Jugendhilfeplanung als Steuerungsinstrument kommunaler Kinder- und Jugendhilfe

von Dr. Hildegard Pamme, LWL-Landesjugendamt Westfalen

(Stand: Herbst 2014)

Definition

„Jugendhilfeplanung ist

  • die periodisch durchzuführende quantitative und qualitative Bestandsfeststellung von Einrichtungen, Diensten und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe,
  • die quantitative und qualitative Feststellung von Bedarfen an Angeboten der Jugendhilfe zur Erziehung, Bildung, Betreuung und Freizeitgestaltung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien,
  • die Empfehlung und Konzipierung von angemessenen Maßnahmen, um die als notwendig erkannten Bedarfe unter Berücksichtigung der Wünsche und Interessen der jungen Menschen und ihrer Personensorgeberechtigten zu realisieren,
  • Teil der kommunalen bzw. kreisweiten Planungen (Stadtentwicklungsplanung, Schulentwicklungsplanung, Sozialplanung, Bauleitplanung etc.).“
    (LWL/LVR 2010, S. 5)

Jugendhilfeplanung in diesem Sinne ist ein Prozess, in dem Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung und freien Trägern genauso wie Kinder- und Jugendliche und deren Familien gemeinsam aushandeln, wie viele und welche Angebote und Einrichtungen für den lokalen Bedarf passend sind.

Zum Thema

In der Kinder- und Jugendhilfe lassen sich grundsätzlich drei Planungsebenen unterscheiden:

  • Auf der Ebene der Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien findet Hilfeplanung statt: Welche Hilfe ist die richtige für einzelne Kinder und Jugendliche?
  • In den Einrichtungen, die Angebote im Rahmen der Kinder und Jugendhilfe machen, findet eine Einrichtungsplanung statt: Welche Angebote sollen dort in welchem Umfang und nach welchem pädagogischen Konzept angeboten werden?
  • Für einen Jugendamtsbezirk in seiner räumlichen und infrastrukturellen Dimension findet Jugendhilfeplanung statt: Wie viel und welche Einrichtungen braucht eine Kommune, ein Stadtteil oder ein Sozialraum?

 

Die Jugendhilfeplanung hat also dafür Sorge zu tragen, dass geeignete Unterstützungsangebote für die Kinder, Jugendliche und ihre Familien in der Kommune zur Verfügung stehen. Ihr kommt eine zentrale Funktion dabei zu, die Kinder- und Jugendhilfepolitik zu steuern.

Wie schafft sie das?

In den 1970er Jahren hatte man die Vorstellung, dass es sinnvoll ist, wenn Expert/-innen eine fertigen Plan entwickeln, in dem steht, was in der Zukunft getan werden soll. Die Idee dazu war, dass ein schriftlich fixierter Plan durch Handeln Wirklichkeit wird. Die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen sollte so Gegenstand bewusster, geordneter und zielgerichteter Planung sein. In diesem Zusammenhang spricht man von einem technologisch-rationalen Planungsverständnis.

Das SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) setzt demgegenüber auf ein kommunikationsorientiertes Planungsverständnis. Auch der Definition von Jugendhilfeplanung liegt ein kommunikationsorientiertes Planungsverständnis zu Grunde. Planung als Aushandlungsprozess ist ein kontinuierlicher Prozess, bei dem Bestandserhebung, Bedarfsermittlung, Planung und Umsetzung kontinuierlich wiederholt werden. Nach Umsetzungs- und Evaluationsphasen beginnen regelmäßig neue Planungszyklen.

Gesetzlich klingt das Ganze dann so:

Das SGB VIII legt in § 79 Abs. 1 fest, dass die Träger der öffentlichen Jugendhilfe zuständig für die Jugendhilfeplanung sind. Je nachdem, wo ein Jugendamt angesiedelt ist, sind also die Kreise, kreisfreien Städte oder kreisangehörigen Gemeinden für die Kinder- und Jugendhilfe zuständig. Das SGB VIII verpflichtet die öffentlichen Träger im Rahmen ihrer Planungsverantwortung dazu, zu gewährleisten, dass die zur Erfüllung der Aufgaben nach diesem Buch erforderlichen und geeigneten Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung stehen (§ 79 Abs. 2 SGB VIII).

Nach § 80 Abs. 1  SGB VIII gewährleisten die öffentlichen Träger,

  1. den Bestand an Einrichtungen und Diensten festzustellen,
  2. den Bedarf unter Berücksichtigung der Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der jungen Menschen (…) zu ermitteln und
  3. die zur Befriedigung des Bedarfs notwendigen Vorhaben rechtzeitig und ausreichend zu planen.

