Unterstützte Kommunikation


Unser Credo lautet Menschlichkeit -
auch beim Einsatz von Technik

Timo mit Sprachausgabe-Computer ('Talker') Timo mit Sprachausgabe-Computer ('Talker')

Die LWL-Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung in Dortmund hilft Kindern die unter geistigen und motorischen Entwicklungsstörungen leiden. So kann der 10-jährige Timo dank einer ergotherapeutischen Therapie und eines Sprachcomputers mit seiner Umwelt kommunizieren – entgegen der Prognosen seiner Ärzte.

„Timo, was ist dein Lieblingsfach?“ Der Zehnjährige lacht und beugt sich nach vorne über eine Art kleinen Computer. In rasender Geschwindigkeit tippt er auf dem Touchscreen auf ein Symbiol, einen Fußballspieler. Das Gerät sagt mit sonorer Stimme: „Sport.“ „Und wie heißt dein Bruder?“ Die gleiche Prozedur: Timo überlegt kurz, wieder hämmert er mit schnellen Fingern auf einige der 45 Tastenfelder ein. „Philipp“, lautet die Antwort.

Was wie ein Spiel klingt, ist für Timo, der an einer schweren geistigen und motorischen Entwicklungsstörung leidet, eine Brücke zur Welt. Mit dem „Talker“, einem kompakten Sprachausgabe-Computer, kann der Schüler der LWL-Förderschule, Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, Dortmund sich unterhalten – dabei hatten die Ärzte der Familie vorausgesagt, dass Timo niemals laufen und sprechen, geschweige denn lesen und schreiben können würde. 

Heute kann der Junge am Rollator gehen und sogar einige Worte mit dem Mund sprechen. „Wie heißt du?“ – „Timo.“ “Was ist das?“ – „Auto“. „Und das?“ – „Ball.“
Timos Klassenlehrerin Ina Steinhaus und Ergotherapetin Sabine Zimmer Timos Klassenlehrerin Ina Steinhaus und Ergotherapetin Sabine Zimmer

„Der ‚Talker’ hat auch Timos Lautsprache verbessert“ erklärt seine Klassenlehrerin Ina Steinhaus, die für den Einsatz der vom LWL finanzierten technischen Hilfsmittel an der Schule seit 14 Jahren verantwortlich ist. „Je mehr die Kinder mit dem ‚Talker‘ sprechen, umso öfter hören sie auch die Worte und können sie irgendwann wiederholen. Außerdem wächst das Selbstvertrauen immens, wenn die Kinder sich plötzlich verstanden fühlen“ erläutert die engagierte 46-jährige, die darüber mitentscheidet, welche Kinder ein Gerät bekommen sollen.

Die Sprachausgabegeräte, die 25 der insgesamt rund 260 Schülerinnen und Schüler an der Schule nutzen, sind kein Allheilmittel: „Nicht allen Kindern steht eine eigene Lautsprache zur Verfügung“, erklärt Ina Steinhaus. „Deswegen bieten wir solche Geräte nur an, wenn wir einem Kind zutrauen, Begriffe zu verstehen und anzuwenden.“ 
 

Kommuniaktionstafel mit unterschiedlicher Gesichtsmimik Kommuniaktionstafel mit unterschiedlicher Gesichtsmimik

Die komplexen elektronischen Kommuni-kationshilfen bilden dabei die Spitze der unterstützten Kommunikation - an der Schule werden auch Gestik, Mimik, Gebärden oder Kommunikationstafeln eingesetzt.

Timo mit einem seiner Lehrer und Talker im Unterricht Timo mit einem seiner Lehrer und Talker im Unterricht

Mit den ‚Talkern‘ reden die Kinder aber nicht nur in der Freizeit. Sie werden im Unterricht und in der Therapie wie selbstverständlich mitgenutzt.

"Je öfter und je unterschiedlicher die Anwendung ist, umso besser sind die Lerneffekte", ist Ina Steinhaus sicher. Bis Timo so gut mit seinem 'Talker' umgehen konnte, musste er viel üben, erklärt die Lehrerin. Durch ständige Wiederholungen lernte er die verschiedenen Symbolkombinationen kennen und diese auch assosiativ zu nutzen. Außerdem haben wir für ihn das Vokabular individuell erweitert, zum Beispiel mit Namen aus seinem Umfeld."

Timo tippt auf 'Talker' Timo tippt auf 'Talker'

Verantwortlich für das individuelle Training ist vor allem die Ergotherapie. Sabine Zimmer hat für das Tastendrücken an Timos Feinmotorik gearbeitet und ist zufrieden mit seinen Fortschritten. „Wir machen ganz verschiedene Übungen, bei denen in spielerischer Form die Motorik und die Kommunikation zusammen trainiert werden“, sagt die Ergotherapeutin. Dazu gehören Lern- und Spielprogramme am Computer oder die Beschäftigung mit einem Keyboard, das Timo selbst aus dem Regal holt und auf dem er mit bestimmten Tasten ganze Melodien spielen kann.

Die Therapie beginnt schon beim Eintritt in den Raum mit einem kleinen Ritual. Weil die Ergotherapie als Zusatzleistung über die Krankenkasse abgerechnet wird, muss das Rezept für jede geleistete Therapieeinheit unterschrieben werden. „Das muss Timo wie jedes Kind selbständig einfordern“, erklärt Sabine Zimmer. Timo drückt in beachtlicher Geschwindigkeit einige Tasten, der ‚Talker‘ sagt: „Bitte unterschreiben Sie das Rezept.“ Nach dem er die Unterschrift bekommen hat, lächelt Timo – und beeilt sich, um im Klassenraum seinem Freund Christoph per ‚Talker‘ die Ereignisse des Tages erzählen zu können.