Foto: Kette Perspektivenwechsel im ASD

Erzieherische Hilfen

Casemanagement

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit der Sozialen Dienste haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten gravierend verändert. Noch bis in die 80er Jahre hinein gab es einen weitgehenden gesellschaftlichen Normenkonsens mit verbindlichen Verhaltensmustern. Soziale Arbeit in den sozialen Diensten konnte sich fallbezogen als Korrektur abweichender Verhaltensmuster begreifen und mit im positiven Sinne fürsorgerischen Anteilen Menschen wieder erfolgreich in die Gesellschaft integrieren.

Dieser Normen- und Verhaltenskonsens ist gesellschaftlichen Lebensverhältnissen gewichen, die gekennzeichnet sind durch plurale Lebenssituationen, individualisierte Werte– und Normenvielfalt sowie der Notwendigkeit, sich ständig für neue Weichenstellungen in der eigenen Lebensplanung zu entscheiden, ohne diesen gesellschaftlichen Konsens als Bezugspunkt zu haben. Der Begriff der "Risikogesellschaft" beschreibt sehr einprägsam die Gefahren, in diesen Entscheidungsprozessen Fehlentscheidungen zu treffen, die die Wege eigener Lebensplanung verbauen und somit zur gesellschaftlichen Desintegration beitragen. Die Arbeit der Sozialen Dienste wird so zu einem unverzichtbaren Wegbegleiter für den Einzelnen, die eigene "Normalisierungsperspektive" wieder zu erlangen, somit Risiken zu minimieren und den individuellen Weg zur gesellschaftlichen Integration zu finden. Auf Grund der Komplexität der Problemlagen können die Fachkräfte in den Sozialen Diensten in der Regel nicht mehr fürsorgerische Verantwortung für die einzelnen Menschen übernehmen, sondern müssen sich neu professionalisieren als kompetente und umfassend fachkundige engagierte Beraterinnen und Berater für die jeweilige, individuell passende "Hilfe zur Selbsthilfe". Diese veränderte Professionalitätsanforderung an den Sozialen Diensten benötigt einen anderen Handlungsansatz mit entsprechender methodischer Unterfütterung.
Die im angloamerikanischen Raum entwickelte Methode des "Casemanagement" bietet für dieses veränderte Selbstverständnis einen fachlichen und methodischen Ansatz. Casemanagement erfordert das Verstehen der Problem- und Lebenssituation der Adressaten, umfassende fachliche Methodenkenntnisse, eine genaue Analyse der individuellen und Umweltressourcen der Menschen und – vor dem Hintergrund eines eigenen persönlichen und fachlichen Standpunktes – die Bereitschaft, sich auf die vielfältigen individuellen Lebensentwürfe und –welten einzulassen, ohne dabei das eigene Profil zu verlieren.
Von besonderer Bedeutung wird dieser fachliche Anspruch in dem Spannungsfeld zwischen sozialer Arbeit als soziale Dienstleistung und der Garantenstellung im Sinne der Gefahrenabwehr für das Kindeswohl. Mit den Prinzipien einer in Phasen unterteilten, strukturieren Fallbearbeitung, kollegial gestützter Beratungsmethoden zur Entscheidungsfindung und einem Methodenrepertoire, dass den individuellen Erfordernissen des Einzelfalles angepasst ist und vor allem die Ressourcen der Adressaten in den Vordergrund stellt, ist das Casemanagement zu einem unverzichtbaren Handwerkszeug für die Arbeit der Sozialen Dienste geworden. Wir haben als Teil eines Beratungsprojektes im Kreis Gütersloh mit den dortigen Fachkräften eine Arbeitshilfe entwickelt und diese in der praktischen Umsetzung zusammen mit einem Bezirksteam qualifiziert. Auf dieser Grundlage bieten wir in Qualifizierungsprojekten – z. T. auch gemeinsam mit externen Referenten des ISSAB, Essen – an, Casemanagement auf der örtlichen Ebene einzuführen.