Trotz meiner Sehbehinderung habe ich die Regelschule an meinem Wohnort besucht. Ich konnte zwar nicht lesen, was an der Tafel stand, habe aber niemandem etwas gesagt. Daher waren meine Leistungen auch später in der Hauptschule eher bescheiden und ich bekam wenig Verständnis für mein Verhalten. Wenn ich zum Beispiel etwas vorlesen sollte, habe ich einfach „Nee“ gesagt. Das wurde mir als Unterrichtsverweigerung angekreidet. Eine Beratung durch einen Sehbehindertenpädagogen habe ich nie bekommen. Am liebsten wäre ich unsichtbar geworden und setzte mich deshalb in die letzte Reihe.
Die Hauptschule habe ich trotzdem abgeschlossen, für eine Qualifikation zum Besuch der Sekundarstufe II hat es aber nicht gereicht. Also machte ich an der Volkshochschule weiter, um den Realschulabschluss zu erreichen. Da habe ich mich dann aber doch in die erste Reihe gesetzt. Anschließend habe ich das Fach-Abitur abgelegt und im Sommer 2007 eine Banklehre in Düsseldorf begonnen. Damals lebte ich schon mit meinem Freund in einer gemeinsamen Wohnung und bin täglich von Dortmund nach Düsseldorf gependelt. Da ich Angst hatte, die Bank würde mich nicht nehmen, hatte ich verschwiegen, dass ich schlecht sehen kann. Das ist mir auf die Butterseite gefallen: Als ich bei der Bildschirmarbeit an meine Grenzen stieß, fragte mich mein Vorgesetzter, ob ich etwas verheimlicht hätte. Daraufhin wurde das Ausbildungsverhältnis mit sanftem Druck „in gegenseitigem Einvernehmen“ beendet.
Danach begann ich, als Verkäuferin in einer Bäckerei zu arbeiten. Nach einem halben Jahr wurde mein Sehvermögen deutlich schlechter, durch einen Grauen Star. Der wurde im November 2008 operiert. Wegen Komplikationen konnte ich danach aber noch schlechter sehen. Mein Fazit zu diesem Zeitpunkt: „Mit den Augen macht eine Ausbildung keinen Sinn!“ Ich wusste nicht, wie es weitergehen soll. Zum Glück brachte mich mein Freund auf Trab, so dass mein Leben wieder eine Perspektive bekam. So erfuhr ich, dass es beim Arbeitsamt eine „Integrationsstelle“ gibt. Dort vereinbarte ich einen Termin und die Beraterin schlug mir vor, eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation zu machen. Ich habe mich für das BBW in Soest entschieden.
Nach einer weiteren Augen-OP fuhr ich im August 2009 zum ersten Mal nach Soest. Während ich vorher immer nur mitgeschwommen war, kümmerte man sich plötzlich um mich. Dass die Ausbilder ein Auge auf mich hatten, war echt gewöhnungsbedürftig. Dazu kam, dass ich einen Behindertenausweis bekam und damit meine Behinderung amtlich wurde. Es ist schon sehr angenehm, dass ich nicht mehr ausgelacht werde, wenn ich etwas nicht lesen kann, etwas übersehe oder stolpere. Man kann sich austauschen mit den Kollegen, die ebenfalls schlecht sehen, fühlt sich verstanden, kann zusammen Lösungen für Probleme finden und hört nicht nur hohle Phrasen wie „Wird schon alles gut“.
Fachlich habe ich bei meiner Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation keine Probleme. Meine Noten liegen zwischen zwei und drei. In die Verlegenheit, etwas nicht vorlesen zu können, komme ich nicht mehr, denn es werden keine Beamer eingesetzt und am PC kann ich mir die Schriftgröße einstellen. Meine Praktika in einer Massagepraxis und bei einer Kreisverwaltung haben richtig Spaß gemacht. Als nächstes steht eine betriebliche Ausbildungsphase an. Mein Ziel ist, meine Berufsausbildung mit einer zwei abzuschließen. Danach wünsche ich mir eine Arbeit, bei der ich auch persönlichen Kontakt zu Menschen habe. Mittlerweile hat die Krankheit für mich ihren Horror verloren und ich glaube, dass ich mein Leben leben kann.
Aus: Gegenwart - Ausgabe 2/2011, Seite 28/29.