Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung unter wachsendem Kostendruck

von Beate Rotering, LWL-Landesjugendamt Westfalen

(Stand: Herbst 2014)

Was sind Hilfen zur Erziehung (HzE)?

„Ein Personensorgeberechtigter hat bei der Erziehung eines Kindes oder eines Jugendlichen Anspruch auf Hilfe (Hilfe zur Erziehung), wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist.“ (§ 27 SGB VIII)

Unter Hilfen zur Erziehung werden heute verschiedene Formen der beratenden, begleitenden und betreuenden sozialpädagogischen Unterstützung in unterschiedlicher Intensität (ambulant, teilstationär, stationär) verstanden. Zur Gewährung von Erziehungshilfe kommt es meist dann, „wenn das Aufwachsen in der Familie und in den regulären Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wie dem Kindergarten oder der Schule von den Eltern und/oder dem Kind selbst oder von Außenstehenden (Schule, Nachbarn, Polizei etc.) als irgendwie problematisch, abweichend, störend oder psychisch auffällig eingeschätzt wird.“  Zu Adressaten von Erziehungshilfen werden häufig Familien, die sich in schwierigen Lebensverhältnissen befinden. 60% von ihnen erhalten Transferleistungen (Hartz IV und Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe).  So ist beispielsweise bezogen auf die Hilfeform der Unterbringung in einer Pflegefamilie oder in Heimerziehung die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, deren Eltern soziale Transferleistungen beziehen, etwa 18mal so groß wie die der Nichtbezieher.

Die Inanspruchnahme einer Hilfe zur Erziehung beruht auf Freiwilligkeit; leistungsberechtigt sind die personensorgeberechtigten Eltern (PSB). Die Hilfen werden beim Jugendamt (Leistungsträger) beantragt, das den Bedarf im Einzelfall prüft. Mit den Eltern, Kindern und Jugendlichen werden Ziele der Hilfe herausgearbeitet und vereinbart, eine geeignete und notwendige Hilfemaßnahme vorgeschlagen und mit Einverständnis der PSB unter Berücksichtigung des Wunsch- und Wahlrechtes vermittelt. (§§ 36, 5 SGBVIII) Die Hilfen zur Erziehung werden vorwiegend von freien Trägern der Jugendhilfe (Leistungserbringer) erbracht. Das dadurch entstehende Dreiecksverhältnis wird als jugendhilferechtliches Leistungsdreieck bezeichnet – Leistungsberechtigte, Leistungsträger, Leistungserbringer. Das Jugendamt vereinbart mit den Eltern und deren Kindern und den Leistungserbringern, was genau in welchem Zeitraum durch die Hilfe erreicht werden soll und überprüft regelmäßig die weitere Notwendigkeit und Eignung der Hilfe.

Hilfen zur Erziehung unter wachsendem Kostendruck

Zwischen 2008 und 2012 sind die Fallzahlen in Nordrhein-Westfalen um insgesamt 11% gestiegen. Die Zahl der Hilfen zur Erziehung ohne Erziehungsberatung beläuft sich auf 146.326, wobei im Vergleich zum Vorjahr nur ein geringer Anstieg von 2 % zu verzeichnen war, wobei die ambulanten Hilfen zur Erziehung ca. 2/3 der Fälle ausmachen und auf den stationären Bereich ca. 1/3 der Fälle entfallen. Die höchste Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung ist nach wie vor bei Familien mit Kindern im Übergangsalter von der Grundschule zur weiterführenden Schule festzustellen. Überwiegend werden die Hilfen für Jungen zur Verfügung gestellt; nur in der Vollzeitpflege ist das Geschlechterverhältnis nahezu ausgeglichen. Beinahe jeder dritte junge Mensch in den Hilfen zur Erziehung hat Elternteile ausländischer Herkunft, 16% davon sprechen zuhause kein Deutsch. 41% aller Hilfen zur Erziehung (ca. 50% der Heimerziehung) werden unplanmäßig beendet. Die Aufwendungen in Nordrhein-Westfalen lagen im Jahre 2012 bei über 2,1 Mrd. EUR, wobei sich die Ausgabenzuwächse in den letzten 2 Jahren verlangsamt haben.  Bei den unter 6jährigen Kindern sind die Hauptgründe für die Gewährung einer Hilfe zur Erziehung die unzureichende Versorgung, Förderung und Betreuung der Kinder. Mit zunehmendem Alter gewinnen die individuellen Problemlagen der Kinder und die Familiensituation eine immer größere Bedeutung für die Einrichtung einer Erziehungshilfe.  

In den vergangenen Jahren waren die Fachdiskussionen unter anderem stark beeinflusst von der Kindeswohlgefährdungsdebatte und der Debatte über stetig steigende Fallzahlen und Kosten. Seit 2008 ist nach einigen durch die Medien bekannt gewordenen Fällen die Zahl der Meldungen von Kindeswohlgefährdung in den Jugendämtern erheblich gestiegen. Dies führte sowohl zu einer Fallzahlensteigerung der Hilfen zur Erziehung im ambulanten Bereich mit dem Auftrag, das Kindeswohl zu kontrollieren als auch zu einer vermehrten stationären Unterbringung von kleinen Kindern unter 6 Jahren. Um auf diese Herausforderungen mit geeigneten pädagogischen Mitteln reagieren zu können, müssen Fachkonzepte weiterentwickelt werden, z.B. die Verknüpfung der freiwilligen Hilfen zur Erziehung mit der Kontrolle des Kindeswohls, die Gestaltung der stationären Unterbringung entsprechend den Entwicklungsbedürfnissen kleiner Kinder, die Stärkung von Elternkompetenz, damit stationär betreute Kinder wieder nach Hause zurückkehren können (Rückführungskonzepte).