Hierbei handelt es sich um anlassbezogene Planungsanlässe. Neue gesetzliche Anforderungen, sich verändernde Lebenslagen von Familien und jungen Menschen in einzelnen Stadtteilen oder politische Schwerpunktsetzungen führen zuweilen zu einmaligen und in der Regel zeitlich nicht terminierbaren Planungsprozessen.

Daneben fordern die nordrhein-westfälischen Ausführungsgesetze zum SGB VIII an zwei Stellen konkret terminierte Planungsprozesse für einzelne Handlungsfelder der Jugendhilfe.

Jugendförderung

Gemäß § 15 Absatz 4 3. AG-KJHG (KJFöG - Kinder- und Jugendförderungsgesetz) müssen die Jugendämter für jeweils eine Legislaturperiode einen kommunalen Kinder- und Jugendförderplan erstellen.

Kindertagesbetreuung

Gemäß §§ 18 ff. 4. AG-KJHG (KiBiz - Kinderbildungsgesetz) müssen die Jugendämter jeweils am 15. März gegenüber dem Land die Bedarfsfeststellung auf der Grundlage der örtlichen Jugendhilfeplanung mitteilen.

Bedeutung des Themas für Jugendhilfeausschussmitglieder

Als Mitglied des Jugendhilfeausschusses ist es wichtig, sich mit Jugendhilfeplanung zu befassen, weil

  1. der Jugendhilfeausschuss (JHA) das zentrale politische Gremium ist, der zusammen mit der Verwaltung die Verpflichtung hat, ein ausreichendes und rechtzeitiges Angebot an Leistungen, Diensten und Einrichtungen der Jugendhilfe für Kinder, Jugendliche und deren Eltern bereit zu stellen.
  2. der JHA als zentraler jugend- und familienpolitischer Akteur strategische Ziele im Zusammenhang mit der Stadt-/Kreisentwicklung formuliert. Dabei und bei allen weiteren Entscheidungen in der Kinder und Jugendhilfe liefern die Daten, Informationen und Planungsgrundlagen, die im Rahmen der Jugendhilfeplanung erstellt werden, eine gute Grundlage.
  3. die Art und Weise, wie der Prozess Jugendhilfeplanung organisiert sein soll, eine grundsätzliche Angelegenheit ist, die vom JHA verabschiedet wird. Der JHA erteilt der Verwaltung einen Planungsauftrag, verabschiedet ein Planungskonzept und vereinbart ein Berichtswesen/Controlling. Dabei sind die Rahmenbedingungen vor Ort und die personellen Ressourcen zu berücksichtigen. (vgl. auch LWL/LVR 2010, S. 15)

Ausblick

Jugendhilfeplanung ist ein zentrales strategisches Instrument kommunaler Kinder- und Jugendhilfepolitik. Diese Rolle ist mit der Verabschiedung des § 79a SGB VIII zur Qualitätsentwicklung in der Kinder und Jugendhilfe (2013) noch gestärkt worden. Vor Ort warten viele und komplexe Themen, die aus strategischen Gründen von der Jugendhilfeplanung aufgegriffen werden können und sollten. Eine angemessene Aufgabenerfüllung erfordert angemessene personelle und organisatorische Planungskapazitäten im Jugendamt sowie ein transparentes Aufgabenprofil. Angesichts der vielerorts angespannten Haushaltslage wird daher zukünftig wichtiger, verstärkt auf die herausgehobene Funktion der Jugendhilfeplanung hinzuweisen und Aufgabenausweitungen auch mit der notwendigen Ressourcenausstattung einhergehen zu lassen.

Weiterführende Literatur

Landschaftsverband Westfalen-Lippe/Landschaftsverband Rheinland: Empfehlungen der Landesjugendämter Rheinland und Westfalen-Lippe zur kommunalen Jugendhilfeplanung. Münster, Köln 2010, online verfügbar unter: http://bit.ly/1znKwUv (Stand: 21.08.2014)

Bundesjugendkuratorium (Hrsg): Neuaktivierung der Jugendhilfeplanung: Potenziale für eine kommunale Kinder und Jugendhilfepolitik. Stellungnahme. Berlin 2012, http://bit.ly/1M50jlh (Stand: 26.8.2014)

Maykus, Stephan; Schone, Reinhold (Hg.) (2010): Handbuch Jugendhilfeplanung. Wiesbaden

Ansprechperson im LWL-Landesjugendamt Westfalen

LWL-Landesjugendamt Westfalen
Fachberatung Jugendhilfeplanung und Organisationsberatung
Thomas Fink
Tel.: 0251/591 – 4581
thomas.fink@lwl.org