Dimensionen des Schulprogramms

Richtlinien und Lehrpläne für jede Schulform sorgen für gleiche Zielvorgaben bei der schulischen Förderung. Dennoch unterscheiden sich die einzelnen Schulen in ihrem Selbstverständnis und in den Leitgedanken, die ihre tägliche Arbeit bestimmen. Diese individuellen Profile werden seit einigen Jahren verbindlich im Schulprogramm festgehalten. Wie die Geschichte der Bürener Schule zeigt, hat sie immer schon ein eigenes Profil entwickelt. Im Folgenden sind einige Schwerpunkte der aktuellen Schulprogrammarbeit dargestellt, das sich nach dem übergeordneten Leitziel richtet: Hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler lernen ihr Leben selbstbestimmt zu führen und zu gestalten.

Die Beratungsstelle

Mit dem Umzug in das neue Schulgebäude hat die Moritz-von-Büren-Schule zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine eigene Beratungsstelle eröffnet. Die Betreuung und Begleitung hörgeschädigter Kinder im vorschulischen Bereich (Hausspracherziehung, Frühförderung) und Beratung und Förderung hörgeschädigter Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen (Gemeinsamer Unterricht) waren schon immer Aufgabenschwerpunkte der Schule. Mit Eröffnung der Beratungsstelle kann die Schule ihr Angebot erweitern und verbessern. Zu nennen sind da:
•  Erstberatung bei Verdacht auf eine Beeinträchtigung des Hörvermögens
•  Information rund um die Themen Hören, Hörschädigung, Hörschulung, technische Hilfsmittel, …
•  Durchführung von audiometrischen Verfahren zur Ermittlung des Hörvermögens und des Sprachstandes als Grundlage zur Einleitung geeigneter pädagogischer Fördermaßnahmen und als Vorbereitung auf eine Diagnostik durch Fachmediziner/Hörgeräteakustiker
•  Einleitung und Durchführung der Hausspracherziehung im Elternhaus und der Frühförderung im Kindergarten
•  Beratung und Begleitung bei der Kindergarten- und Schulwahl
•  Information und Beratung von Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrern der hörgeschädigten Kinder, die allgemeine Grund- und weiterführende Schulen besuchen
•  Diagnostik von "Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen"
Kinder mit ihrer Therapeutin
Beratung, Begleitung, Information und Diagnostik basieren auf den Gedanken des "Empowerments" und der "Familienorientierung". Dies bedeutet konkret:

Leitgedanken des Empowerments

•  Förderung und Erweiterung der Selbstgestaltungskräfte des hörgeschädigten Kindes
•  Abkehr vom einseitigen Blick auf seine Defizite und seine Hilfsbedürftigkeit

Leitgedanken der Familienorientierung

•  (Wieder-)Entdeckung gemeinsamer Stärken mit der Familie des hörgeschädigten Kindes
•  Entwicklung von Schritten, die für die Bewältigung des Lebens des Kindes und seiner Familie mit der Hörschädigung hilfreich sind
Wichtig ist den Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle neben diesen Leitgedanken auch die enge Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, Ärzten und Therapeuten, die mit der Beratung und Förderung der hörgeschädigten Kinder betraut sind, denn nur das konzeptionelle Zusammenspiel von Beratung, Begleitung, Information und Diagnostik bietet die Grundlage für eine effektive Förderung hörgeschädigter Kinder.
Das deutsche Fingeralphabet Das deutsche Fingeralphabet

