Die Gehörlosenschule

Der Unterricht in der Lautsprache zeigte Erfolge. Die Schüler lernten zu artikulieren und sich mehr oder weniger gut lautsprachlich verständlich zu machen. Damit waren sie zwar immer noch „taub“, aber nicht mehr „stumm“. Der Begriff „taubstumm“ musste zu Recht in Frage gestellt werden. Er wurde abgelöst von dem Begriff „gehörlos“. Man nannte all die „gehörlos“, die ohne Hörhilfen keinen Anteil an gesprochener Sprache mehr wahrnehmen konnten, die also nicht generell taub für alle Geräusche, sondern taub für Sprache waren. Dieser scheinbar kleine Aspekt ist von großer Tragweite, denn dass noch so genann te Hörreste blieben, war ein wesentlicher Anhaltspunkt für Ingenieure und Techniker, Anstrengungen zu unternehmen, um diese Hörreste zu verstärken und mit Hilfe von Hörgeräten in den von Sprache beherrschten Hörbereich anzuheben. Die frühe Auseinandersetzung mit der Technik von Hörgeräten hat dazu beigetragen, dass in Büren wie auch an anderen Schulen für Hörgeschädigte technologische Innovationen bis hin zu den heute genutzten modernen Informations- und Kommunikationsmedien meist früher für Lernprozesse genutzt wurden als im Regelschulbereich. In den 60-er Jahren setzte sich zudem die Erkenntnis durch, dass Sprache dann am besten gelernt wird, wenn das Lernen vor der Schule beginnt. Heute weiß man, dass sich Sprache auf natürlichem Wege nur in den ersten 4-5 Lebensjahren erlernen lässt und dass unser Gehirn nur in diesen Jahren physiologisch in der Lage ist, ein solch komplexes Kommunikationssystem aufzunehmen.
Schüler/innen während der Pause Schüler/innen während der Pause
Auch in Büren begann man 1962 mit der Frühspracherziehung, heute kurz Früherziehung genannt. Die an der Schule tätigen Pädagogen fuhren in die Familien, um die Eltern zu beraten und die Kinder sprachlich zu fördern. Der Bereich der Sprache war wiederum Anlass, in den 70er Jahren eine Trennung von Gehörlosen und Schwerhörigen vorzunehmen. Bei denjenigen, bei denen es gelang, Hörreste für Sprache nutzbar zu machen, konnte sich Sprache oft schon vor der Schule entwickeln. Schulisch sollte diese bruchstückhaft vorhandene Sprache ausgebaut werden. Dagegen war bei den weiter für Sprache tauben Kindern ein Sprachaufbau nötig. Dieser Aufbau war mühsam und musste beim Punkt Null beginnen. Er wurde deshalb systematisch betrieben und die Forschung konzentrierte sich auf die Entwicklung von Lehrgängen, die den so genannten „Systematischen Sprachaufbau“ vorantrieben. Die Auffassung, dass Gehörlose und Schwerhörige eine unterschiedliche Pädagogik brauchten, hatte die Gründung von Schwerhörigenschulen zur Konsequenz und die Bürener Schule nahm von diesem Zeitpunkt an nur die „gehörlosen“ Kinder auf, also diejenigen, die einen systematischen Ansatz im Erlernen der Sprache brauchten. Der Auftrag, sich um die Gehörlosen zu kümmern, führte dazu, dass in Büren wohnende schwerhörige Kinder täglich nach Bielefeld fahren mussten, um die dort 1978 errichtete Schule für Schwerhörige zu besuchen. Die Wissenschaft setzte sich intensiv mit dem „Programmierten Lernen“ auseinander und die Pädagogik der Gehörlosen im Besonderen versuchte Methoden des systematischen Sprachaufbaus zu verfeinern. Dabei wurde Sprache auf vielfältige Art und Weise visualisiert. Auch hier ging die Bürener Schule einen eigenen Weg, indem sie in Zusammenarbeit mehrerer Pädagogen einen Lehrplan für den Sprachaufbau etablierte, der in einzigartiger Weise Sprachstrukturen und Sprachinhalte in einem systematischen Zusammenhang stellte und Materialien entwickelte, die in der Lage waren, von ersten einfachen Strukturen bis hin zu komplexen Nebensätzen gehörlosen Schülerinnen und Schülern motivierend Sprache zu vermitteln. Gleichzeitig begann eine Revolution in der Frühförderung, als nämlich durch die Orientierung am natürlichen Spracherwerb normal hörender Kinder bis dahin nicht für möglich gehaltene Fortschritte in der Sprachentwicklung auch hochgradig hörgeschädigter Kinder erzielt werden konnten. Diese Methode wurde anfangs sehr kontrovers diskutiert. Die Bürener Schule stellte sich der neuen Herausforderung und integrierte wie selbstverständlich die neuen Erkenntnisse in die pädagogischen Richtlinien, ohne einem Trend blind zu folgen und ohne die individuelle Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes und die je einzigartige Familiensituation außer Acht zu lassen.

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