen und auszubauen.

Weiterführende Literatur

  • www.gib.nrw.de/themen/jugend-und-beruf/
  • Die G.I.B. (Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung) begleitet die kommunalen Koordinierungsstellen fachlich. Umfassende Informationen zur Umsetzung in den Kommunen und das aktualisierte Gesamtkonzept stehen über das G.I.B.-Special "Kein Abschluss ohne Anschluss - Übergang von der Schule in den Beruf neu gestalten und kommunal koordinieren" zur Verfügung.
  • Materialien zur Jugendsozialarbeit unter http://bit.ly/1uummfi, wie z.B.:
    • Jugendsozialarbeit Handlungsfeld der Jugendhilfe im Übergang Schule-Beruf – Grundlagen/Arbeitsfelder/Beispiele, LWL-Landesjugendamt Westfalen, Petra Beckersjürgen, Münster 2011
    • Qualitätsstandards zur Umsetzung von Angeboten und Maßnahmen der Jugendsozialarbeit – Empfehlungen der nach dem Kinder – und Jugendförderplan Nordrhein-Westfalen (KJFP NRW) landesgeförderten Träger, Münster/Köln, 2010
  • EILDIENST- Monatszeitschrift des Landkreistages Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1/2014, Kommunale Koordinierung Schule/Beruf

Ansprechpersonen im LWL-Landesjugendamt Westfalen

Petra Beckersjürgen, petra.beckersjuergen@lwl.org