„Hier dreht sich was“
„Wenn ich Sie jetzt hier in der Produktionshalle alleine ließe, hätten Sie wahrscheinlich Schwierigkeiten, den Ausgang wieder zu finden“, sagt Herr Tharang und lächelt. Das stimmt ganz sicher. Die Werkhallen der Edelstahlgießerei Klaus Kuhn GmbH in Radevormwald sind riesig und werden im Moment sogar noch großzügig erweitert. Gott sei Dank lässt Steffen Tharang, der Prozessleiter der Fertigungslinie, seine Besucher aber nicht allein. Er zeigt uns die gesamte Produktion des Traditions-Familienunternehmens und erklärt ausführlich die betrieblichen Abläufe.
Laut ist es hier. Im Gespräch muss man sich anstrengen, gegen den Lärm, der aus den vielen riesigen Maschinen dringt, anzukommen. Die optischen Eindrücke sind vielfältig: bunte Maschinenteile wechseln mit dunklen Ein- und Durchfahrten, aus den Lichtkuppeln im Hallendach dringt die Sonne in die Werkhalle und aus den Schmelzöfen das Licht von glühendem Edelstahl. „Hier werden die Rohlinge für Rohre und andere Rotationsteile aus Edelstahl gegossen“, erklärt der Fertigungsleiter Klaus Bernhardt. „Dadurch sind wir weitestgehend unabhängig von Vorlieferanten und haben keine Probleme mit besonderen Edelstählen, wie sie beispielsweise für die Lebensmittelindustrie benötigt werden“. 35 Mitarbeiter arbeiten in der Gießerei, verborgen unter langen Schutzmänteln und Helmen, die futuristisch aussehen und sie vor der extremem Hitze und dem Staub schützen sollen.
Hinter der nächsten Tür wird es deutlich leiser. Wir sind in der Präzisions-Dreherei. „Hier werden unsere „kleinen“ Werkstücke bearbeitet“ sagt Herr Tharang, zeigt auf die großen Drehteile auf den Paletten und ergänzt : „und hier arbeitet auch unser Mitarbeiter Herr Günüc“.
In der Stellenanzeige, auf die hin sich Hasan Günüc im Sommer 2006 hier beworben hatte, wurde ein Zerspanungsmechaniker für den Bereich der Drehtechnik gesucht. Ausdrücklich war damals die Rede davon, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung bei gleicher Qualifikation im Bewerberverfahren vorrangig berücksichtigt würden.
Und eine Beeinträchtigung hat der junge CNC-Fachmann. Er hat eine Sehbehinderung, ein Handicap, dass sich durch eine starke Kurzsichtigkeit und eine hohe Blendempfindlichkeit bemerkbar macht.
Den anspruchsvollen Beruf des Zerspanungsmechanikers – Fachrichtung Drehtechnik – hat er im LWL-Berufsbildungswerk Soest, dem Förderzentrum für blinde und sehbehinderte Menschen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe erlernt. Nach der dreieinhalbjährigen Berufsausbildung hat Hasan Günüc in zwei kleinen Drehereien erste Berufserfahrungen gesammelt und sein Fachwissen in der Praxis ausprobiert. Jetzt ist er froh, diese Arbeitsstelle bei der Klaus Kuhn GmbH bekommen zu haben. „Die Arbeit hier macht mir richtig viel Spaß und mit den Vorgesetzten und Kollegen klappt es prima. Ich habe es noch keinen Moment bereut, dass ich mit meiner Frau von Soest nach Radevormwald umgezogen bin. Für eine gute Arbeitsstelle muss man auch einen Ortswechsel in Kauf nehmen, selbst wenn die ganze Familie dort zurückbleibt“, erzählt Hasan Günüc und ergänzt: „ Und eine gute Arbeitsstelle habe ich ja hier gefunden.“ Dass er sich hier wohl fühlt, sieht man ihm auch an. Er trägt ein T-Shirt und eine Schirmmütze mit dem Logo seines Arbeitgebers.
Hasan Günüc steht vor „seiner“ CNC-Drehmaschine, umringt von Rohmaterial und fertigen Drehteilen, die auf Paletten gestapelt auf die Weiterbearbeitung warten. Auf der Werkbank und in dem Rollcontainer vor ihm liegen zahlreiche Messinstrumente mit digitaler Anzeige. „Die Digitalmesswerkzeuge sind mir als Hilfsmittelausstattung von meiner Agentur für Arbeit zur Verfügung gestellt worden. Die hatte ich schon, als ich zu Firma Kuhn kam. Das war eine sehr gute Sache, weil mein Prozessleiter gleich sehen konnte, wie ich mit meinen Messmitteln arbeite und dass ich damit auch gleichmäßig hohe Qualität abliefern kann“.