Mit Laut- und Gebärdensprache durch den Schulalltag

„Hallo, mein Name ist Sascha. Ich besuche die siebte Klasse der Moritz-von-Büren-Schule. Heute möchte ich erzählen, wie ein ganz normaler Schultag bei uns aussieht. Morgens werde ich Zuhause abgeholt und fahre mit dem Taxi zur Schule. Dort treffe ich meine Freunde und Klassenkameraden. Mit jedem Taxi wird es lauter bei uns auf dem Schulhof, weil wir uns schon morgens viel zu erzählen haben. Leon erzählt von der Geburtstagsparty gestern. Laura stößt ihn an und ihre Hände fliegen durch die Luft. Sie gebärdet die Frage: „Was erzählst du?“ Sie versteht uns nur, wenn wir Gebärden benutzen. Leon erzählt noch einmal und nimmt jetzt Gebärden hinzu. Dann klingelt es. Der Unterricht beginnt um acht Uhr. Wir gehen in unsere Klasse und begrüßen unsere Lehrerin. Zuerst besprechen wir alles Wichtige, das an diesem Tag noch ansteht. Dann fangen wir mit dem Biologieunterricht an. Da die Schüler in unserer Klasse unterschiedlich gut hören können, benutzt unsere Lehrerin Lautsprache und Gebärden. Sie unterstützt ihr Sprechen mit Gebärden (Lautunterstützende Gebärden) Das ist wichtig für uns, damit wir alle sie gut verstehen. Viele Dinge werden bei uns auch über Bilder und Zeichnungen erklärt (Visualisierung). Die ersten zwei Stunden sind um. Es klingelt, an der Decke leuchtet zusätzlich ein Signallicht und wir gehen in die Pause. Nach der Pause haben wir Deutsch. Wir teilen uns in Lerngruppen auf. Es gibt bei uns in der Sekundarstufe sechs Deutschgruppen. Jede Gruppe arbeitet ein bisschen anders, aber in allen wird gelesen, geschrieben und viel gesprochen. In manchen Gruppen wird gar nicht gebärdet. Andere benutzen viele Gebärden und lernen nach einem bestimmten System (systematischer Sprachaufbau). Vielen Schülern fällt es schwer Texte zu verstehen. Sie brauchen immer wieder Übung und Wiederholung. Beim Lesen und Buchstabieren helfen ihnen bestimmte Zeichen (Phonembestimmtes Manualsystem oder Fingeralphabet). Nach der zweiten Pause haben die Klassen 5-8 AG. Es gibt die Theater-AG, die Tanz-AG und die Trekking-AG. Ich gehe in die Tanz-AG. Die Klassen 9 und 10 nehmen an der Streitschlichterausbildung teil. Da würde ich später auch gerne mitmachen. Als Streitschlichter ist es gut, wenn man sprechen und gebärden kann. Ich selbst brauche eigentlich keine Gebärden, weil ich schwerhörig bin und mit meinen Hörgeräten alles gut verstehen kann. Aber ich finde es gut, dass ich auch Gebärden kenne und mich so mit allen gut unterhalten kann. Kurz nach eins klingelt es und wir fahren wieder im Taxi nach Hause.“
Rythmikunterricht und Tanz AG Rythmikunterricht und Tanz AG

Rythmik, Musik, Tanz

Für Außenstehende oft schwer verständlich, haben Musik und Tanz bei Hörgeschädigten einen hohen Stellenwert. Spaß und Freude können hier in idealer Weise mit Lerneffekten verknüpft werden. Die Bereiche Musik, Bewegung und Kommunikation sind eng miteinander verbunden, unterstützen sich gegenseitig und leisten schon in der Primarstufe einen wichtigen Betrag zur Hör- und Sprecherziehung. Dies wird deshalb auch in den Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation der Kultusministerkonferenz hervorgehoben: "Die rhythmisch-musikalische Erziehung hat im gesamten Unterricht die Aufgabe, Sprache zu verdeutlichen und die eingeschränkte Wahrnehmung auszugleichen. Sie verhilft zum Empfinden für Sprachformen, wie z.B. Fragen, Auffordern, Antworten, Aussagen, und sie verdeutlicht Sprachstrukturen. Rhythmisieren des Sprechens gibt der Sprache einen lebendigen Charakter und stützt Sprachauffassung, Sprachverständnis und Empfinden für sprachliche Gliederung." (Empfehlungen zum Förderschwerpunkt Hören, Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.05.1996) Lernort des Rhythmikunterrichts sowie der Tanz AG ist der neu entstandene Rhythmikraum im Schulneubau. Das dort vorhandene Schwingparkett erlaubt eine Übertragung der Rhythmen vom Lautsprecher direkt auf den Körper, sodass eine ganzheitliche Wahrnehmung der Musik möglich ist. Durch den Einsatz einer Spiegelwand ist es unseren Schülerinnen und Schülern erstmalig möglich, die eigenen Bewegungen optisch selbst zu kontrollieren. Im Rahmen unserer Arbeitsgemeinschaften wird seit Jahren immer wieder eine Tanz-AG angeboten, von vielen Schülern begehrt und geliebt. Motivierend wirkt dabei nicht zuletzt die Chance, das Einstudierte bei diversen Schulveranstaltungen vorzuführen, um damit allen zu zeigen, was man „drauf“ hat. Dass man nebenbei in der Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit, in der Koordination, der Aufmerksamkeitshaltung und auch im sozialen Lernen geschult wurde, muss ja nicht von Nachteil sein. Tanzen in verschiedenen Formen ist für viele Jugendliche ein wichtiger Teil ihrer Freizeitgestaltung. Es fördert neben dem Sozialverhalten auch das Selbstbewusstsein, die Körperkoordination, das Rhythmusgefühl und die Kreativität. Hörgeschädigten Jugendlichen fehlt oft das Selbstvertrauen, sich auf eine Tanzfläche zu wagen, da ihre Wahrnehmung von Musik beeinträchtigt ist und ihre Bewegungsabläufe im Tanzen sich daher vielfach von denen Anderer unterscheiden. Ein gezieltes Training der Wahrnehmung von Rhythmus über Ohr und Körper kann jedoch dazu führen, dass auch hörgeschädigte Jugendliche lernen, Musik adäquat in Bewegung umzusetzen. Auftritte der Tanz AG auch außerhalb der Schule wie beim Paderborner Tanztreff haben dies eindrucksvoll gezeigt.
"Hört sofort auf! Beide! Ihr sollt zusammen arbeiten und nicht streiten! Ihr schreibt bis morgen zehn mal die Klassenregeln auf und entschuldigt euch sofort beim anderen."

