Sein berufliches Ziel sah Herr H., der seit seiner Geburt blind ist, von Anfang an in einer Ausbildung und Beschäftigung in einem Unternehmen. Seit Juli 2010 hat er dieses Ziel erreicht: Er arbeitet als ausgebildeter Kaufmann für Bürokommunikation bei DB AutoZug in Dortmund, einem Tochterunternehmen der DB Fernverkehr AG.
Herr H. merkte bei seinem Besuch des LWL-Berufskollegs in Soest, das ihn kaufmännische Fächer interessieren. Er entschied sich dafür, die Fachhochschulreife zu erlangen und eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren. Am Ende seiner Schulzeit hatte Herr H. die Möglichkeit, zwischen einer überbetrieblichen Ausbildung und einer betrieblichen Ausbildung mit ambulanter Unterstützung durch das LWL-Berufsbildungswerk Soest zu wählen. „Ich wollte eine betriebliche Ausbildung machen, gerne in einem Team arbeiten“, so Herr H. Folgerichtig bewarb er sich bei verschiedenen Unternehmen um eine kaufmännische Ausbildung. Ein Bewerbercoaching, durchgeführt von Mitarbeitern des LWL-Berufsbildungswerks Soest, half ihm dabei.
Seine Bewerbung richtete Herr H. auch an DB AutoZug in Dortmund. Im März 2007 stellte er sich dort vor und überzeugte im Interview durch seine persönliche Art und seinen versierten Umgang mit seinem blindengerecht ausgerüsteten Notebook. (Seine Begeisterung für Computer wurde schon zu Schulzeiten geweckt.) Die DB AutoZug bot ihm ab August 2007 einen Ausbildungsplatz in seinem Wunschberuf, Kaufmann für Bürokommunikation, an. Begleitet wurde die betriebliche Ausbildung von Anfang an von „MobiliS“, dem blinden- und sehbehindertenspezifischen Unterstützungsangebot des LWL-Berufsbildungswerks in Soest. „Anfangs habe ich mich gefragt, wie das funktionieren soll“, so die Teamleitung Kundendienst. „Aber wir haben uns herangetastet und überlegt, was es für Möglichkeiten gibt“.
Auch dem Unternehmen stand das LWL-Berufsbildungswerk Soest bei diesem Lernprozess zur Seite: Noch vor Ausbildungsbeginn wurde die blindenspezifische Arbeitsplatzausstattung für die Ausbildung und das erforderliche Mobilitätstraining in den Büroetagen der DB AutoZug organisiert bzw. durchgeführt. Auch die Mitarbeiter, die Vorgesetzten und die anderen Azubis im Unternehmen wurden in der Unterweisung von blinden Menschen beraten. Die Kosten für die Arbeitsplatzausstattung übernahm die Agentur für Arbeit, die auch einen Zuschuss zur Ausbildungsvergütung und die Begleitung durch das LWL-Berufsbildungswerk finanzierte. Darüber hinaus erhielt der Arbeitgeber eine Förderung aus dem Programm Job4000 durch das LWL-Integrationsamt Münster.
In der Zeit von 2007 bis 2008 fuhr Herr H. jeden Morgen mit der Bahn von Soest nach Dortmund. 2009 zog er nach Dortmund um, wo er eine eigene Wohnung bezog. Hier war erneut Mobilitätstraining erforderlich, das durch „MobiliS“ sichergestellt wurde.
Herr H. lernte auf Seminaren und per Lernplattform im Internet ganz selbstverständlich mit anderen Auszubildenden der Deutschen Bahn. Hierbei kamen ihm sicherlich seine Erfahrungen aus seiner Schulzeit zu gute, die teilweise an einer Regelschule stattfand. Die Berufsschule besuchte er mit anderen blinden und sehbehinderten Auszubildenden am LWL-Berufskolleg in Soest.
Am Arbeitsplatz nutzt er am PC eine sogenannte Braille-Zeile, die für ihn lesbar abbildet, was ein Sehender am Bildschirm lesen kann. Im Weiteren verwendet er eine Sprachausgabe, die ihm die Texte vorliest. Damit andere Mitarbeitende nicht gestört werden, trägt Herr H. dabei Kopfhörer. Die Zusammenarbeit im Team der DB AutoZug ist gewachsen. Mit der Einschränkung, dass Herr H. keine handgeschriebenen Texte lesen kann, lernten seine Kollegen umzugehen.
Die DB AutoZug bot Herrn H. 2010 nach der Ausbildung zunächst eine befristete Beschäftigung an. Seit Anfang 2011 wurde er unbefristet in ein Vollzeitarbeitsverhältnis übernommen. Heute bearbeitet er die elektronische Korrespondenz und erstellt Monatsberichte. Als Mitarbeiter ist er voll im Team der DB AutoZug integriert. „Ich empfehle jedem, Mut zu haben und sich auf die Möglichkeiten einzulassen, einen sehbehinderten oder blinden Menschen einzusetzen“, resümiert die Teamleitung.
Quelle: BMAS (2011): Tätigkeitsbericht der Gesamtbetreuung zum Programm Job4000. Berichtsstand: 31.12.2010. Bonn