Mit dem 2012 in Kraft getretenen Bundeskinderschutzgesetz verfolgt der Gesetzgeber unter anderem das Ziel, frühzeitig Unterstützung und Hilfen für Familien mit kleinen Kindern unter drei Jahren zur Verfügung zu stellen, die sogenannten Frühen Hilfen, um damit frühzeitig Versorgungsmängeln und Vernachlässigung in Familien entgegenzuwirken. Diese Hilfen können in der Regel direkt von den Adressaten in Anspruch genommen werden, ohne dass hierfür zunächst ein Antrag beim Jugendamt gestellt werden muss; sie sind niedrigschwellig im Vorfeld der Hilfen zur Erziehung angesiedelt.

Vor dem Hintergrund des bundesweiten Fallzahlenanstiegs in den vergangenen Jahren und der hohen Quoten unplanmäßiger Beendigung von Hilfen hat die Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) der Länder am 22./23.5. 2014 nach einer mehrjährigen bundesweit geführten Debatte zur Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung beschlossen, die Beteiligung von Eltern, Jugendlichen und Kindern an den Hilfen zur Erziehung weiter zu stärken und dadurch wesentlich zum nachhaltigen Erfolg der Hilfen beizutragen. Der Ausbau präventiver und niedrigschwellige Erziehungshilfeangebote in Verbindung mit Regelangeboten (Kita, Schule etc.) sowie der Ausbau einer sozialräumlichen Infrastruktur der Erziehungshilfen oder ähnlicher Hilfen sollen die Wirkungen für die Kinder und Jugendlichen stärken. Der bereits im Rahmen der Frühen Hilfen für die unter dreijährigen Kinder begonnene Ausbau soll nun bedarfsgerecht für andere Zielgruppen (z.B. ältere Kinder) fortgesetzt werden.  Diese politischen Weichenstellungen stellen zentrale Herausforderungen für die Hilfen zur Erziehung in den kommenden Jahren dar, die in der Tradition der klassischen Einzelfallhilfen stehen. Nun sollen verstärkt niedrigschwellige wirkungsorientiere Hilfen mit einer darauf abgestimmten Angebotsfinanzierung (weiter-)entwickelt werden, die in vielen Fällen direkt von den Adressaten ohne Bedarfsprüfung seitens des Jugendamtes in Anspruch genommen werden sollen.  

Viele Schwierigkeiten sind aufgrund komplexer Problemlagen in den Familien allein mit den Mitteln der Jugendhilfe nicht zu bewältigen. Deshalb sind Kooperationen mit Schulen (z.B. Hilfen zur Erziehung in Schulen), der Justiz (z.B. Perspektivklärung der Kinder im Sorgerechtsverfahren), dem Gesundheitswesen (z.B. Kinder psychisch kranker und/oder drogenabhängiger Eltern, psychisch kranke Kinder) und der Arbeitsagentur (z.B. Erziehungshilfe für Transferleistungsbezieher, Perspektiven für junge Volljährige) immer notwendiger geworden und müssen weiter intensiviert werden.

Bedeutung des Themas für Jugendhilfeausschussmitglieder

Die Hilfen zur Erziehung verbrauchen nach der Kindertagesbetreuung innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe das zweitgrößte kommunale Finanzvolumen. Um diese Mittel effizient einzusetzen, d.h. mit den aufgewendeten Mitteln die größtmöglichen Wirkungen zu erzielen, bedarf es einer guten strategischen Steuerung seitens der Politik. Eine an Wirkungen ausgerichtete strategische Steuerung ist ohne Qualitätsentwicklung gem. § 79 a SGB VIII nicht denkbar.

„Im Jugendhilfeausschuss ist also zu beraten und zu entscheiden,

  • mit welchen Verfahrensschritten die Prozesse der Qualitätsentwicklung in den verschiedenen Handlungsfeldern der Jugendhilfe realisiert werden sollen,
  • nach welchen Qualitätskriterien die Qualität in den einzelnen Handlungsfeldern bewertet und kontinuierlich weiterentwickelt werden soll.“


Dem entsprechend ist es Aufgabe der Politik,

  • Ziele und Wirkungen, die mit den Erziehungshilfen erreicht werden sollen, zu verabschieden,
  • die Beteiligung der Eltern als ein Qualitätsmerkmal bei der Ausgestaltung der Hilfen sicherzustellen,
  • die fachliche und sachliche Ausstattung sowie eine transparente, an fachlichen Kriterien orientierte Fallbearbeitung des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes sicherzustellen (Qualitätsentwicklung im Jugendamt),
  • eine transparente, an fachlichen Kriterien ausgerichtete und ergebnisorientierte Hilfeerbringung beim freien Träger einzufordern, die im Rahmen von Qualitätsdialogen des Jugendamtes mit den freien Trägern reflektiert und weiterentwickelt wird (Qualitätsentwicklung gem. § 79a SGB VIII),
  • dass niedrigschwellige sozialraumorientierte Einzelfallhilfen und Gruppenangebote in Kooperation mit anderen Handlungsfeldern (z.B. Schule, Gesundheitshilfe) entwickelt werden, die für bestimmte Zielgruppen größere Effekte bieten können als die klassischen Hilfen zur Erziehung.

Ansprechpersonen im LWL-Landesjugendamt Westfalen