Frühe Hilfen – neue Herausforderungen (auch) für die Jugendhilfepraxis

von Dr. Silke Karsunky, LWL-Landesjugendamt Westfalen

(Stand: Herbst 2014)

Anlässe, Ziele, Angebote und Akteure Früher Hilfen

Mit der Schwangerschaft und mit der Geburt eines Kindes gehen für werdende Eltern vielfältige Veränderungen einher. Die Forderung nach Vernetzung und Kooperation – als konstitutives Element Früher Hilfen – entspricht der Erkenntnis, dass eine umfassende Förderung und Unterstützung von Eltern und Familien bei der Bewältigung von Herausforderungen, die sich rund um die Phase der Schwangerschaft sowie die Geburt eines Kindes zeigen können sowie die komplexen Lebenslagen von Familien eine ganzheitliche Betrachtung erfordern und nur im vernetzten Miteinander der zuständigen Akteure vor Ort in den Kommunen adäquat zu beantworten sind. Als zentrale Akteure erweisen sich in diesem Kontext neben öffentlichen und freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe insbesondere Schwangerschaftsberatungsstellen, Akteure des Gesundheitswesens (wie z.B. Gesundheitsämter, Geburts- und Kinderkliniken, Hebammen und Kinderärzt_innen), Einrichtungen der Frühförderung sowie weitere Sozialleistungsträger.

Ziel des Zusammenwirkens dieser verschiedenen Hilfesysteme ist es, allen Eltern – von Schwangerschaft und Geburt ihrer Kinder an – eine familienfreundliche Infrastruktur für ihren Alltag sowie hochwertige und verlässliche Unterstützungsangebote zur Verfügung zu stellen, damit Bedingungen geschaffen werden, die Kindern ein gelingendes Aufwachsen ermöglichen und ihre Rechte auf Schutz, Förderung und Teilhabe sichern.

Der Begriff „Frühe Hilfen“ kennzeichnet demnach ein kommunales Unterstützungssystem mit koordinierten und multiprofessionellen Beratungs-, Bildungs- und Unterstützungsangeboten für Eltern und Familien mit Kindern von 0 bis 3 Jahren. Die Bezeichnung „Früh“ bezieht sich hier zunächst auf die biografische Perspektive. Die Angebote richten sich grundlegend an alle (werdenden) Eltern mit ihren Kindern im Sinne einer alltagspraktischen und voraussetzungslosen Unterstützung bei Fragen und Unsicherheiten, die sich zunächst einmal aus der Erweiterung des Familiensystems durch die Geburt von Kindern ergeben können. Konkrete Angebote können u.a. Geburtsvorbereitungskurse, Begrüßungsbesuche bei Neugeborenen, der Einsatz von Familienhebammen, Elterncafés, Krabbelgruppen, psychosoziale Beratungsangebote etc. sein. Dabei zielen die Angebote Frühe Hilfen insbesondere auf eine Förderung der Beziehungs-, Erziehungs- und Versorgungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern ab.
Frühe Hilfen setzen zudem „Früh“ aus einer präventiven Perspektive an, da sie in der Arbeit mit den Familien dazu beitragen, dass Belastungen und Risiken für das Wohl und die Entwicklung eines Kindes frühzeitig wahrgenommen und abgewendet werden können (vgl. Beitrag „Bundeskinderschutzgesetz“, präventiver Kinderschutz). Die Angebote Früher Hilfen richten sich somit gezielt auch an Familien in belasteten Lebenslagen aufgrund von materiellen, sozialen und/oder gesundheitlichen Einschränkungen (wie z.B. an Familien mit einem psychisch kranken Elternteil), um zielgruppenspezifische Zugangswege und Bedarfe aufzugreifen. D.h. im Einzelfall soll auf erste Zeichen problembelasteter Beziehungs-, Versorgungs- und Erziehungsprozesse in Form eines niedrigschwelligen und bedarfsgerechten Unterstützungsangebots eingegangen werden. Auch hierbei gelten demnach die Handlungsprinzipien Vertrauen, Freiwilligkeit und Dienstleistungsorientierung.
Darüber hinaus sind Angebote Früher Hilfen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe – wie alle Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe – dem Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung verpflichtet. Wenn sich demnach gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung im Rahmen der Arbeit mit den Familien zeigen, so haben der Fachkräfte der Frühen Hilfen gemäß der §§ 8a SGB VIII und 4 KKG dafür Sorge zu tragen, das weitere Maßnahmen zum Schutz des Kindes ergriffen werden.