Streitschlichtung

Ein Konzept im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverantwortung von Schülerinnen und Schülern in allen Schulen. Das Konzept der Streitschlichtung, das auf verbale Konfliktlösung abzielt, in einer Hörgeschädigtenschule zu verwirklichen, ist besonders bemerkenswert. Ein ganz alltäglicher Streit: Ben und Julian sitzen am Gruppentisch und arbeiten. Ben nimmt ohne zu fragen das neue Lineal von Julian. Julian beschimpft Ben. Daraufhin schmeißt Ben das Lineal an die Wand. Es bricht durch. Julian zieht Ben an den Haaren. Konflikte dieser Art bestimmen täglich den Schul- und Unterrichtsalltag. Neben viel Zeit und Energie, die diese Unterrichtstörungen verbrauchen, provozieren sie vor allem eins: neue Aggressionen und ein Andauern des Konflikts. Denn alle Beteiligten, einschließlich der herangezogenen Lehrperson, erleben ihn anders, etwa so:
"Geschieht dem ganz recht, was spielt der sich auch gleich so auf, nur weil ich mir sein Lineal leihe."
"Das ist ja wohl ungerecht!. Ich hab nicht angefangen."
"Immer dasselbe. War es jetzt richtig so? Hoffentlich ist jetzt auch wirklich Ruhe."
Jeder kennt solche Situationen, die Gedanken lassen sich individuell erweitern. Die Kontrahenten wurden nicht nur durch den Lehrer bestraft, sie wurden auch bevormundet. Sie sind sauer, fühlen sich ungerecht behandelt. Der Konflikt ist nicht gelöst. Er wird an anderer Stelle fortgeführt oder wiederholt. Denn: Verlierer empfinden Wut und wollen Rache, Gewinner spüren den Erfolg und „geben keine Ruhe“. Wer aber ist für den Konflikt und dessen Lösung verantwortlich? Wie kann man ihn lösen? Hier bietet das Konzept der Streitschlichtung eine klare Handlungsstruktur. Jedes Jahr werden Schülerinnen und Schüler in Trainings zu Streitschlichtern ausgebildet. Die Streitenden werden dadurch in die Lage versetzt, ihre Konflikte selbst oder mit Hilfe eines Streitschlichters, der sie anhand einer klar definierten Handlungsabfolge bei der Lösung des Konfliktes begleitet und unterstützt, zu lösen. Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen und Bestrafungen. Es geht vielmehr in einem klar strukturierten Schlichtungsgespräch darum, den Konflikt gegenseitig nachzuvollziehen, sich in den anderen hineinzuversetzen, Erwartung und Bereitschaft auszutauschen und sich schließlich darüber zu einigen. Eine Streitkultur kann entstehen, in der Schüler und Schülerinnen zu Selbstverantwortung und Selbstständigkeit im Umgang mit ihren Mitschülern und der Prägung einer wertschätzenden Atmosphäre in ihrer Schule herausgefordert und gefördert werden. Kompetenzen wie Kommunikation, Empathie, (Selbst-)Verantwortung und Reflexionsvermögen werden weiterentwickelt. Lehrer sind neutral und begleiten die Schüler unterstützend in Schlichtung und Ausbildung. Für Ben und Julian bedeutet das, dass keiner der beiden wegen des Konfliktes die Klassenregeln abschreiben muss. Vielleicht nutzen beide das Angebot eines Schlichtungsgesprächs. Vielleicht ist Ben dann bereit, demnächst vorher zu fragen und für dieses mal Julian ein neues Lineal zu kaufen, während Julian verspricht, zukünftig nicht mit Beschimpfung und Haare ziehen zu reagieren. Vielleicht gehen auch einfach beide zur Versöhnung ein Eis essen. Ein Lösungsweg, den Lehrer so sicher nicht angestrebt hätten. Aber letztlich bedeutet Schüler zur Selbstverantwortung zu erziehen auch als Lehrer loszulassen und den Schülern zuzutrauen, ihren eigenen Weg zur Konfliktlösung zu finden. Der sieht sicher manches Mal anders aus als erwartet. Aber vielleicht liegt ja gerade darin die Lösung.

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