Die Taubstummenanstalt

Zur Gründung im Jahre 1830 kam kein anderer Name als „Taubstummen-Anstalt“ in Frage, da damals diejenigen, die „taub“ geboren wurden, auch später keine Sprache entwickelten. Es gab noch keine nennenswerte Hörgerätetechnik, folglich war an Hören als Grundlage für das Sprechen in der so wichtigen Spracherwerbsphase der ersten vier Lebensjahre nicht zu denken. Die große Errungenschaft damals war, dass den „taubstummen“ Kindern dennoch ein Bildungsweg eröffnet wurde. Die pädagogischen Richtlinien der damaligen Zeit waren bestimmt von dem Leitgedanken der Fürsorge und dem Bestreben, dass auch die Taubstummen in Lautsprache denken und sprechen sollten, um teilhaben zu können am gesellschaftlichen Leben. Im Mailänder Kongress von 1878 setzte sich diese so genannte „ Deutsche Methode“ durch, die Lautsprache zum obersten Ziel erkor, während die Gebärdensprache nicht für den Schulunterricht zugelassen war. Die in Büren tätigen Taubstummenlehrer fühlten sich wie selbstverständlich gebu nden an die Vorgaben der „oralen“ Methode und damit der Entwicklung der Lautsprache. Wenn man von Entwicklung spricht, dürfen neben der körperlichen und sprachlichen Entwicklung alle Aspekte emotionaler und sozialer Entwicklung, die eine Persönlichkeit formen, nicht vergessen werden. Hier beschritt die Bürener Schule von Anfang an einen besonderen Weg, der sie von allen anderen vergleichbaren Schulen deutlich abhob – bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein. Die Rede ist von der Unterbringung aller Schülerinnen und Schüler in Pflegefamilien. Alle anderen Schulen richteten für die Unterbringung Ihrer Schüler auch Internate ein, nur in Büren wohnten die Kinder während der Woche in ausgewählten Familien in der Stadt Büren. Jede Lehrperson musste wenigstens alle 14 Tage einmal eines der 4-6 Pflegehäuser, die ihm zur Betreuung aufgetragen wurden, besuchen und den Pflegeeltern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Natürlich gab es auch hier Probleme und Schattenseiten und manche „Schauergeschichte“ kommt bei Klassentreffen auf den Tisch, aber gibt es eine bessere Alternative als die Pflegefamilie? Die langjährigen Kontakte, die zu diesen Bürener Familien auch heute noch bestehen und zum Schuljubiläum wieder genutzt und aufgefrischt werden, geben eindeutig ein positives Signal ab. In einer Kleinstadt wie Büren waren die „Taubstummen“ keine anonymen Personen, die durch ihre Gebärden als „besonders“ bzw. „anders“ oder „fremd“ auffielen, sondern sie lebten in Familien mit Hörenden zusammen, kommunizierten dort mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen und gehörten wie selbstverständlich zum Stadtbild – Integration in klassischem Sinn.

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