Frühe Hilfen umfassen jedoch nicht nur multiprofessionelle Dienstleistungsangebote verschiedener Hilfesysteme sondern beziehen auch bürgerschaftliches Engagement (beispielsweise im Rahmen von Patenschaftsmodellen) sowie die Stärkung sozialer Netzwerke von Familien mit ein.

Rechtliche Verankerung Früher Hilfen

Entsprechend der Heterogenität des Angebotes Früher Hilfen zeigen sich auch die rechtlichen Anknüpfungspunkte vielfältig. So finden sich sowohl im Gesundheitswesen (SGB V), im Bereich der Frühförderung (SGB IX), der Schwangerschafts(konflikt)beratung (SchKG) als auch in den Sozialleistungsbereichen der materiellen Sicherung (SGB II, III und XII) Anknüpfungspunkte, die Teilaspekte bzw. einzelne Leistungsbestandteile Früher Hilfen berühren. Für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe erweist sich der Leistungsbereich „Allgemeine Förderung der Erziehung in Familie“ (§ 16 SGB VIII) als besonders gut geeignet für eine rechtliche Verortung, da sich die hier genannten Leistungen u.a. der Familienbildung sowie der Beratung in allgemeinen Fragen der Erziehung und Entwicklung eines Kindes durch
einen besonders niedrigschwelligen Angebotscharakter auszeichnen und sich voraussetzungslos an alle (werdenden) Eltern richten.

Namentlich erwähnt und legal definiert, findet sich der Begriff Frühe Hilfen jedoch bislang ausschließlich im Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) – genauer gesagt im Artikel 1 des BKiSchG, dem „Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz“ (KKG) – wieder. Darin heißt es in § 1, Abs. 4 KKG: „[…]. Kern ist die Vorhaltung eines möglichst frühzeitigen, koordinierten und multiprofessionellen Angebots im Hinblick auf die Entwicklung von Kindern vor allem in den ersten Lebensjahren für Mütter und Väter sowie schwangere Frauen und werdende Väter (Frühe Hilfen)“ (ebd.).
Auch die nachfolgenden zwei Paragraphen des KKG erweisen sich für den Bereich der
Frühen Hilfen als besonders relevant. So gibt § 2 KKG vor, dass (werdende) Eltern über Leistungsangebote im örtlichen Einzugsbereich der Familien zur Beratung und Unterstützung in Fragen der Schwangerschaft, Geburt sowie Entwicklung eines Kindes in den ersten Lebensjahren zu informieren sind. Dies kann beispielsweise im Rahmen der Zusendung eines Begrüßungspakets erfolgen oder auf Wunsch der Eltern auch in Form eines Willkommensbesuchs in ihrer eigenen Wohnung stattfinden.
Darüber hinaus wird in § 3 KKG festgeschrieben, dass insbesondere im Bereich der Frühen Hilfen verbindliche Strukturen der Zusammenarbeit der zuständigen Leistungsträger und Institutionen im Kinderschutz aufgebaut werden sollen. Ziel des Auf- und Ausbaus verbindlichen Netzwerkstrukturen ist es, sich gegenseitig über das jeweiligen Aufgaben- und Angebotsspektrum zu informieren, strukturelle Fragen der Angebotsplanung und -entwicklung abzuklären sowie auch Verfahren im Kinderschutz aufeinander abzustimmen, wobei das örtliche Jugendamt die Verantwortung für die Organisation des Netzwerks trägt. Als empfehlenswert erweist sich hier ein kommunales Gesamtkonzept für den Kinderschutz zu erstellen, in das sowohl der präventive Kinderschutz im Bereich der Frühen Hilfen als auch der intervenierende Kinderschutz im Bereich der Gewährleistung des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung eingebettet ist. Gerahmt von einem Gesamtkonzept kann es sich als zweckdienlich erweisen, arbeitsteilig vorzugehen und die beiden Bereiche in zwei separaten Arbeitszusammenschlüssen zu organisieren. Hierbei sollten zudem bedarfsorientiert Abstimmungsstrukturen zum fallübergreifenden Austausch zwischen den Bereichen Frühe Hilfen und Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung eingerichtet werden.
Zum Auf- und Ausbau der Netzwerke Früher Hilfen sowie dem Einsatz von Familienhebammen und der Einbeziehung ehrenamtlicher Strukturen in diesem Bereich stellt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Bundesinitiative Frühe Hilfen Fördermittel von derzeit jährlich 51 Mio. € zur Verfügung (vgl. § 3, Abs. 4 KKG), wovon in den Jahren 2014 und 2015 jeweils 10,3 Mio. € an das Land NRW gehen. Davon werden rund 9,3 Mio € an die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe nach einem Verteilerschlüssel weitergegeben, welcher der Anzahl der null- bis dreijährigen Kinder im SGB-II-Leistungsbezug im jeweiligen Jugendamtsbezirk entspricht.
Ab dem Jahr 2016 wird der Bund einen Fonds zur Sicherstellung der Netzwerke Früher Hilfen sowie der psychosozialen Unterstützung von Familien – ebenfalls im Umfang von jährlich 51 Mio. € – einrichten. Die Verteilung der Fördermittel aus der Bundesinitiative an die Kommunen erfolgt über die Landeskoordinierungsstelle Frühe Hilfen im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW. Die Landeskoordinierungsstelle ist zudem gemeinsam mit den beiden Fachberatungsstellen Frühe Hilfen/ Bundesinitiative Frühe Hilfen in den Landesjugendämtern für die fachliche Beratung und Begleitung der Tätigkeiten der Netzwerkkoordinierenden im Bereich Früher Hilfen, der Einsatzkoordinierenden von Familienhebammen und vergleichbaren Gesundheitsberufsgruppen sowie von Ehrenamtlichen im Bereich Früher Hilfen zuständig.