Qualität und Präzision sind in diesem mittelständischen Betrieb, in dem insgesamt 245 Mitarbeiter Kunden in ganz Europa mit Drehteilen aller Art beliefern, ein ganz entscheidender Faktor. „Das geht nur, wenn wir uns auf unsere Mitarbeiter verlassen können“, betont Herr Tharang und lobt Hasan Günüc: „Er hat sich toll entwickelt und setzt sich ganz hervorragend für das Unternehmen und seine Arbeit ein“. Dann erzählt er schmunzelnd: „Herr Günüc erzählt den Kollegen außerdem manchmal, dass sie es hier im Betrieb ganz gut angetroffen haben und erklärt ihnen, dass das nicht in allen Firmen so ist. Wir bemühen uns von Seiten der Unternehmens- und Abteilungsleitung aber auch, dass sich die Mitarbeiter hier wohl fühlen. Natürlich haben wir einen großen Arbeitsdruck. Die Maschinen müssen laufen. Aber wir versuchen dabei menschlich zu bleiben und auf die Bedürfnisse Einzelner einzugehen“. Und weiter: „Wir haben gemerkt, dass man mit Verständnis viel weiter kommt als mit Druck.“
Verständnis für den Einzelnen war bei der Einstellung des neuen Mitarbeiters Hasan Günüc ganz sicher notwendig, kannte sich doch in dem expandierenden Betrieb im Bergischen Land niemand mit Sehbehinderten und deren besonderen Arbeitstechniken aus. Die Hemmschwelle beschreibt der Fertigungsleiter und Personal-Verantwortliche Herr Bernhardt so: „Wir haben uns zunächst ein wenig schwer damit getan, einen sehbehinderten CNC-Dreher einzustellen. Als Herr Günüc sich hier beworben hat, konnten wir uns nicht vorstellen, wie er mit dieser Behinderung die Anforderungen erfüllen kann, die wir an ihn stellen. Wir haben hier im Haus einen sehr hohen technischen Standard und unsere Kunden haben sehr große Qualitätsansprüche, die wir erfüllen müssen“, erklärt er. „Aber inzwischen sind wir von Herrn Günüc und seinen Fähigkeiten so überzeugt, dass die Sehbehinderung gar kein Thema mehr ist“.
Die positiven Erfahrungen mit dem gut ausgebildeten Absolventen des LWL-Berufsbildungswerkes Soest hat ein Jahr später bei der Edelstahlgiesserei Klaus Kuhn zu einem weiteren Arbeitsvertragsabschluss geführt. Nach einem Praktikum zum gegenseitigen Kennenlernen wurde der gelernte Werkzeugmaschinenspaner Sascha Fehr im Sommer 2007 eingestellt. Er arbeitet jetzt an einer konventionellen Drehmaschine und kümmert sich um die Bestückung der Maschinen und um die Maßkontrolle der Drehteile. „Hier wird nicht ganz so genau gearbeitet, wie in der CNC-Fertigung. Wir drehen die Rotationsteile vor, die dann anschließend von Kollegen wie Herrn Günüc weiter bearbeitet werden“, erklärt der zuständige Prozessleiter Jens Opitz den Ablauf.
Auch er ist mit seinem neuen Mitarbeiter vollauf zufrieden. „Er gibt sich die größte Mühe, alles zu verstehen und alles richtig zu machen. Und das klappt auch.“ Nur das Farbsehen klappt aufgrund der Sehbehinderung nicht. „Das hat am Anfang echt Probleme gegeben“, sagt Sascha Fehr, „als ich das Material von der roten Palette nehmen wollte. Die Teile darauf sind nämlich nicht in Ordnung und sollten zum Einschmelzen zurück in die Giesserei gehen“. Und dann? „Da haben die Kollegen ordentlich geschimpft, und dann haben sie überlegt, was sie tun können, um mir zu helfen“, erzählt er und grinst: „Jetzt sind Buchstaben auf der Palette, die sagen, ob das Material gut oder schlecht ist. Und seit dem habe ich auch keine falsche Palette mehr zur Bearbeitung an meine Maschine gefahren.“
Dass die Zusammenarbeit mit den Kollegen klappt, wird von dem Prozessleiter Herrn Opitz bewusst gefördert: „Wir stellen jedem neuen Mitarbeiter einen sogenannten Paten zur Seite, der ihn während der Einarbeitungszeit begleitet und ihm alles Wichtige zeigt“, sagt er und meint weiter: „Gerade bei Herrn Fehr war diese Art der Einarbeitung eine gute Sache, weil er zu einem Kollegen einfacher und leichter eine vertrauensvolle Basis aufbauen konnte. Dass das Team sich ohne meine Hilfe eine Lösung für das Problem mit der Beschriftung der Ausschussware hat einfallen lassen, beweist das eindrucksvoll.“ Natürlich bekommt Sascha Fehr auch weiterhin die Unterstützung seiner Kollegen. Aufgrund seiner Sehbehinderung kann er die Paletten mit dem schweren Material nicht selber mit einem Gabelstapler transportieren. Das besorgt dann der Mann von der Nachbarmaschine ganz selbstverständlich mit. „Wenn sich Herr Fehr gut bei uns einarbeitet, können wir uns vorstellen, ihn in die CNC-Dreherei zu versetzen. Wir möchten unseren Mitarbeitern Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven bieten. Ein Handicap wie eine Sehbehinderung ist für uns keine Grenze mehr, sondern höchstens noch eine kleine Hürde“, sagt Herr Bernhardt und ergänzt: „Das ist nach den guten Erfahrungen jetzt überhaupt keine Frage mehr.“
Hier zeigt sich die Grundeinstellung, die in diesem Unternehmen überall spürbar ist. Ob beim gemeinsamen Gespräch am runden Besprechungstisch zur Lösung von Problemen, ob bei kurzen Telefonaten oder der Bitte um Unterstützung, ob bei Maschinen oder Werkstücken: hier dreht sich wirklich was. Und viel dreht sich um die Menschen, denen individuelle berufliche Entwicklungen zugetraut und ermöglicht werden.