Bedeutung des Themas für Jugendhilfeausschussmitglieder

Der Auf- und Ausbau von Angeboten und Netzwerken Früher Hilfen in den Kommunen setzt die Bereitschaft und engagierte Beteiligung an einer kooperativen und verbindlichen Zusammenarbeit vielfältiger Akteure aus den unterschiedlichen Hilfesystemen voraus – neben der Kinder- und Jugendhilfe sind u.a. Schwangerschaftsberatungsstellen, Frühförderstellen, Einrichtungen und Institutionen des Gesundheitswesens, Arbeitsagenturen und Sozialämter etc. zu nennen. Der Jugendhilfeausschuss bildet hier ein zentrales Gremium der kommunalen Verantwortungsgemeinschaft für den Aufbau und die Etablierung eines Netzwerkes
Früher Hilfen sowie der Entwicklung einer nachhaltigen sozialen Infrastruktur, die Bedingungen für ein gedeihliches Aufwachsen von Kindern in Familie ermöglicht und Eltern in der Wahrnehmung ihres Erziehungsrechts und ihrer Erziehungsverantwortung fördert. Zur Realisierung dieses Ziels bedarf es entsprechender personeller und finanzieller Ressourcen für die Netzwerkarbeit sowie für die Realisierung von Angeboten aus dem Leistungsbereich „Förderung der Erziehung in der Familie“. Weiterhin erforderlich ist zudem die Abstimmung kommunaler Jugendhilfeplanungsprozesse mit denen in weiteren Ressorts, wie u.a. dem Bildungs-, Gesundheits-, Arbeits- und Sozialwesen.
Darüber hinaus nimmt der Jugendhilfeausschuss auch entscheidend Einfluss auf die fachlich-konzeptionelle Ausrichtung Früher Hilfen. Die sich sowohl im Fachdiskurs als auch in der Praxis oftmals zeigende Verquickung der Aufträge von allgemeiner Förderung von Familien im Rahmen freiwilliger, niedrigschwelliger Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten und staatlichen Schutz- und Kontrollaspekten im Kontext einer möglichen Kindeswohlgefährdung gilt es kritisch zu reflektieren. Gleiches ist auch für eine ausschließliche Fokussierung auf die Zielgruppe von Kindern und Familien in belasteten Lebenslagen zu konstatieren. Stattdessen gilt es nicht stigmatisierende, ressourcenorientierte Zugänge zu den Angeboten Früher Hilfen für alle Adressat_innengruppen – unter Berücksichtigung der Bedürfnisse, Anliegen und Wünsche der Familien – zu eröffnen.
Hierbei werden die fachlichen und organisatorischen Entwicklungsperspektiven Früher Hilfen insbesondere durch die im Jugendhilfeausschuss vorzunehmenden Qualitätsentwicklungsprozesse hinsichtlich der Festlegung von Qualitätskriterien sowie der Anwendung geeigneter Maßnahmen zu ihrer Gewährleistung gemäß der Vorgaben von § 79a SGB VIII gelenkt.
Und schließlich erweist sich der Jugendhilfeausschuss auch als zentrale Schaltstelle für die Entwicklung eines kommunalen Gesamtkonzepts der Förderung von Kindern, Jugendlichen und Familien, in das die jeweils vor Ort bestehenden Bündnisse, Arbeitsgemeinschaften und Netzwerke beispielsweise aus den Kontexten Gewaltschutz, Gesundheit, Teilhabe und Bildung eingebettet sind. Ein solches Gesamtkonzept könnte altersphasenstrukturierend angelegt, die Verwirklichung der Rechte von Kindern auf Schutz, Partizipation und Teilhabe – von der Geburt bis ins junge Erwachsenenalter – umfassend und nachhaltig fördern.

Ausblick

In der Umsetzung der dargelegten konzeptionellen Ansprüche und rechtlichen Ausgangsbedingungen Früher Hilfen zeigen sich zum gegenwärtige Zeitpunkt noch vielfältige Herausforderungen, die es von den verantwortlichen politischen Akteuren auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene sowie den Fachkräften der beteiligten Hilfesysteme zu bearbeiten gilt. Die flächendeckende Umsetzung von Angeboten Früher Hilfen ist von Seiten der Kinder- und Jugendhilfe hierbei allein nicht realisierbar, weil erst die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit (u.a. mit Akteuren des Gesundheitswesens) das Arbeitsfeld konstituieren. An dieser Stelle zeigt sich insbesondere eine zukünftig stärkere rechtliche Verortung und damit einhergehend eine finanzielle Absicherung der Angebote Früher Hilfen in den anderen beteiligten Hilfesysteme als erforderlich.

Weiterführende Literatur

  • inforo online: Kommunale Plattform für den fachlichen Austausch über erfolgreiche kommunale Strategien zur Umsetzung der Bundesinitiative Frühe Hilfen. http://bit.ly/1KF42Cw
  • Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.) 2014: Präzisiertes Gesamtkonzept zur Umsetzung der Verwaltungs-vereinbarung „Bundesinitiative Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen“ (2012 – 2015) gem. § 3 Abs. 4 des Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG) in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf. http://bit.ly/1IAYD3r
  • Nationales Zentrum Frühe Hilfen (Hg.) 2013: Kompetenzprofil Netzwerkkoordinatorinnen und Netzwerkkoordinatoren Frühe Hilfen. Berlin. http://bit.ly/1C965Kz
  • Nationales Zentrum Frühe Hilfen (Hg.) 2014: Empfehlungen zu Qualitätskriterien für Netzwerke Früher Hilfen. Beitrag des NZFH-Beirats. Berlin. http://bit.ly/1vzNSJ9
  • Ziegenhain, U./ Schöllhorn, A./ Künster, A. K./ Hofer, A./ König, C./ Fegert, J. M. 2011: Werkbuch Vernetzung. Chancen und Stolpersteine interdisziplinärer Kooperation und Vernetzung im Bereich Früher Hilfen und Kinderschutz. Hg. vom Nationalen Zentrum Frühe Hilfen. Köln. http://bit.ly/1vzNQkH

Ansprechperson im LWL-Landesjugendamt: Westfalen

Dr. Silke Karsunky, Tel.: 0251-591 3389; silke.karsunky@lwl.org